Wie Witze helfen, die Bedeutung in Sprachen zu entschlüsseln

Wieso funktionieren Witze? Die Sprachwissenschaft war sich lange uneins darüber, was in unseren Hirnen jenseits der reinen Verständnisebene passiert. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Sie werden bis zur Pointe warten müssen, aber in Ihrem Kopf dürften bereits Bedeutungsfragmente herumfliegen. Nun, Witze müssen natürlich nicht wirklich witzig sein, aber wenn sie überhaupt funktionieren sollen, dann müssen sie hinter ihren schlichten Wörtern etwas konstruieren.

Sprache ist der Stoff, der uns in unserem täglichen Sozialleben verbindet. Wir verwenden Sprache, um zu tratschen, um uns zu bewerben und um jemanden zu feuern. Wir verwenden sie, um zu verführen und zu streiten, um einen Heiratsantrag zu machen und um sich zu scheiden und ja, auch um merkwürdige Witze zu machen. In Ermangelung von Telepathie lässt die Sprache uns mit unseren Nächsten und Liebsten interagieren und in unserer virtuellen Welt der digitalen Kommunikation auch mit Hunderten von Menschen, die wir sonst vielleicht nie getroffen hätten.

Aber während wir über eine Menge an detailliertem Wissen über die grammatischen Systeme der etwa 7.000 Sprachen dieser Welt verfügen, biss sich die Wissenschaft am geheimnisvollen Elixier der Kommunikation – der Bedeutung – bisher die Zähne aus.

Konzeptionelle Entwicklung

Wie erschaffen Menschen die alltäglichen Bedeutungen, die Dinge bewegen, uns zu Tränen rühren, zu Tode langweilen oder die uns vor Freude ganz schwindlig werden lassen? Die Frage, wie wir Bedeutung erschaffen, ist der heilige Gral vieler Disziplinen der Verhaltens- und Kognitionswissenschaft sowie der Sozialwissenschaften. Außerdem ist diese Frage für diejenigen unter uns, die nach einer Antwort suchen, eines der letzten großen Hindernisse bei der Kartierung des menschlichen Geistes.

Es ist Konsens, dass Bedeutung aus dem Zusammenfluss von Sprache und den Gedanken, die wir in unseren Köpfen umhertragen, entsteht. Aber wie genau? Eine frühe Theorie zur Konstruktion von Bedeutung besagt, dass wir von Geburt an über eine Reihe von Konzepten verfügen. Beim Erlernen unserer Muttersprache fungieren Wörter lediglich als Verweise auf diese Konzepte.

Nun wissen wir aber, unter anderem dank der Forschungen der Entwicklungspsychologin Jean Mandler, dass Konzepte, beginnend im frühen Kindesalter, aus Erfahrungen entstehen. Dabei werden ähnliche Lernmechanismen wie beim Spracherwerb genutzt. Für Kinder in der vorsprachlichen Phase bedeutet Konzeptualisierung Grundlegendes wie die Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Objekten. Diese Konzepte sind die Vorläufer der komplexen und abstrakten Ideen, die in unserem späteren Leben entstehen.

Die Baustelle der Bedeutung

Eine weitere Herausforderung bei der Erforschung der Bedeutungskonstruktion war es, herauszufinden, was Konzepte und Sprache zur Konstruktion von Bedeutung beitragen. Erwägen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Wortes “Rot” in den folgenden Sätzen:

Für mich bedeutet Schönheit, sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen. Das, oder ein verdammt guter roter Lippenstift. – (Gwyneth Paltrow)

Der rote Fuchs… ist der größte unter den echten Füchsen und das am häufigsten vorkommende, wildlebende Raubtier. – (Wikipedia-Eintrag)

In jedem Satz bedeutet das Wort “Rot” etwas Anderes: Für die meisten Menschen ist das Rot im Paltrow-Zitat ein richtig starkes Rot, das Rot im zweiten Satz hingegen matt und bräunlich. Das rührt daher, dass die Bedeutung nicht in dem Wort selbst liegt. Sprache gibt uns Anweisungen, verschiedene Teile unseres konzeptuellen Wissens in unserem Kopf zu aktivieren, woraufhin wir den richtigen Rotton von der Farbpalette nehmen.

Bedeutung dirigieren

Der Mensch braucht Konzepte zum Lernen, zum Kategorisieren und für vorsorgende Überlebensplanung. Kommunikation ist nicht der primäre Zweck von Konzepten. Anders als bei anderen Spezies, gab uns die evolutionäre Herausbildung der Sprache ein System, das mit unserem Repertoire an Konzepten interagiert und diese dahingehend umfunktioniert, dass wir im Alltag mit anderen kommunizieren können.

Es ist wie eine Symphonie, aufgeführt von einem Orchester. Das Orchester gibt das “Was” vor, der Dirigent steuert das “Wie” bei, welches die Musik zum Leben erweckt und uns mit seiner klangvollen Pracht bewegt. Konzepte, entstanden aus der Erfahrung der täglichen Interaktion, sind der Inhalt der Bedeutungskonstruktion. Sprache hingegen liefert das Know-how und ermöglicht uns, Gedanken zum Zweck der Kommunikation zu verpacken und zu verschicken.

Dies bringt uns zurück zur entscheidenden Frage, die zu Beginn gestellt wurde, und wirft Licht auf den wohl heikelsten Aspekt der Frage nach der Bedeutungskonstruktion beim Menschen: Die Natur der Vorstellungskraft und der linguistischen Kreativität. Also, was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Die Antwort: Tiefe Löcher in ganz Australien. Wenn Sie aufgehört haben zu lachen, bedenken Sie, was dieses profane Zeugnis menschlicher Kreativität über den Einfluss von Sprache und Konzepten offenbart.

Die Pointe inspiriert uns dazu, unsere Konzepte von Kängurus und Elefanten gezielt zu kombinieren. Ein Elefant ist riesig, während Kängurus herumspringen und in Australien leben. Indem wir diese Aspekte beider Wesen verbinden, erschaffen wir ein Fantasiebild: Ein Organismus in der Größe eines Elefanten, der herumspringt und in Australien lebt. Es wäre unausweichlich, dass eine solche Kreatur tiefe Löcher hinterlässt.

Ob der Witz lustig ist oder nicht; um ihn zu verstehen, müssen wir Sprache so einsetzen, dass nur die relevanten Teile unseres Wissens abgerufen werden. Sprache steuert den Prozess der Bedeutungskonstruktion, indem sie festlegt, auf welche Weise Konzepte verbunden werden sollten. Diese Einsicht ist eine der aufregendsten und revolutionärsten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft des 21. Jahrhunderts. Darüber hinaus bietet diese Einsicht wohl zum ersten Mal einen spannenden Blick darauf, wie menschliche Vorstellungskraft funktioniert und wie Sprache sich mit Konzepten verbindet, um in unseren banalen Akten täglicher Kreativität das außerordentlich vielschichtige Kunststück der Bedeutung entstehen zu lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “India Laughing” (adapted) by Anthony Kelly (CC BY 2.0)


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Vyvyan Evans

Vyvyan Evans

ist Professor für Linguistik an der Universität von Bangor, Wales. Sein besonderes Interesse gilt der menschlichen Sprachentwicklung und den Kommunikationsstrukturen sowie den verschiedenen linguistischen Sprachkonzepten.

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