Zurückgeblickt: Talkshow-Zombies und das richtige Leben

Handy-Nacken, WhatsAppitis, Kurzsichtigkeit, willenlose Gehilfen der Digitalindustrie werden herangezogen, reihenweise werden Menschen von Straßenbahnen ins Jenseits befördert – die Folgen des Smartphones sind kaum absehbar. Und natürlich für die Menschheit „weit schlimmer als es Nikotin je war“. Das meint zumindest der Gehirnforscher Manfred Spitzer, wenn man seiner Vorstellung bei der letzten Ausgabe „hart aber fair“ vom 23. Mai glauben kann. Die Sendung behandelte das Thema „Immer online – Machen Smartphones dumm und krank?“ Das schöne an einer solchen Frage als Ausgangsgedanke für eine Diskussion ist ja, dass die Redakteure, die für den Inhalt der Sendung verantwortlich sind, sich jederzeit darauf berufen können, dass das eine offene Frage sei, die ja erst noch zu beantworten ist. Aber sie gibt schon die Richtung vor. Diese – so viel darf ich jetzt schon verraten – selten dämliche These muss dann nämlich erst einmal entkräftet werden. Das gelingt vor allem Frank Thelen, Start-Up-Investor aus der TV-Show Die Höhle der Löwen und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Aber das hier ist keine Rezension der Sendung, es geht nicht um das Für und Wider von Smartphones im Alltag und warum die beiden Herren natürlich Recht haben, wenn sie sagen, dass Kinder früh mit dem Digitalen in Berührung gebracht werden müssen, damit Deutschland nicht noch weiter abfällt im internationalen Digitalisierungs-Vergleich. Das ist ein Text, in dem ich Dampf ablassen muss. Über Manfred Spitzer und Frank Plasberg und den Umstand ihrer schlechten Vorbereitung. Hört man den beiden zu, könnte man meinen, wir befänden uns im Jahr 2007. Damals hat Apple mit dem iPhone den Startschuss für den Siegeszug der wichtigsten Technologie der jüngeren Vergangenheit gegeben. Und deswegen passen die anachronistischen Anmerkungen der Herren Spitzer und Plasberg auch so wunderbar hier hin, in eine Reihe, die ich sonst nutze, um Jahre in die Vergangenheit zu schauen, alte Artikel und Videos hervorzukramen. Es geht schon damit los, dass Plasberg zu Beginn der Sendung „ausnahmsweise mal eine private Mitteilung“ an seine Ehefrau machen möchte: „Anne, leg Dein verdammtes Handy weg! Wenigstens, wenn Du ‚hart aber fair’ guckst.“ Nein, Frau Gesthuysen, legen Sie das Smartphone bitte niemals weg während der Sendung Ihres Mannes. Schauen Sie sich lieber bei Twitter an, was die Zuschauer über den Quatsch denken, den Ihr Gatte dort redet. Dann fragt Plasberg: „Ab wann verstellt der Blick auf den Bildschirm den Blick auf das richtige Leben?“ Hier schnappt die Schere in meinem Kopf besonders heftig zu. Wie soll ein Jugendlicher oder junger Erwachsener oder überhaupt irgendeine Person, die nicht trennt zwischen on- und offline, sich ernstgenommen fühlen, wenn ihm zu Beginn der Sendung gesagt wird, dass das, was er da mit dem Smartphone macht, nicht das richtige Leben ist? „Sorry“, meine ich da rauszuhören‚ „was Ihr an Euren Geräten unternehmt, ist Ablenkung von der Realität.“ Als Manfred Spitzer dran ist, möchte er direkt mal beweisen, dass der Jugend ja durchaus bewusst ist, wie willenlos sie werden durch die Benutzung ihrer Smartphones und führt die schlechteste Begründung an, die mir nach Stunden des Überlegens in den Sinn gekommen wäre: „Smombie“, und während er weiter spricht, neigt Spitzer leicht den Kopf, will seinem Argument so wohl Nachdruck verleihen, „das Jugendwort des Jahres 2015 – Smartphone-Zombie.“ Und weiter: „Das ist nicht mein Wort. Das haben die Jugendlichen gemacht. Und ich muss sagen, da bin ich jetzt sehr optimistisch, die Leute kommen ja selber drauf.“ Falsch. Hätte die Langenscheidt-Jury die Entscheidung der Jugendlichen akzeptiert, dann wäre das Jugendwort des Jahres „merkeln“ gewesen, Smombie hätte eigentlich keine Chance gehabt. Dazu hier ein Text, den hat sogar ein Jugendlicher geschrieben. Im Laufe der Diskussion wird deutlich, dass Spitzer die Radikalität des jugendlichen Digitaldrangs vollkommen überschätzt. Früher haben sie noch gemalt, sind auf Bäume geklettert, haben Abenteuer erlebt und haben das Leben so richtig kennengelernt. Ach je, die guten alten Zeiten. Herr Spitzer, das machen Jugendliche auch heute noch, sie filmen sich nur oft dabei und schicken ihren Freunden Bilder von ihren Abenteuern. Es ist keine Entscheidung, die zwischen Smartphone und anderen Aktivitäten getroffen werden muss. Es gibt so viele junge Künstler, die ganz „altmodisch“ malen. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass sie ihre Werke viel schneller einem viel breiteren Publikum zur Verfügung stellen können, als es vor dem Smartphone möglich war. Spitzer holt sich zudem Hilfe aus dem Reich der Toten und sagt: „Steve Jobs hat gesagt, iPads sind nichts für Kinder.“ Wenn wir über die neuesten Technologien sprechen, dann können wir doch nicht ernsthaft einen Mann zitieren, der seit bald fünf Jahren tot ist. Wenn wir mit den Überzeugungen der Vergangenheit die Gegenwart gestalten, dann können wir Kleinkindern auch wieder Cola geben, ist ja eine Medizin. Ach ja, Rauchen ist auch total gesund, hat mal jemand in einer Werbung behauptet. Mein persönliches Highlight der Sendung ist allerdings Frank Plasbergs Reaktion auf einen Einspieler, in dem gezeigt wird, was heute alles in einem Smartphone steckt: Enzyklopädie, Fernseher, Schachspiel, Terminkalender, Atlas, Wörterbuch, Wasserwaage, Taschenrechner, Reiseführer, Digitalkamera, Radio, Wecker, Diktiergerät, und, und, und. Plasberg daraufhin allen Ernstes: „Alles drin, aber wer braucht das alles gleichzeitig?“ Natürlich niemand. Aber vieles brauche ich in meinem Alltag ständig. Über meinen Kalender lasse mich direkt zu Terminen navigieren. Ich kann bei der Arbeit vor Ort Bilder machen, die ich dann per Facebook und E-Mail schnell an die Redaktion schicken kann. Ich habe eine Liste von Artikelideen in meinem Smartphone gespeichert, die ich unterwegs ergänzen kann. Ich habe auch schon per Übersetzungs-App mit Flüchtlingen kommuniziert und zu meinem Archiv ist mein Smartphone ebenfalls geworden. Ich leihe spontan Roller aus und nehme Interviews mit der Diktiergerät-App auf. Aber klar, gleichzeitig kann ich das nicht nutzen. Die analogen Äquivalente der Apps übrigens genauso wenig, die nehmen dafür aber eine Menge Platz weg. Machen aber eben nicht dumm, das Smartphone schon. Verquere Logik. Das Thema der Sendung hätte heißen sollen: „Was müssen wir tun, damit wir in der Digitalisierung nicht den Anschluss verlieren?“ Da wäre dann noch praktischer Nutzen enthalten gewesen und nicht bloß eine Diskussion zum Fremdschämen. Einer Redaktion, die ihre Gäste ernstgenommen hätte, wäre für die Social-Media-Volontärin der ARD, Duygu Gezen, zudem eine bessere Bezeichnung als „bekennender Online-Fan“ eingefallen. Ich persönlich find ja offline ganz cool, aber online ist auch ziemlich genial. Aber ich kann mich gerade nicht entscheiden, habe keine Zeit, das richtige Leben wartet auf mich.


Image (adapted) „Smartphone“ by Yacine Petitprez (CC BY-SA 2.0)


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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