Fort-Schritte – Das neue Neu

Es könnte sein, dass der Fokus auf technische Innovationen eine große Lücke verdeckt, die das Gerede um mehr Bildung nur unzureichend aufhübscht. Wer Neues wagt, bekommt vor allem im Web schnell auf die Mütze.

SparschweinManche waren enttäuscht. Das neue Jahr hat sie nur mit einem weiteren Telefon beschenkt. Das kann immer noch Internet und Fotos schießen, die mit einem Rahmen drum und verschraubten HSV-Werten fast aussehen wie von einem Profi, abgesehen von den Motiven. Denn ein Auge für schöne Motive gibt es nicht bei Instagram oder Facebook Photo. Auch im iPhone5 ist kein Algorithmus für gelungene Kommunikation drin. Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen, die wirklich bahnbrechenden Ideen sind bereits schon realisiert worden. Es kommt nur noch Schmuck am Nachthemd.

Naja, es gibt schon Neues. Dass der Bundestrainer vielleicht kein Hetero ist, scheint keine Denkunmöglichkeit mehr zu sein. Illustriert wird der brandneue liberale Wind in den Köpfen durch eine tolle Trikotwerbung in der Bundesliga. Aber dass es in den Stadien mittlerweile gelebte Genderpolitik gibt bei den Ultras, das hat es sogar in die Medien geschafft. Wenn das so weitergeht, dann wird sogar die Tatsache thematisiert, dass 20 Prozent der deutschen Frauen zuhause Gewalt erleben. Wenn das zugelassen wird, dann gibt es sogar eine derartige Differenzierung, dass auch die emotionale Kälte, die nicht wenige Männer abbekommen, wenn sie nicht „spuren“ auch eine Form der Aggression ist. Das Vergiften der Atmosphäre kennt man ja leider nur im professionellen Umfeld als Mobbing und damit als pathologische Erscheinung. Wer wollte sich vorstellen, dass es gelebte Realität in abertausenden Haushalten ist. Der Chef ist nicht der Einzige, der Schuld trägt, wenn Menschen an ihrem Leben vorbeileben.

Es gäbe neben dem Verbraten von Seltenen Erden noch eine Menge an Innovationen, die der Realisierung harren. Vor allem hier bei uns vor der Tür, oder sogar dahinter. Es fragt sich der Autor, ob diese ganze Idee des technischen Fortschritts am Ende nicht nur eine bloße Verhohnepiepelung der Konsumenten ist, damit sie Müll produzieren, um neuen Müll aus dem Laden zu zerren. Klar. Schumpetersche Zerstörung. Solange sie damit beschäftigt sind, lässt sich schon leben im süßen Vakuum. Ein paar Tattoos, eine heimliche Affäre und 70 PS mehr beim nächsten Wagen und schon schlucken wir unsere tiefe Unsicherheit und bange Hoffnung auf Besserung herunter.

Wenn man aber noch einen kleinen Schritt weiter guckt, dann könnte sich sogar der Gedanke aufdrängen, dass all diese Begleitumstände der Arbeitswelt – wie Verdichtung der Arbeit und Produktivitätssteigerung, die seit dem therapeutischen Zeitalter in den 80ern des letzten Jahrhunderts mit humanistischen Idealen verheiratet wurden – im Hochleistungsmitarbeiter und Hochleistungsteam nicht ihr Ende sondern ihr Fanal gefunden haben. Statt sich also um die nähere Umwelt und den direkten Alltag zu kümmern, werden nun Scheinemanzipationen angestrebt: Hierarchien in der Firma verschwinden, in Beziehungen darf jeder fast alles, und die Kinder sind zu Elite-Söldnern einer Mentalschlacht in der Zukunft verkommen, die nur noch gewinnen kann, wer Klavier spielt, sechs Sprachen spricht und bei Counterstrike sechsundzwandzig Gegner per Headshot ins Jenseits befördert. Denn nur so kann man ordentlicher Drohnenpilot werden.

Wir bezahlen noch nicht mal die Kämpfer für Friede, Freiheit und Eierkuchen im Internet. Es wird gerungen um die wahre ethische Gesinnung bei den Piraten als ginge es um unser Leben. Und das tut es. Allerdings ist die Leidenschaft mit der der grassierende ultraradikale Kommentarismus im Web daherkommt weniger Ausdruck einer Ideologie als Dokumentation einer tiefen Angst. Dieselbe Angst treibt die Kinder der Bildungsbürger in die viersprachigen Kindergärten. Es ist die Angst, dass man es im Leben nicht weiter gebracht hat als die Eltern. Denn dann müsste man sich die ganzen Vorwürfe sparen, die man zeitlebens an diese Generation verklappt hatte. Dann müsste man selbst Verantwortung übernehmen – und zwar nicht in operativer Hektik sondern einer Diskussion des Wohin, also der Vision. Braucht man eh nicht, hatte ja schon der Altkanzler Schnauze als Krankheit abgetan, diese Visionen. Das war übrigens der Kanzler, der die enorme Staatsschuldenkrise ins Rollen gebracht hatte, die durch Maggie Thatcher und durch Gerhard Schröder dann dort landete, wo sie jetzt ist: in den Armen derjenigen, die das neue Neu brauchen – als Motiv für neue Schulden. Also bei uns im Vorgarten.

Ob ein Glorienschein um das alte Leben ohne Konsum sinnvoll ist? Es ist unausweichlich. Denn ein Blick auf das globale Ressourcenmanagement ist verheerend. Millionen von Pendlern könnten sich angesichts von Home Office und der Wissensgsellschaft das Umhertreiben im Verkehr sparen. Sie würden Freiheit über ihre Zeit gewinnen, Öl und Geld sparen. Oder das billige Produzieren in Asien und anschließende Herumschippern um die halbe Welt zu den Märkten. Diejenigen, die eine Art Bewegung aus einer Abkehr vom ewigen Drang nach neuen Autos, neuen Telefonen, neuen Geliebten, neuen Göttern, neuen Lebensperspektiven extrahieren, sind auf dem Holzweg. Das Leben ändert sich. Mit und ohne unser Zutun. Die Frage ist, ob und wie wir uns dagegen sträuben und welche Energie uns diese „Freiheit“ kostet. Burn-Out und Stress sind da eher Begriffe aus der Kategorie Kleingeld. Es geht um Grundlegenderes, denn das „Alte“ ist Heimat und Herkunft der Natur und das neue Neu eine Art Flucht in die Zukunft mit einer sehr kurzen Halbwertszeit. Am nächsten Morgen ist sie abgelaufen, so wie das iPhone5 im nächsten Sommer.

Foto: mconnors

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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1 comment

  1. Grundsätzlich liegt das Meckern in der Natur des Netizens. Da ist die Piratenpartei eher ein willfähriges Ziel, vor allem wegen des propagierten oder von entäuschten Seelen herbeigewünschten Selbstverständnisses. Sie müssen noch liefern. Manche haben schon angefangen. Ob man grundsätzlich innerhalb des aktuellen Systems überhaupt so tiefgreifende Änderungen angehen kann wie hier angemahnt, kann man bezweifeln. Aber grundsätzlich stimme ich zu, vor den Aktivismus hat Gott das Vordenken gesetzt, das fehlt hüben wie drüben leider immer noch…

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