Zurückgeklickt: StudiVZ – Bist du noch drin?

Seit fünf Jahren regt sich nichts mehr bei meinen studiVZ-Freunden. Das soziale Netzwerk ist zu einer Zeitkapsel verkommen, die Zeichen des Verfalls sind allgegenwärtig. Eine Reise in die Vergangenheit. // von Hendrik Geisler

Ich melde mich im Februar 2016 zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder bei studiVZ an. Ich wusste gar nicht mal mehr, ob mein Profil noch besteht. Das tut es – nur ein neues Passwort muss ich erstellen, da ich mich beim besten Willen nicht mehr an mein altes erinnern kann. Als ich mich endlich einlogge, sieht alles aus, als wäre ich nie weg gewesen. Ein Besuch auf studiVZ ist eine Reise in die Vergangenheit.

Nach dem Login erwartet mich der Buschfunk. Möchte man das veraltete studiVZ mit Facebook vergleichen, so ist der Buschfunk wohl das Äquivalent zum Feed. Ein Algorithmus filtert dort mittlerweile die Beiträge für uns, wir bekommen nur einen geringen Teil von dem zu sehen, was unsere Kontakte so posten. Beim Buschfunk gab es vor Jahren alle Informationen ungefiltert. Jetzt auch noch – vermute ich. Denn von den Aktivitäten meiner Freunde, ist dort nichts zu sehen. Einzig der Hinweis: “Nix los hier – zumindest von Deinen Freunden ist gerade nichts zu sehen. Schick doch mal einen Funkspruch in die Runde.” Okay, mache ich. Wenn man in einem verlassenen Haus herumstromert, ist es doch auch nicht unüblich ein “Ich war hier” oder andere Sprüche an der Wand zu hinterlassen oder?

Das Echo bleibt aus

Als ich in das Textfeld gehe, wird mir angezeigt, dass ich noch 140 Zeichen zur Verfügung habe. Ha! Ihr Kopierer! Hatte der Holtzbrinck-Verlag, dem studiVZ bis 2012 gehörte, wirklich gedacht, die Twitter-Reminiszenz würde das Netzwerk retten? Naja. Um zu testen, ob sich noch überhaupt irgendjemand auf dem roten Facebook-Klon rumtreibt, schreibe ich “Ist überhaupt noch irgendein Schwein hier?” Ich fühle mich, als würde ich einsam in einer Bahnhofshalle stehen, mein Ruf schallt durch die Gemäuer, ein Echo bleibt aus. Im Reiter “Freunde & Co” wird mir noch vorgeschlagen, ich solle doch mal wieder Leute einladen. Ein Lachen kann ich mir nur mühsam verkneifen.

Apropos Freunde (schwer, manche so zu nennen, wenn ich mich beim Anblick ihres Namens frage, wer sie sind): Ich habe derzeit noch 310 davon bei studiVZ. Faszinierenderweise haben vier Personen noch im Jahr 2013 ihr Profil aktualisiert, eine ganze Menge noch 2012, doch die meisten hinterlassen schon seit 2011 keine Spuren mehr. Ich entdecke die Funktion “Nur Leute anzeigen, die online sind” und werde plötzlich ganz aufgeregt. Könnte es wirklich sein, dass ich hier noch Leben finde? Ich setze einen Haken und sehe mich schon im Gespräch über die Motivation, sich nach all den Jahren in einem verlassenen sozialen Netzwerk rumzutreiben. Doch: “Von Deinen Freunden ist gerade keiner online.” Schade.

VZ-Moderator – der einfachste Job der Welt

Ich gehe auf meine eigene Seite und sehe, dass mir in den letzten Jahren verlässlich eine Person zum Geburtstag gratuliert hat. Es ist Lea, VZ-Moderatorin. Echt nett, dass sie immer wieder an mich denkt. Muss eine gute Person sein. Auf ihrem Profil lerne ich, dass sie sich mit 120 Mitstreitern um die VZler kümmert. Der einfachste Job der Welt.

Ein echter Mensch hat mir das letzte Mal an meinem Geburtstag im August 2011 eine Nachricht an die Pinnwand geschrieben, seitdem besucht mich nur noch Lea. Ich finde einen Eintrag vom 28. August 2010. Ein damaliger Bekannte hatte folgendes geschrieben: “btw, leg dir mal facebook zu, studi ist UNCOOOOOOL !!!!” Recht hatte er. Als der amerikanische Konkurrent nach Deutschland kam, keine Unterscheidungen traf zwischen Studenten, Schülern und anderen, über Grenzen hinweg funktionierte und schon dabei war, die Welt auf den Kopf zu stellen, fegte er über studiVZ hinweg und nahm die Nutzer mit. Ein anderer Freund hat am 21. Juli 2011 das letzte Mal etwas aktualisiert, seitdem trägt sein Name auf studiVZ den Zusatz “nur noch bei facebook.”

StudiVZ ist retro

Ich bin noch immer Mitglied in 44 Gruppen. Ihre Namen zeugen von vergangenen politischen Einstellungen (“RCDS Uni Würzburg e.V.”), längst vergessenen Musikphänomenen (“Jimi Blue – Nie war Rap härter”), Literaturspäßen (“Effi und Crampas haben es wild in der Kutsche getrieben”), Heimatverbundenheit (“***Biste Öcher – Biste König***”) oder Erinnerungen an die Kindheit (“When I was your age, Happy Meal was called Juniortüte”). Würde ich heute eine neue Gruppe gründen, hieße sie: “When I was your age, facebook was called studiVZ”. Alten studiVZ-Nutzern, die sich gerne mal alt fühlen möchten, sei geraten die bento-Beiträge zu studiVZ zu verfolgen. Sie laufen unter der Rubrik “Retro”.

So ganz alleine im leeren studiVZ-Haus, das macht keinen Spaß. Vielleicht hilft ein Blick in alte Fotoalben. Doch die meisten Bilder sind nicht mehr da. Zerbrochene Datei-Icons erinnern daran, dass hier mal Leben, Austausch von Erinnerungen, Interaktion stattgefunden hat. Auf 41 Bildern bin ich verlinkt, 22 davon gibt es noch. Ich sehe einen Menschen, der ich nur noch in Andeutungen bin. Manche Aufnahmen sind ganze acht Jahre her, ich spiele Darts in einer verrauchten Kneipe, trage ein Enten-Kostüm zu Karneval, bin mit meinem Alemannia-Aachen-Fanclub auf Auswärtsfahrt, posiere mit den anderen Mitgliedern des Literaturkurses nach der Vorstellung unseres Interpretation von “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.” Komischer Kerl, denke ich mir, und sehe mich selbst.

StudiVZ ist eine Zeitkapsel, ermöglicht mir einen Blick in ein anderes Leben, eine Zeit, in der soziale Netzwerke noch nicht der Alltag für Milliarden von Menschen waren, sondern eine aufregende Neuheit. StudiVZ macht nachdenklich ob des allgegenwärtigen Verfalls, lässt mich auflachen, ruft mir schöne und aufregende Tage ins Gedächtnis. StudiVZ ist kein Ort zum Verweilen. Die Geister vergangener Tage bereiten mir ein unwohles Gefühl, es scheint dort zu spuken. Ich muss hier weg. Aber ich komme wieder – und vielleicht hat mir dann jemand auf meinen Buschfunk geantwortet, neue Leute eingeladen, wieder Leben in die alte Bude gebracht. Dann tanzen wir gemeinsam über den Staub verlassener Profile und freuen uns mit Lea des Lebens.


Teaser & Image by “computer-pc-workplace” by janeb13 (CC0 Public Domain)


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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