Zukunftsszenarien für die Medien und die journalistische Ausbildung

Mit der Frage, wie weiter mit dem Journalismus, stellte die Böll-Stiftung die große Frage des Medienwandels, doch fand sie darauf “nur” die grundlegendste Antwort: eine bessere Ausbildung // von Tobias Schwarz

"Medienvielfalt, anders"</p/></p>
<p>“<a href=Medienvielfalt, anders” ist der Name eines 2004 von der Böll-Stiftung gegründeten Studienstipendienprogramms für Nachwuchsjournalisten, denen durch ein studienbegleitendes Qualifizierungsprogramm geholfen werden soll, sich gezielter auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Der Fokus des Stipendienprogramms liegt auf Studierende mit Migrationsgeschichte und dem Berufswunsch Journalismus. Doch um dem journalistischen Nachwuchs wirklich zu helfen bedarf es mehr als solcher Programme, wie eine Debatte am Montag Abend zeigte.

Medienkompetenz und Zufriedenheit sind Grundlagen des Journalismus

Welche Qualifikationen brauchen Journalisten für den digitalen Medienwandel? Eine der Fragen, auf die die beiden Keynote-Sprecherinnen, die Autorin Teresa Bücker und Annette Hillebrand, Direktorin der Akademie für Publizistik, eine Antwort zu finden versuchten. Bücker ging vor allem den Weg über die neuen technischen Möglichkeiten, denn neue Berufsbilder mit spezialisierten Aufgaben sind eine Zukunft des Journalismus, auf den sich Auszubildende vorbereiten sollten. Nachrichten werden digitaler, doch das Beherrschen neuer Techniken, Nonliner zu erreichen und sich nicht von netzelitären Debatten leiten zu lassen, muss erst noch gelernt werden.

Das eigene Wohl ist für Hillebrand eine der wichtigsten Ziele, die junge Auszubildende für sich klären müssen. In wirtschaftlichen Notzeiten der Redaktionen muss ein Ausbildungsplatz nach persönlichen Perspektiven gewählt werden: wo lerne ich das, was ich wirklich einmal machen will. Ihrer Meinung nach ist Journalismus eine mit einer nie fertig werdenden Baustelle zu vergleichende Aufgabe, die nicht für jeden etwas ist – unabhängig von Talent und Qualifikation. Wer für sich eine befriedigende und anregende Aufgabe gefunden hat, macht die Ausbildung mit einer Perspektive, weshalb vor allem die Ausbildungszeit zur Selbstklärung genutzt werden sollte.

Fünf Köpfe, eine Meinung: Die Ausbildung muss besser werden!

Mahnende Worte, die in der modernen Arbeitswelt – mit wenig Sicherheit, aber vielen Möglichkeiten – fast schon allgemeingültig sind. Sie haben aber ihre Berechtigung, denn Journalismus ist im Wandel und somit auch die Arbeit der Journalisten. Auf dem Podium appellierte deshalb die leitende Redakteurin des Tagesspiegels, Ingrid Müller, einen ruhigen Kopf zu behalten und eine solide Ausbildung im Zeiten des Wandels zu absolvieren. Auch taz-Chefredakteurin Ines Pohl warnte davor, handwerkliche Standards des Journalismus, wie die Recherche, nicht mehr zu lernen. Hillebrand ergänzte, dass bei allem Wandel der Journalismus noch zu überraschen und zu informieren wissen muss.

Ebru Tasdemir, eine freie Journalistin, die sich ehrenamtlich bei Neue Deutsche Medienmacher engagiert, verwies auf die geänderten Arbeitsbedingungen: Social Media und damit die Leserschaft, werden größeren Einfluss auf den Journalismus haben, der von neu strukturierten Redaktionen betrieben wird. Mehr freie Journalisten werden bei bestimmten Themen oder Projekten einer Kernredaktion zu arbeiten. Für Teresa Bücker wird Diversität ein Kennzeichen der freien Mitarbeitern und der Redaktionen werden und von Nutzern geschaffener Content mit journalistischen Produkten gleich auf sein. Dazu kommt ein Wegfall veralteter Grenzen zwischen Online- und Printjournalismus, denn Qualität entsteht überall, auf Papier, in Blogs, am Newsdesk einer Online-Zeitung.

Qualität setzt aber neben Talent vor allem eine gute Ausbildung voraus. Pohl stellte klar, dass alleine die Herkunft keine Qualifikation darstellt. Wer von den Volontären gut ist, egal welchen Hintergrund sie haben, bleibt in den Redaktionen. Dazu müssen, wie Hillebrand und Müller betonten, die Grundformen des Erzählens im Netz beherrscht werden, neue Techniken erlernt und angewendet werden können und die Grundarten des Journalismus verstanden werden. Dies geht am besten durch das Sammeln von Erfahrungen in verschiedenen Ressorts und Redaktionen und trotzdem wird es keine Allrounder geben. Jeder muss also seinen Platz suchen, an dem man zufrieden arbeiten kann.

Gesellschaftliche Realitäten müssen akzeptiert werden

Doch auch die beste Ausbildung täuscht nicht über zwei gesellschaftliche Gegebenheiten hin, die vielleicht erst einmal akzeptiert werden müssen, bevor sie überwunden werden können. Die Frage wie Journalismus finanziert werden kann, betrifft alle Journalisten. Doch nicht sie sind es, die diese Frage lösen müssen, sondern die Presseverlage. Denen ist aber meist egal, das guter Journalismus entstehen kann, wie Hillebrand und Pohl berichteten. Wirtschaftliche Sichtweisen treffen hier auf gesellschaftliche Anforderungen an den Journalismus, der dabei meist den Kürzeren zieht, wie die von Pohl als gefährlich eingeschätzte Ausdünnung der regionalen Medien zeigt. Kommende Journalisten müssen sich in Zukunft gegen die Ökonomisierung ihres Berufs zur Wehr setzen, wollen sie die Ideale und Gründe, die sie diesen Beruf ergreifen liess, nicht verlieren.

Die zweite Realität ist, dass Journalisten mit Migrationshintergrund nicht in dem Maße in Redaktionen vertreten sind, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse zulassen müssten. Für Tasdemir muss der journalistische Nachwuchs mit Migrationshintergrund auch auf die Entscheidungspositionen in der Medienwelt vordrängen, um diese Verhältnisse zu ändern. Eine gute Ausbildung reicht hier nicht allein aus, es muss auch das Bewusstsein vorhanden sein, dass sich etwas ändern muss und was man selbst dazu beitragen kann. Die anwesenden Stipendiaten wirkten in ihren Redebeiträgen selbstbewusst, die Situation erkennend und mit dem Willen ausgestattet, etwas zu ändern. Es sind junge Leute, die Journalismus des Wesens wegen betreiben wollen. Sie gut auszubilden ist das Mindeste, was die Gesellschaft leisten sollte.


Teaser & Image by Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)

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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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