Aufreger! Exklusiv für Dich!

Es ist Saure-Gurken-Zeit. Der Euro liegt im Sauerstoffzelt. Der Dollar erholt sich auf wundersame Weise seit 2008. Und Asien erlebt das Platzen von Blasen. Außerdem ist Nils Minkmar weg von der FAS. Also tröpfelt deren Relevanz in der Diskussionskultur des nationalen Echtzeit-Stammtischs dahin. Bemüht man also eines der Zaubertrankheilkräuter, um das Röcheln zu einem gröhlenden Fanal aufzutunen. Sie nennen es ACTA, Leistungsschutzrecht, Urheberrecht, geistiges Eigentum. Wir nennen es das Umschmieden von Brandbomben zu Nebelkerzen.

Und schon hat eine Bloggeria, eine Plusseria und eine Facebookeria einen Feind sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Ein kluger Mann hat einmal gesagt: „Es ist so langweilig mit einer deutschen Frau zusammen zu sein: Nach spätestens sechs Wochen versucht sie, auszustesten, ob sie den Mann beherrschen kann. Ab dann geht es nur noch um Machtspielchen.“ Etwas Ähnliches passiert bei jedem validen Thema rund ums Netz.

Man hat den Eindruck, also ob die Herrschaften im Internet nix Anderes im Sinn haben. Man könnte diese Plattform für so viel Sinnvolles nutzen. Aber die Frontenbildung beiderseits des Schützenfest-Limes möchte das nicht. Man möchte Hoheit. Ganz wie weiland seine Exzellenz Franz-Joseph, der Starfighter, soll der Echzeit-Stammtisch sich gefälligst hinter der richtigen Generalität versammeln.

Ich halte die ganze Diskussion für auf halber Strecke in den Graben gelenkt. Es sollten alle Verlage, die vom Leistungsschutzrecht profitieren möchten, bis zum 31.12.2012 verpflichtet werden, ihre Inhalte hinter einer Paywall zu verschanzen. Dann könnten die dummdreisten Restmenschen ohne QualitätsXYZ und ohne Relevanzdekret einfach sich selbst aushalten. Mach‘ doch einfach Deine Öffentlichkeit selber. Dann verschwinden zwar die globalen Themen aber an ihre Stelle käme das wahre Leben ohne Gatekeeper-Funktion. Wir alle wissen, dass es im Web nur das gibt, was Menschen machen. Nur die Tatsache, dass manche abgeschirmt leben und vieles nicht mitbekommen, kann doch nicht allgemeines Gesetz werden, dass die Inhalte der Öffentlichkeit bestimmt. Solange keine Grundrechte eingeschränkt werden oder strafrechtlich Justiziables publiziert wird, soll es doch geben was die Phantasie erspinnt.

Produkt-Piraterie schädigt die Industrie. Im Fall von gefakten Ersatzteilen für die Luftfahrt oder die vierrädrige Fahrzeugwelt dürfte es längst ACTAs geben. Warum man das unbedingt an „geistiges Eigentum“ koppeln wollte? Es macht wenig Sinn, diskussionswürdige nicht-körperliche Produkte und Leistungen ähnlich behandeln zu wollen wie Stückgut. Das wäre ein sinnvolle Frage für eine Qualitätszeitung gewesen. Aber das Beeinflussen von Politikern durch die Bürger ist ähnlich spektakulär wie das Beeinflussen von Gesetzgebungsprozessen durch externe Schreiberlinge von großen Anwaltskanzleien. Der Unterschied liegt nur darin, dass Demonstranten auf der Straße und im Netz kein Geld für ihre Einflussnahme von Dritten verlangen. Insofern wäre der FAS-Autorin entgegen zu halten, warum Einflussnahme aufgrund persönlicher Interessen geringer geschätzt werden sollte als professionelle Einflussnahme auf der Basis eines Honorars. Warum zum Beispiel gibt es „Mietprofessoren“ für die Pharmaindustrie, warum mietet sich die Occupy-Bewegung keine Forscher?

Aber solche Themen kommen wohl nicht durch die interne Gatekeeper-Zensurschere von Qualitätsjournalisten, weil deren Verlage sich gerne selbst solcher Agenturen und Berater bedienen, um in Berlin die eigenen Interessen wahren zu lassen. Insofern ist es nur konsequent, der anderen Seite die unberechtigte Einflussnahme vorzuwerfen. Aber die Sache mit dem Splitter und dem Balken oder der Anzahl der Finger die auf jemanden zeigen, ist damit nicht eindeutig günstig verlaufen…

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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2 comments

  1. Netter Artikel, aber was genau ist seine haltung zu ACTA? Dafür oder dagegen? Oder machst Du einen auf Grauzone mit einem entschiedenen „Nein, aber…“

    Schießt der Artikel nicht auch gegen die Journalisten, warum?

    1. Hallo Hermann,
      meine Haltung zu ACTA ist kaum anders als die vieler Anderer: Das Verfahren war sehr geheimnisumwittert – wie so vieles in diesen Tagen was einen großen Teil der Europäer betrifft – und das weckt nicht nur mein Unbehagen. Dass es auch um Produktpiraterie geht ist ja kein Grund, so weitläufig und ungenau zu formulieren und viel Hintertürchen offen zu lassen. Zum LSR ist wahrscheinlich schon alles Wesentliche gesagt. Ob selbst angestellte Journalisten das überhaupt in der geplanten Form gutheißen, bezweifle ich. Es sind ja noch nicht mal alle Verlage, als die eigentlichen Nutznießer des LSR glücklich. Aber: Mittelfristig werden sehr viele Werbeeinnahmen der Verlage und Sender wegbrechen. Nur weil einige jetzt schon im erfolgreich im eCommerce mitmischen, heißt das nicht, dass es Verlagen gut geht…

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