Anstifterrecht

Es sind Milliarden. Es sind Milliarden Dollar. Es sind Milliarden Werke. Es sind Milliarden Leser, Zuschauer, Zuhörer.

Aber es gibt nur Tausende Künstler, Musiker und Autoren, die von ihren Werken leben können.

Warum das so ist?

Wir haben wenig Zeit. Wir müssen arbeiten. Wir müssen einkaufen. Wir müssen die Hausaufgaben kontrollieren. Uns mit dem Partner streiten oder versöhnen. Wir gründen Familien oder Firmen. Wir sind lebendig und schaffen unsere eigenen Werke.

Aus Sicht des Gesetzes sind dies Alltagswerke aber nicht schützenswert. Und wenn, dann nur als Privatsphäre. Nur leider wird diese Privatsphäre zunehmend durch Medien gestört, die sich in unser Leben drängeln. Bücher fallen vom Himmel, Filme laufen ungefragt auf der Fassade des Bürogebäudes gegenüber und überall tönt uns Musik entgegen.

Nein?

Nein, natürlich nicht, denn wir holen uns all das in unser Leben, indem wir Fernseher, Radio oder Smartphone nutzen. Zumindest wenn die Medien elektronischer Natur sind. Bücher und Zeitungen müssen wir aktiv holen, falls sie nicht per Abo ins Haus flattern. Alles das kommt zu einem Preis zu uns. Der ist unsere kostbare Zeit.

Wir können nicht zu den Tausenden Künstlern gehen und sagen: Lasst uns unsere Zeit für die Kinder, das Spazierengehen oder die Liebe. Denn die Künstler wollen einfach von ihren Werken leben. Also müssen sie viel produzieren. Denn diejenigen, die den Preis bezahlen, sind nicht wir. Es sind Verlage. Sie zahlen einmal und bekommen vielfach. Von den Werbekunden. Von den Lesern, Zuschauern und Zuhörern. Von den Gebührenzahlern. Von den Hoteliers und Kneipenwirten. Von den ganzen Menschen, die bereits bezahlte Werke wieder und wieder bezahlen müssen, um sie anderen wahrnehmbar anzubieten als Wartezimmerhintergrund oder sonstwei als Aufführung – auch wenn die Kneipe gähnend leer ist…

Nun ist Kultur im Wortsinne die Pflege. Und wir müssen diese professionelle Kultur achten. Das erwartet der Bildungsbürgerkodex. Es gibt aber auch Leute, die machen Kunst und Musik aus Spaß und aus Leidenschaft. Die verdienen ihr Geld bei der Aufführung oder Performance und nicht mit der Konserve alias Vervielfältigung. Diese Hersteller von Werken nennt man Urheber. Ein anderes Wort wäre Anstifter. Sie stiften uns an, uns anders zu fühlen, nachzudenken aus dem Alltag auszusteigen. Manchen gelingt das super.

Das Urheberrecht jedoch schützt die Rechte der Vervielfältiger. Wissen wir alle. Im Bermuda-Dreieck zwischen Urheber, Verlag und Konsument gibt es mindestens zwei Gefälle. Eines geht vom Verlag zum Urheber. Der hat kaum Rechte. Er bekommt ein Honorar und Schluß. Es ist egal, wie oft der Verlag seine Gedanken verkauft. Der Konsument muss mehrfach zahlen. Er muss Werbung konsumieren, will er Werke genießen. Er muss Gebühren zahlen. Er muss viele Lieder und Artikel mitkaufen, wenn er doch nur einen Song oder einen Artikel will.

All das ist anders im Netz. Apple verdient mit der kommerziellen Ausbeutung der Idee von Napster Millionen jede Woche. Viele Verlage haben kein Angebot mehr, dass es nicht auch anderswo im Netz gäbe. Daran sind zum einen die Agenturen schuld, die dieselben Inhalte mehrfach an die Verlage verteilen und jene drucken sie. Aber es sind auch die Menschen schuld. Denn die konsumieren Nachrichten nicht als Werk zum Genießen sondern als Ablenkung von der Arbeit, von den Mitmenschen in der S-Bahn oder von der eigenen Situation.

Das Netz ist voller Werke. Die Archive der Sender sind es auch. Und trotzdem sind die Sender nur so reich, weil wir alle Geld reinbuttern müssen, damit einige Wenige sich am sonntäglichen Tatort bereichern können und der Rest der Filmschaffenden nur Almosen aus der Filmförderung bekommt.

Wenn wir also die monopolistischen-monothematischen Nachrichten-Agenturen, die monopolistischen-monothematischen Filmförderungen und monopolistisch-monothematischen Musik- und Buchverlage ansehen, dann wird schnell klar, dass es von wenigen Themen viele Angebote gibt und der ganze Rest in den Weiten des Web zu finden ist. Uralte Dokumentationen aus dem TV der Achtziger, Texte über transpersonale Psychologie oder Selbstbauanleitungen für irgendwelche Elektrohelfer, die die Industrie nicht produziert.

Was wäre, wenn es weniger Sendungen, aber dafür mit mehr Liebe zum Detail produzierte Sendungen gäbe. Was wäre, wenn es weniger Ähnliche, aber dafür besser bezahlte Bücher gäbe. Was wäre, wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit einem Sampler, einer Gitarre und einer Stimme die Tonstudios bevölkerte sondern nur die, die sich auf der Straße in Clubs oder sonstwo schon profiliert hätten?

Was wäre, wenn die Verlage auf 25 Prozent Ertrag nach Steuern verzichten würden und so wie der Rest der Industrie mit 10% sehr zufrieden sein würden?

Was wäre, wenn nicht die Medien genau wie die Apotheken und die Bauern auf besondere Rechte pochten, sondern den freien Markt erleben müssten.

Dann würde niemand auf das böse Internet schimpfen, weil alle einfach an der Qualität schrauben würden.

Vielleicht würde es auch helfen, einfach jedes Werk anmelden zu müssen, damit es schützenswert wird. Aber mir schwant, dass auch da wieder bestimmte Leute bevorzugt behandelt werden würden…

Photo: codhra

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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