Zurück aufs Land – dank selbstfahrender Autos?

Selbstfahrende Autos werden verändern, wie wir leben, und das in jeder möglichen Hinsicht. Doch sie werden nicht nur uns Menschen beeinflussen – die nahende Revolution in autonomem Verkehr hat auch signifikante Folgen für Tiere und Pflanzen. Naturschützer und Landschaftsplaner müssen sich mehr Gedanken über die Wirkung selbstfahrender Autos machen, und zwar ganz besonders, wenn es um die erneute Zersiedlung der Landschaft geht.

In mancher Hinsicht verheißen die vielseitigen Entwicklungen bei der Automobiltechnik Gutes für die Umwelt. Elektrische Autos werden vermehrt den Verbrennungsmotor ersetzen, womit zumindest theoretisch die Kohlenstoffdioxid-Emissionen und gesundheitsschädliche Luftverschmutzung verringert werden dürften.

Durch die Verringerung von Staus könnten selbstfahrende Autos auch unseren Energieverbrauch senken. Im Gegensatz zu menschlichen Fahrern können Computer den „Ziehharmonika“-Effekt“ des unnötigen Beschleunigens und Abbremsens vermeiden, der Verkehrsstaus verschlimmert. Sie würden sich nicht dazu hinreißen lassen, zu „gaffen“, wenn sie an einem Unfall vorbeikämen. Und da autonome Fahrzeuge nicht durch menschliche Reaktionszeiten eingeschränkt werden, könnte es sinnvoll sein, die Höchstgeschwindigkeit für sie auf größeren Strecken im Stadtbereich anzuheben.

Daher können selbstfahrende Autos eine Zukunft schnellerer Reisezeiten mit stark verringerter Beeinträchtigung der Umwelt bedeuten. Sie können sogar dafür sorgen, dass weniger Tiere überfahren werden. Aber es ist ebendiese Effizienz der selbstfahrenden Autos, die Raumplaner und Naturschützer vor eine Herausforderung stellt. Es könnte sein, dass die Städte immer dünner besiedelt werden.

Streben ins Ländliche

Autonome Fahrzeuge versprechen eine Zukunft, in denen Fahrgästen freisteht, ihre Zeit produktiv zu nutzen – beispielsweise zum Arbeiten. Die Fahrzeuge können sich selbst parken oder Teil eines Sharing-Fuhrparks sein, was noch mehr Zeit im Berufsverkehr einspart. Wenn nun auch die Fahrtzeiten immer kürzer werden, wird es immer mehr Gründe geben, außerhalb der Stadt zu leben.

Hier spielen sowohl Push- als auch Pull-Faktoren eine Rolle: Schwindelerregende Preise in den meisten Städten verdrängen die Bevölkerung aus den Stadtzentren, während gesunde Umgebung und grünes Leben die Menschen ins Hinterland ziehen. Der begrenzende Faktor der Ausbreitung in die Vorstädte ist meistens die Fahrtzeit, ob im öffentlichen Verkehr oder mit privaten Fahrzeugen. Selbstfahrende Autos sorgen dafür, dass diese Gleichung grundsätzlich nicht mehr so aufgeht, wie gewohnt.

Bestehende Planungsvorschriften orientieren sich an unserem derzeitigen Verkehrssystem. So sind zum Beispiel grüne, weitläufige Flächen darauf ausgelegt, eine Zerstädterung zu verringern, indem die Entwicklung innerhalb einer Pufferzone um ein Stadtgebiet eingeschränkt wird. Dennoch macht es der geringere Verkehr, der durch selbstfahrende Autos ermöglicht wird, leichter, außerhalb des grünen Gürtels zu leben und weiterhin im Innern zu arbeiten. Diese Flächen sind also in Gefahr, eine dünne Schicht in einem Sandwich aus immer weiter fortschreitender Suburbanisierung zu werden.

Das ist natürlich eine Herausforderung, die wir seit dem Aufstieg des Autos in den 1940er Jahren nicht mehr erlebt haben. Die von Raumplanern erdachten Lösungen sind jedoch auf menschengesteuerte Autos ausgerichtet worden – nicht auf die Zukunft mit einem fahrerlosen Verkehr.

Andere Beispiele, wie die Tier- und Pflanzenwelt geschützt werden kann, schließen Naturschutzgebiete, Nationalparks und diverse “Gebiete herausragender natürlicher Schönheit” mit ein. Solche Gebiete haben entweder strikte Kontrollen für Bauprojekte oder lassen diese überhaupt nicht zu. Trotzdem sind es schöne Gebiete, um dort oder in der Nähe zu wohnen. Die nahende Revolution in der Automobilindustrie und die Möglichkeit, hinterm Steuer des computerisierten Fahrzeugs zu arbeiten, werden das Leben in solchen Gebieten vermehrt mit der Pendelei in die nächste Stadt in Verbindung bringen.

Überdruss der Stadt-Auswüchse

Das komplette Verschwinden von natürlichen Lebensräumen oder ihre Zersplitterung in immer kleinere Fragmente sind seit langem als einige der Hauptgründe für das Artensterben auf der ganzen Welt bekannt. Erneute Zersiedlung könnte dafür sorgen, dass das Ausmaß von Lebensraumverlust und -zerteilung immer größer wird. Diese Bedrohungen sind unter Naturschützern weit bekannt, aber es gibt unterschiedliche Ansichten, wie am besten darauf reagiert werden sollte.

Zum Beispiel empfehlen Öko-Modernisten eine Strategie des “land sparing”, bei der sich die Menschen auf die Stadtgebiete konzentrieren sollen und weite Landstriche unter Naturschutz gestellt werden. Es gibt viele kulturelle und ethische Probleme, die mit dem Einpferchen von Menschen in Städten einhergehen, aber die kurzfristigen Planungsschwierigkeiten durch autonome Fahrzeuge werden die Herausforderungen sogar noch verschärfen. Sie werden den Anspruch verstärken, in Gebieten leben zu wollen, die nicht geschont werden.

Als Alternative befürworten einige Naturschützer „Land-Sharing“, also das Teilen von Grundstücken, bei dem die Gemeinden die Art, wie wir landwirtschaftlich arbeiten und leben, neu anpassen, um mit Pflanzen und Tieren Seite an Seite zu leben. Autonome Fahrzeuge stellen erhebliche Herausforderungen für jeden der Ansätze dar, weil sie auf Straßen angewiesen sind, die wiederum die Landschaft zerpflügen.

Welcher Ansatz auch immer gewählt wird, wir müssen existierende Systeme und Vorschriften überarbeiten, um die vergrößerte Reichweite zu berücksichtigen, die den Verkehr für selbstfahrende Autos ermöglicht. Dies kann bedeuten, dass wir neue Regelungen für verschiedene Gebiete benötigen, um größere Landstreifen zu schützen als bisher. Mit Sicherheit werden weitere Entwicklungen grüner Infrastruktur, Lebensraum-Korridore und Grünstreifen verlangt werden.

Auch technische Lösungen können erforderlich sein. Dies wird wichtig, weil autonome Fahrzeuge auch unterirdisch gefahren werden müssten. Es ist möglich, sich eine Zukunft vorzustellen, in der die berühmten Bärenbrücken von Banff kleine Vorzeichen eines großen Programms sind, in dem Autobahnen mit jeder Menge Grün bewachsen sind. Das Umverlegen von Straßen in Tunnel wird nicht billig sein, aber es wird leichter werden, wenn menschliche Fahrer nicht mitgerechnet werden. Software-Fahrer sind weniger genervt von künstlichem Licht und effizienter darin, die Beeinträchtigung während der Bauarbeiten abzuschwächen.

Viele Naturschutzvorschriften basieren auf Planungen für die Welt, in der wir gerade leben. Strategische Planung von Naturschutz muss stattdessen wahrscheinliche Zukunftsszenarien berücksichtigen. Und in einer Zukunft der selbstfahrenden Autos ist es gut möglich, dass die Mega-Städte des 20. Jahrhunderts zu den Mega-Stadtwucherungen des 21. Jahrhunderts werden. Natürlich nur, solange sich nicht Raumplaner und Naturschützer diesen neuen Herausforderung stellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Autos“ by Pexels (CC0 Public Domain)


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Timothy Hodgetts

Timothy Hodgetts

machte einen BA (Hons) in Oxford (Christ Church) in Philosophie, Politik & Wirtschaft; an der Open University einen MA in Umwelt, Politik und Gesellschaft; in Oxford (Green Templeton) einen MPhil in Geographie sowie wieder in Oxford (Hertford) einen DPhil in der Geographie, die die Erkenntnisse der Konnektivität in der Tierwelt erforschte. Seine Arbeit erforscht: Wie sich die Menschen mit der Natur verbinden, wie Theorien aus den Naturwissenschaften das Verständnis dieser "Verbindung" verstrickt haben und die verschiedenen Implikationen, die in der Verwaltung und der Regierungsführung des menschlichen und nichtmenschlichen Lebens sichtbar sind.

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