10 Jahre YouTube: Wie Google die Videoplattform gerettet hat

Vor wenigen Tagen feierte die Videoplattform YouTube ihr zehnjähriges Jubiläum. Sie ist heute nach Google.com und Facebook die #3-Website im Internet und die mit Abstand bekannteste Plattform für Videos aller Art. Doch dieser Erfolg war am Anfang nicht abzusehen – hohe Kosten für Bandbreite und Server, sowie eine Welle von Klagen wegen Urheberrechtserletzungen, ließen ein schnelles Aus für das junge Unternehmen vermuten. Doch dann kam Google und hat mit einer als verrückt angesehenen Übernahme das Blatt gewendet und YouTube gerettet.

Erste Schritte und Probleme

Bevor am 24. Februar 2005 das erste Video auf YouTube hochgeladen wurde, war Video im Internet, gelinde gesagt, eine Zumutung. Es gab drei große, proprietäre Videoformate für den Real Player, Apples QuickTime und den Windows Media Player – ein Website-Betreiber musste also für eine möglichst große Reichweite eines Videos dieses nicht nur in drei verschiedenen Formaten anbieten, sondern möglichst auch für verschiedene Bandbreiten Versionen in verschiedenen Auflösungen und somit Dateigrößen anbieten. Zudem war Streaming noch ein Fremdwort, man musste die Videodatei also immer erst herunterladen, um sie ansehen zu können. Flash hat die Sache durch einen etwas verlässlicheren Web-Player ein wenig erleichtert, der Website-Betreiber musste die Dateien aber immer noch selber hosten und sich um die Einbindung des Players kümmern. Von den Sicherheitsproblemen, die der Flash-Player mit sich brachte mal ganz zu Schweigen. All diese Probleme wollten drei ehemalige PayPal-Mitarbeiter auf einen Schlag mit ihrer neuen Plattform lösen und gründeten im Februar 2005 YouTube.

Nur gut zwei Monate später hat einer der drei Betreiber, Jawed Karim, das erste Video „Me at the Zoo“ auf die damals noch nicht öffentliche Plattform hochgeladen. Nachdem YouTube im Mai 2005 für die Öffentlichkeit zugängig gemacht wurde, entwickelte sich die Seite schnell zum Erfolg. 2006 war die Seite mit 20 Millionen Besuchern pro Monat bereits zur am schnellsten wachsenden Website aufgestiegen und die ersten Hits, wie etwa „Evolution of Dance„, bildeten sich heraus.

Mit dem Erfolg kamen allerdings auch die Probleme, vornehmlich in Form von Urheberrechtsverletzungen, auf das junge Unternehmen zu. Der US-amerikanische Fernsehsender NBC hat im Februar 2006 als erster die Entfernung eines illegal hochgeladenen Clips gefordert. Dieses Feld gehörte schnell, neben Video-Bloggern und Hobby-Filmemachern, zum beliebtesten Bereich – Nutzer haben massenhaft komplette Kinofilme, ganze Staffeln von TV-Serien und Musikvideos bei YouTube hochgeladen, die eigentlich durch das Urheberrecht geschützt waren. YouTube hat schnell nachgegeben und den entsprechenden Clip auf Drängen von NBC entfernt. Zu diesem Zeitpunkt war YouTube so sehr damit beschäftigt, mit dem rasanten Wachstum der Seite Schritt zu halten, dass kaum Zeit blieb, sich um die gleichermaßen stark wachsenden Piracy-Probleme zu kümmern.

Ein kleiner Vorstoß war ein eingeführtes 10-Minuten-Limit für hochgeladene Videos, das erwartungsgemäß wenig Erfolg hatte, da längere Videos schlicht in 10-Minuten-Häppchen unterteilt wurden. Ein im September 2006 abgeschlossener Deal mit der Warner Music Group konnte das Majorlabel zwar durch die Zahlung eines Anteils der Werbeeinnahmen aus den wenigen unaufdringlichen Werbeanzeigen pro Seite beruhigen, was allerdings zwei neue Probleme nach sich zog. Zum einen ist ein zufriedenes Majorlabel nur ein klitzekleiner Erfolg und lässt noch unzählige unzufriedene Plattenfirmen, Fernsehsender und Filmstudios zurück und zum anderen fehlt YouTube das an Warner gezahlte Geld am Ende des Monats, um die steigenden Rechnungen zu begleichen. Das Unternehmen hat zwar 11,5 Millionen US-Dollar Risikokapital sammeln können, die Bandbreite von täglich 200 Terabyte hat allerdings geschätzt monatlich 2 Millionen US-Dollar verschlungen. Diese Umstände sorgten dafür dass YouTube mit Kazaa und Napster verglichen wurde. YouTube sei kein richtiges Unternehmen und laut Marc Cuban würde nur ein Schwachsinniger YouTube kaufen.

Google ex machina

Hätte Cuban gewusst, dass nur wenige Tage nach seiner Aussage, genau am 9. Oktober 2006, Google das anderthalb Jahre alte Unternehmen für 1,65 Milliarden US-Dollar kauft, hätte er seinen Mund sicher nicht so voll genommen. Googles bis heute teuerste Übernahme brachte dem Konzern aus Mountain View eine Website ein, deren Betrieb kostspielig war, kein richtiges Geschäftsmodell besaß und zudem noch viele potenzielle Gerichtsverfahren wegen Urheberrechtsverletzungen vor sich hat. Google hatte aber einen lang angelegten Plan, diese Probleme aus der Welt zu schaffen. Zunächst kam YouTube das Infrastruktur-Know-How zugute, welches Google mit großen Diensten wie der eigenen Suche, Gmail, Google Maps sowie Adsense/Adwords bereits sammeln konnte, wodurch die Kosten gesenkt wurden. Googles Erfahrungen mit Online-Werbung konnten zudem die Einnahmen für YouTube deutlich steigern. Blieben nur noch die potenziellen Rechtsstreitigkeiten, für die Google aber auch schon eine Lösung in der Hinterhand hatte: Content ID, ein System, bei dem Copyright-Inhaber ihre eigenen Inhalte hochladen konnten und das dann illegale Kopien herausfiltert und entfernt. Auch wenn das System weitestgehend funktioniert, konnte es doch nicht alle Gegner beruhigen und so wurde Google 2007 von Viacom auf eine Milliarde US-Dollar verklagt. Der Rechtsstreit zog sich über mehrere Jahre hin und nachdem Google mehr Erfolge erzielte als Viacom, einigten sich beide Unternehmen im vergangenen Jahr auf einen Vergleich.

Auf der nächsten Baustelle versuchte Google aus YouTube ein profitables Unternehmen zu machen und führt neben den Adwords-Anzeigen auch Preroll-Werbung ein – also Clips, die vor das eigentliche Video geschaltet werden. Diese Clips werden von mehr Besuchern gesehen und erzeugen somit auch deutlich mehr Umsatz. Diesen gibt Google aber zum Teil auch an die Content-Ersteller weiter, so dass sich einige Video-Produzenten sogar ihren Lebensunterhalt mit ihren YouTube-Chanels finanzieren können – die Geburtsstunde der YouTube-Stars. Aber die Einnahmen sind nur ein wichtiger Teil der Bilanz, die Ausgaben der andere. Und diese waren aufgrund der massiven Server-Kapazitäten sehr hoch. Hier konnte Google mit vielen Innovationen der eigenen Datencenter-Strukturen und den Ankauf von gewaltigen Glasfaser-Leitungen, die Ausgaben von geschätzten zwei Millionen auf 666.000 US-Dollar senken. Um die gewaltige Bandbreite aber weiter zu schonen und auch die Nutzer mit einem besseren Videoerlebnis zu Versorgen, hat Google viel Entwicklungskraft in neue offene Video-Codec-Standards wie V8 oder V9 gesteckt, die durch optimierte Kompressionsalgorithmen bessere Qualität bei gleicher Bandbreite bieten. Außerdem wurde die Seite inzwischen komplett von Flash auf HTML5 umgestellt, um sie verlässlicher und sicherer zu machen.

All diese Bemühungen wurden über die vergangenen Jahre langsam aber sicher ausgebaut, um so nicht nur die Vormachtstellung von YouTube im Videobereich sicherzustellen, sondern das Unternehmen auch profitabel zu machen. Letzteres ist bisher noch nicht gelungen – wie das Wall Street Journal berichtet, schreibt YouTube, trotz des massiven Wachstums mit einer Milliarde Besuchern im Monat, immer noch keine schwarze Zahlen. Mit Abo-Angeboten wie Music Key oder einem Streaming-Service mit Fokus auf Gaming will man dieses Problem zwar aus der Welt räumen, aber dieses Vorhaben wird nicht einfach, denn die Konkurrenz schläft nicht.

Derzeit bauen Facebook und Twitter die eigenen Video-Angebote gewaltig aus und sind in der Lage, YouTube damit durchaus das Wasser abzugraben. Auch Yahoo plant fleißig an einem Konkurrenten für die Videoplattform. YouTube blickt nach den ersten zehn Jahren also bereits auf eine bewegte Vergangenheit zurück, die vor dem Dienst liegende Zukunft wird sicherlich kein Spaziergang.


Image (adapted) „Youtube“ by Esther Vargas (CC BY-SA 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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