Der eiserne Abgrund

Vor zwei Jahrzehnten brach der eiserne Vorhang zwischen Ost und West endgültig zusammen. Damit galt und gilt das politische System des Kommunismus als falsifiziert (widerlegt). Abgesehen von einigen Staaten wie Kuba, Vietnam, Nordkorea und China halten nur noch wenige Regierungen der Ideologie des Sozialismus die Stange.

Dass gerade im arabischen Raum ein anderer eiserner Widerstand fällt und die Welt sich selbst wiedervereinigt, wird offenbar. Aber zwischen der Nordhalbkugel und dem Süden gab es und gibt es einen deutlich schärferen Abgrund als bloß politische Systeme: Es ist die Zivilisation selbst, die auf der südlichen Hemisphäre in einem völlig anderem Stadium ist als im Norden. Es geht dabei um Reichtum. Es geht dabei um Kultur. Es ist aber auch eine Dimension traditioneller geographischer Vor- und Nachteile am Werk. Denn der Süden ist reich an Sonne, Bodenschätzen aber arm an Wasser, Industrie und Infrastruktur.

Die Diktatoren haben lange Zeit die Arbeit übernommen, die in Amerika der große Zaun auch nicht zu leisten vermag: Die Armut von den reichen Ländern fern zu halten. Es ist kein Geheimnis, dass die EU unter anderem deswegen gute Miene zum bösen Spiel einiger Potentaten gemacht hatte. Abgesehen von der möglichen oder tatsächlichen nordafrikanischen Finanzierung einiger europäischer Firmen und Machthaber…

Wenn nun aber der lang erwartete clash of cultures dazu führt, dass es gar nicht zu dem befürchteten Kultur oder Religionskrieg kommt – sondern schlicht zu einem Boomerang-Effekt des scheinbar liberalen Weltmarkts. Die enorm billigen 1kg-Tüten gefrorenes Hühnerklein, die den afrikanischen Markt überschwemmen und damit jegliche heimische Hühnerzüchter in die Pleite stürzten, haben natürlich Auswirkungen. Wie sonst sollten sich die enorm subventionierten Landwirtschaftsgüter aus der EU in aller Welt verbreiten als auf dem Rücken der Armut lokaler Bauern? Da das Kapital in den letzten Jahrzehnten noch stärker angestiegen ist als die Investitionsmöglichkeiten an der Börse, wälzt sich zusätzlich noch eine Welle an investitionswilligem Kapital durch die Lebensmittelspekulation.

Die Ernte der sogenannten Liberalisierung (wie zynisch, dass man in hoch subventionierten Branchen auch dieses Wort benutzt) wird jetzt eingefahren: Es sind Tausende, die nach Norden wollen. Und dieselben Kräfte, die jahrzehntelang die Politiker mit Phrasen bombardierten bis diese die Regulierungen aubbauten, die wollen nun hohe Hürden erreichten für diese Ernte (Einreise).

Man könnte der Kakophonie der liberalen Gutmenschen nun entgegenrufen, dass sie das Prinzip der korrespondierenden Röhren nicht verstehen. Aber Mechanik hilft wenig beim Verständnis der aktuellen Entwicklungen. Auch der Rückgriff auf Themen wie Religionen oder Traditionen scheint aus der Mottenkiste der Sozialwissenschaftler zu stammen.

Es ist die schreiende Ungerechtigkeit, die viele in den arabischen Ländern zum Aufruhr treibt. Wenn der Luxus und die Freizügigkeit des Nordens von einigen wenigen reichen Familien im eignen Land gelebt wird mit Unterstützung und Billigung durch den moralisch reinweißen Norden, dann wird die Volksseele irgendwann zum Lemming und springt über den Abgrund. Viele Leichen ergeben dann eine Brücke ins gelobte Land des Wachstums und Fortschritts – und zwar exakt zu einem Zeitpunkt, wo dieser in sich selbst zusammenfällt. An dem „Hochtechnologieland“ Japan wird einmal mehr klar, woran der ewige Wachstumsgedanke scheitert: an der quartalsgeschädigten Gier und Verantwortungslosigkeit der Leute, die wir als die Crème der arbeitenden Bevölkerung mit extra viel Gehalt ausstatten. Es wird langsam auch klar, warum sie so exorbitante Summen bekommen. Es geht nicht um die Entlohnung von Leistung. Es sind Schweigegelder, die gezahlt werden, damit das Herrschaftswissen niemals beim Souverän ankommt.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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3 comments

  1. Oh, dem ist noch jede Menge hinzuzufügen. Die Erkenntnis der Ungerechtigkeit ist ein erster Schritt. Danach braucht es einen Blick auf die Grundübel der Weltordnung. Z.B. das Problem der „Wirtschaft“ an sich. Wirtschaft ist keine Basis für ein gutes Leben.

    Das haben natürlich viele noch nicht kapiert. Sehr viele. Es ist eine der letzten Ideologien, die noch nicht flächendeckend hinterfragt werden. Aber das kommt. Je mehr Wirtschaft aufhört, konkret als Lebensbasis zu funktionieren – und je mehr Menschen mir zuhören -, desto mehr wird auch da ein Umdenken und Aufwachen stattfinden.

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