An der Hilfe sollt Ihr sie erkennen…

Die Betreiberfirma des zerborstenen Atomkraftwerks Fukushima TEPCO beweist der Welt einen großen Dienst. Sie zeigt das Gesicht der Industrialisierung: Arbeitslose, Obdachlose und Gastarbeiter werden stundenweise verheizt, um der Welt zu zeigen, dass man irgendetwas tut. Hunderttausende Japaner frieren und hungern. Die Welt schaut gebannt dabei zu und kann sich glücklich schätzen als bessere Hälfte der Welt dazustehen.

Man könnte sich also beruhigt hinsetzen, per Click bei iTunes oder den vielen Hilfsorganisationen ein paar EURO platzieren und auf schnelle Besserung wetten. Aber mancher wird sich erinnern, wieviele Milliarden noch übrig sind von den Tsunami-Spenden die vor einigen Jahren in Thailand und Umgebung hätten niederprasseln können. In der Realität liegen diese Schätze noch immer auf diversen Konton der Banken und bringen schöne Zinsen ein. Es wäre also genug Geld da um ganz Japan drei Wochen zu ernähren. Angesichts des organisatorischen Chaos in Japan gewinnt man aber den Eindruck, dass nationaler Stolz weitaus schlimmere Folgen hat als das Ausliefern der Bevölkerung an gewissen- und hilflose Verantwortliche.

Wieso bitten Japaner über Facebook ihre Freunde im Ausland, ihnen Nachrichten über Fukushima zukommen zu lassen? Wieso lässt die Regierung keine Fachleute ins Land, die Erfahrung mit solchen drohenden nuklearen Katatrophen haben?

Aber angesichts des millionenfachen Konsums von apokalyptischen Bildern aus Japan fordert das Über-Ich der medialen Öffentlichkeit eine Teilnahme und Verantwortung…

Und so verwundert es auch nicht, dass die ersten Firmen schon anfangen mit Hilfsaktionen Werbung zu betreiben. Die Schweizer wundern sich, dass man überhaupt für das drittreichste Land der Erde spenden soll. Man könnte sich dazu versteigen zu sagen, dass man dem japanischen Volk am besten hilft, in dem man ihm die Möglichkeit eröffnet, den Götzen des Stolzes und des Gehorsams vom Thron zu stoßen und offene Kommunikation, Transparenz und Verläßlichkeit an dessen Stelle zu setzen. Wenn man aber gerade die Länder betrachtet, die solches Verhalten wie eine Monstranz vor sich hertragen, dann bleibt einem das Argument im Halse stecken. Denn genau die Industrialisierung, die Menschen am Rande der Gesellschaft verheizt, ist derselbe Schreihals, der von anderen unbedingte Offenheit fordert und den unbedingten Glauben an die Zahl.

Denn die Zahlen und Wahrscheinlichkeiten werden heutzutage benutzt um vermeintliche Wahrheit zu erschaffen: AKWs sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher. Gentechnik ist fast risikolos, weil es unwahrscheinlich ist, dass sie Risiken beherbergt. All diese Augenwischerei mit der ehemals heiligen Kunst der Mathematik hat eines sicher offenbart: Wir spenden unser Vertrauen, damit Ingenieure glauben können, dass sie unser Leben bereichern mit ihren Ideen. Doch zwischen dem, was man will und dem was man braucht besteht ein existentieller Unterschied. Den müssen die Japaner im Nordosten aktuell am eigenen Leib erfahren. Es ist also nicht nötig, dass die Werbung uns weiterhin einredet, was wir wollen sollen. Denn die Technologiefirmen könnten einfach das, was wir brauchen optimieren. Damit hätten sie ausreichend zu tun. Aber es scheint ja noch immer ein Rätsel zu sein, wie man aus dem Abgas Kohlendioxid einen Rohstoff macht. Zum Glück ist es kein Rätsel für diejenigen, die Meerwasseralgen mit CO2 füttern und daraus dann Biotreibstoffe ernten. Aber wir diskutieren weiterhin über Erdöl, Elektroautos, Solar-, Wind-, und Atomstrom. Denn deren Lobby ist einfach reicher. Also können die Journalisten mehr Informationen darüber im Netz finden.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , ,

2 comments

  1. Wie kann man sich Redaktionsleiter nennen und einen Beitrag schreiben, indem gleichzeitig von hundertausenden frierenden und hungernden Japanern gesprochen wird und von einem zerborstenen AKW, ohne das Wort Erdbeben und Tsunami (ausser bezüglich Thailand) in den Mund zu nehmen? Also so zu tun, als sei der AKW-Unfall für das ganze Elend Japans verantwortlich? Ein wunderschönes Anschauungsbeispiel für Journalismus als ideologische Propaganda.

  2. Das ist recht einfach: Nicht jeder Leser stellt einen kausalen Zusammenhang her, wenn zwei Zustände in einem Beitrag auftauchen. Das Problem ist in diesem Beitrag aber nicht das Erdbeben und auch nicht die Atomenergie sondern der Umgang damit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.