Zurückgeblickt: Ich bin ja schon drin

Videos und Werbeclips aus der Blütezeit des World Wide Web bieten im Jahr 2015 vorzügliche Unterhaltung.

Ist der Einsatz von Werbeblockern sinnvoll oder gar moralisch verwerflich? Müsste nicht Werbung besser, interessanter, wertvoller werden, damit die Diskussion überflüssig wird? Fragen, die zur Blütezeit des World Wide Web noch keine Rolle spielten. Werbung im Netz wurde noch nicht diskutiert, sondern vor allem über den Fernseher ausgespielt. Wirft man einen Blick zurück, findet man so einige Perlen voller Nostalgie und Komik.

Lauthals lachen und verständnisvoll nicken

Wer wie ich in den 1980er Jahren geboren wurde, gehört zur ersten Generation, die zwar noch überwiegend ohne Computer oder wenigstens ständigen Internetzugang aufwuchs, aber gleichzeitig die ersten Digital Natives hervorgebracht hat. Zu dieser Generation zu gehören, macht einen zum Nutzer zwischen den Welten. Wir werden die letzte Generation sein, die es nicht als normal empfindet, dass Sechsjährige mit High-End-Smartphones rumlaufen. Mit einem Nokia 3310 oder einem Motorala Razr war man früher noch der coolste auf dem Schulhof.

Wir sind die letzte Generation, die noch bei der ersten Vorbereitung auf ein Referat den Brockhaus oder andere Nostalgie auslösende Druckwerke zu Rate gezogen hat. Erste Rechercheversuche im Netz zur Bodenbeschaffung im Regenwald begonnen schon mal mit www.bodenbeschaffungimregenwald.de; Suchmaschinen waren halt nicht immer in unserem Alltag verankert. Es ist auch die wahrscheinlich letzte Generation, die Fußballspiele auf dem Live-Ticker des Videotextes verfolgt hat, aktueller ging es nicht, wenn man kein Premiere-Abo hatte. Und die vermutlich letzte Generation, die einerseits über frühe Werbeclips für Internet, Computer und Videospiele lauthals lachen kann, andererseits aber auch noch ein verständnisvolles Nicken zustande bringt.

“The Internet is amazing and it’s changing every day”

Wir können lachen, weil wir heute immer online sind, Internet ist nichts besonderes mehr. Der erste Blick am Morgen geht auf das Smartphone, News werden überflogen, schnell ein paar WhatsApp-Nachrichten verschickt, Twitter- und Facebookfeed werden gecheckt. Auch vor dem Schlafengehen fällt der letzte Blick nicht selten auf das Display. Mal eben noch ein YouTube-Video schauen, den Wecker stellen, was ging heute auf Snapchat? Alles ist so unglaublich stinknormal.

Wir können aber auch verständnisvoll nicken, weil wir uns an den Tag zurückerinnern, an dem Papa wie aus dem Nichts einen Computer installieren ließ. 333 Megahertz! Was das hieß? Weiß ich bis heute nicht. Ebenso wenig, wie ich es täglich geschafft habe, die Einwahl ins Netz ohne Tinnitus zu überstehen. Aber die neuen Möglichkeiten! Da ist es schon richtig, wenn der Nachwuchs der Familie Jamison, die im “Kids Guide to the Internet” den Zugang ins Netz erklärt, verkündet: “Okay guys, the first thing you need to know is that the Internet is amazing and it’s changing every day.”

Ganz richtig erzählt Peter Jamison, dass das Internet vor allem aus drei Gründen interessant ist: “Surfing in the World Wide Web, News Groups. E-Mail.” Wie toll das klingt, gibt der Besuch dann auch gleich zu: “Surfing? That sounds pretty cool already.” Die Zeiten haben sich gewandelt. Die E-Mail wurde schon zig Male für tot erklärt, gleichzeitig behalten Newsletter ihren Wert und bis Geschäftskorrespondenz per E-Mail von etwas Neuem abgelöst werden, gehen noch Jahre ins Land. Als eigenständigen Service außerhalb des WWW werden E-Mails schon lange von kaum jemandem mehr betrachtet. Die damaligen News Groups versteht heute auch kein Mensch mehr, es sei denn, er hat sie selber miterlebt. Und die große Zeit der News-Group-Nachfolger, der Foren, ist vorbei, sie sind ein Nischenphänomen.

“Ich bin drin!”

Die großen Mächtigen sind heute die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook. Wie würden Dasha und Peter Jamison wohl heute über Mark Zuckerbergs Imperium reden? ‘Okay guys, the first thing you need to know is that Facebook is everything. From a newsroom to a heaven for hate speech to news groups to a marketplace to a diary to a chat room to an event organizer. It’s everything. Everything but nipples.’ Im amüsanten Video, in dem man lernen kann, dass selbst das Weiße Haus online ist, verabschiedet sich Dasha von ihrer Freundin Lisa auf eine Weise, die so vielsagend ist über den Zustand des damaligen Internets: “Ruf mich an, sobald Du eine E-Mail-Adresse hast!”

Denkt man in Deutschland an Werbung für Internet, fällt einem meist zuerst Boris Becker ein. Der Mann, der in Deutschland jahrelang für Skandale, peinliche Fernsehauftritte und Stoff für die Klatschblätter gesorgt hat, verdingt sich mittlerweile als Trainer des weltbesten Tennisspielers. Doch ab 1999 machte der Rotschopf Werbung für den größten Internetprovider. Mal wunderte er sich, wie leicht es sei, ins Internet zu gehen, dann freute er sich, dass AOL ihm ganze sieben E-Mail-Adressen zur Verfügung stelle, und ein andermal über den Umstand, dass er E-Mails als SMS empfangen könne. Dass Boris Becker sich auch heute noch jeden Morgen beim Blick aufs Smartphone mit großen Augen und einem frohlockenden “Ich bin drin!” freut, muss bezweifelt werden.

Das Internet und die Computer, die damals so heftig beworben und beschrieben wurden, sind heute neben so viel anderem auch eine Fundgrube für die kuriosen Werbeclips. Apple befreite die folgsamen Massen 1984 noch von der IBM-Herrschaft, bei Compuserve musste man sich fühlen, dass man mit dem Kauf eines Computers direkten Zugang zum Cyberspace bekommen würde, IBM versprach die Revolution des Lernens durch die Digitalisierung von Büchern, das Wired Magazin erklärte mit einem Augenzwinkern, dass man dann den ganzen Tag beobachten könne, was der Postbote Zuhause ablegt, und der Internet Explorer hatte noch nicht den legendär miserablen Ruf von heute.

Wer lacht 2035 über unseren Blick auf Virtual Reality?

Die Firma Digital versuchte 1996 einen Blick in die Zukunft zu werfen und stellte richtigerweise fest, dass das Internet “das größte Ding seit der industriellen Revolution” sein wird. Dass unsere Web-Adresse aber unser Alles sein wird, ist kaum zu glauben. Fast 20 Jahre nach der Ausstrahlung der Werbung hat das Internet das Leben allerdings schon etliche Male auf den Kopf gestellt, umgekrempelt und ist längst dabei, auch das Morgen zu formen.

Man muss darüber lachen, wie vor teilweise nicht einmal zwei Jahrzehnten vom Netz geredet und gedacht wurde. Das gibt uns aber auch die Einsicht, dass wir uns selbst heute – wo wir uns doch alle als Digital Natives betrachten wollen, um auch bloß dazugehören zu können – noch lange nicht am Ende der Entwicklung befinden. Millionen von Videos finden jeden Tag ihren Weg auf YouTube und andere Videoportale. Heute findet man Unboxings, Reviews, Follow-me-arounds und was es nicht sonst noch alles gibt. Genug Material, um dann in der Zukunft wieder lauthals darüber lachen zu können. Und vielleicht auch verständnisvoll zu nicken, wenn man sich anschaut, wie 2015 Virtual Reality und andere Technologien umworben wurden, die in der Zukunft stinknormal sein werden.


Image (adapted) “playing with the Amiga 1000” by Blake Patterson (CC BY 2.0)


 

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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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