Witz in wuchernden Netzwerken gegen das populistische Bullshit-Bingo

Sind Fake News, Propaganda, Denunziantentum, Gerüchte, Rabulistik, Plagiate, Verschwörungstheorien oder Hass ein Phänomen der Jetztzeit, ein Ergebnis von Plattformen wie Twitter oder Facebook? Natürlich nicht. Im Kern geht es den Aussendern solcher Botschaften immer um das gleiche Ziel. Diskurshoheit, Deutungsmacht und Herausforderung der Eliten in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Medien und Kultur. Es sind irgendwelche abstrakten Interessen der Allgemeinheit, des „Volkes“, einer Gruppe oder von Grüppchen, die unter dem Joch eines vernetzten und undurchsichtigen Syndikats leiden. Erinnert sei an die Kampfschriften von Mathilde Ludendorff, Ehefrau des prominenten Generals Erich Ludendorff.

Verschwörungstheoretisches Ludendorff-Geschreibsel

Sie rührt Freimaurer, Illuminaten, Juden und Jesuiten zu einem antideutschen Verschwörungsbrei zusammen und pfeift auf jegliche Sachkenntnis in historischen Fragen. Zu den diversen Geheimbünden gesellen sich in wildem Anachronismus auch noch Kommunisten, also die 1917 gegründete russische Staatssicherheit namens Tscheka. Nachzulesen bei Markus Wallenborn über Verschwörungstheorien zu Goethe und Schiller.  Die absurden Thesen von Frau Ludendorff über die angebliche Ermordung Friedrich Schillers stießen auf so starken Anklang, dass sich die Weimarer Goethe-Gesellschaft genötigt sah, sämtliche Quellen zu Schillers Tod zwecks Gegendarstellung zu prüfen. Bis heute sind die Texte der Generalsgattin in den sumpfigen Niederungen der völkischen und nationalistischen Publizistik verfügbar.

Fakes und die Geschichte der Reproduktionstechnologien

Fakes waren allerdings immer schon ein gesellschaftliches Experimentierfeld und es ging dabei nicht immer um völkische PR-Feldzüge. Gefakte Publikationen gehören zur Geschichte des Druckwesens. Etwa das Magazin „La Révolution Surréaliste“, das zwischen 1924 und 1929 erschien. „Die Gestaltung der ersten, von André Breton verantworteten Ausgabe hatte starke Ähnlichkeit mit dem konservativen wissenschaftlichen Journal ‚La Nature‘ und konfrontierte so die Leser unerwartet mit den damals skandalösen Inhalten der Surrealisten“, schreibt der Künstler und Medienkritiker Alessandro Ludovico in einem Beitrag für die Zeitschrift postdigital.

Papst wird polnischer König

„Il Male“ (Das Böse) war eine Initiative des „Kreativen Autonomismus“ von 1977 und lancierte Kampagnen mit pseudo-journalistischen „Exklusivmeldungen“ in der Aufmachung von großen italienischen Zeitungen, die an den Kiosken platziert wurden und heftige Reaktionen hervorriefen. In Polen wurde 1979 während des Besuchs von Papst Johannes Paul II die Zeitung „Trybuna Ludu“ verteilt, deren Schlagzeile „Regierung tritt zurück, Wojtyla zum König gekrönt“ lautete. „In Frankreich erreichte einige Abonnenten ein anonymes Fake der ‚Le Monde Diplomatique‘ mit satirischen Kommentaren über das Blutbad im Stammheimer Gefängnis der Roten Armee Fraktion. Und schließlich zirkulierte 1983 in Kabul und Ostberlin eine falsche ‚Krasnaja Svezda‘, eigentlich ein Blatt für das sowjetische Militär, das verkündete, dass der Krieg zu Ende sei dank zweier Armeeköche (die Chonkin-Cousins), deren Köstlichkeiten russische Militärchefs in den ewigen Schlaf geschickt hätten“, erläutert Ludovico.

Für erhitzte Debatten im Digitalen sorgen auch die Macher von „The Onion“, die sich auf den Meldungsstil der Medienkonzerne in Web- und TV-Formaten konzentrieren und sie in Fakes umwandeln, um virale Scoops im Social Web zu landen. Für Debattensprengstoff sorgte eine gefälschte Headline von „BBC Scotlandshire“ über die Baugenehmigung eines Thatcher-Museums im schottischen Dundee. Was wäre wohl los, wenn ich über die Schaffung einer Horst-Seehofer-Siegessäule in Bonn berichten würde? Seit dem es Möglichkeiten der mechanischen Reproduzierbarkeit gibt, wimmelt es in der Publizistik von Falschmeldungen, undurchsichtigen Verdächtigungen und Scheinwahrheiten. Die Geschwindigkeit und Exaktheit digitaler Reproduktions-Technologien wirkt dabei nur als Teilchenbeschleuniger eines alten Phänomens.

Neues Biotop für Falschmeldungen

Neu ist dabei der Zerfall der öffentlichen Meinung. Die Netzöffentlichkeit steht vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte. Angesichts einer Inflation von persönlichen Öffentlichkeiten ist es schwieriger geworden, verbindliche und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Es passiert immer häufiger, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien und in politischen Institutionen. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen.

Fake News-Produzenten nutzen das Vakuum einer zersplitterten Öffentlichkeit

Die Potenziale für Deutungsmacht sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker. Und das ist ein Vakuum, in das Kampagnen-Plattformen wie Breitbart reinstoßen, um die politischen Meinungsbildung und das Wahlverhalten zu beeinflussen.

„Hinter Breitbart stecken vermutlich vermögende Privatinvestoren“, so der Publizist Christoph Kappes, der mit der Gründung von Schmalbart eine Gegenströmung initiiert. Breitbart sei wirtschaftlich gut ausgestattet und habe sich zum Ziel gesetzt, klassische Medien zu zerstören. „Breitbart sieht sich selbst als antimedial“, so Kappes im Interview mit detektor.fm.

Das macht die Gemengelage so brandgefährlich und beweist, wie die etablierten Kräfte in Politik und Medien den Zerfall der Meinungsbildung nach den tradierten Mustern in den vergangenen Jahren unterschätzt haben. Das gleiche Versäumnis sehe ich in der empirischen Sozialforschung. Brexit und der Wahlerfolg von Donald Trump ändern das jetzt hoffentlich.

In wuchernden Netzstrukturen aktiv werden

Es reicht einfach nicht mehr aus, mit schweren Tankern im Social Web unterwegs zu sein und sich hinter Institutionen zu verstecken. Man muss personalisiert, vernetzt und schnell handeln. Der Philosoph Gilles Deleuze hat dafür das Bild des Rhizoms geprägt. Moderne Organisationen müssen in wuchernden und unübersichtlichen Netzstrukturen anders vorgehen. Man braucht vielfältige Geschicklichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Das Viele, das Multiple muss in allen Dimensionen beackert werden, so Deleuze. „Ein solches System kann man Rhizom nennen.“ Es sind Knollen und Knötchen, die die Verknüpfung und Vielfalt bewältigen.

Logik von Organisationen ändert sich

„Im Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen: jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände… Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen“, schrieben Gilles Deleuze und Félix Guattari im Merve-Band „Rhizom“, erschienen 1977 (!).

So ein wenig klingt das auch beim Projekt Schmalbart an: „Man muss sich zusammentun und entgegen aller Logik von Organisationen versuchen, statt ihres Fortbestandes ihren Zweck zu erreichen“, so Kappes. Schmalbart sei nicht „Blog“, sondern wird Form und Formate so wechseln, wie es taktisch erforderlich ist. Schmalbart habe eventuell nicht nur eine Homebase auf Facebook, Schmalbart soll überall sein.So wolle man auf Suchbegriffe der Rechtspopulisten reagieren, etwa beim Thema Massenvergewaltigung. Über bestimmte Websites werde der Eindruck vermittelt, als sei das in Deutschland ein alltäglicher Vorgang. „Und das ist nach meiner Auffassung systemisch bedingt. Klassische Medien vermeiden solche politischen Kampfbegriffe. Dadurch entstehen im Netz Informationslücken“, sagt Kappes.

Wenn absichtlich die Begriffe der populistischen Agitatoren gemieden werden, macht man damit die Inhalte dieser Kreise zugänglich und produziert unfreiwillig Filterblasen. Es gebe sicherlich gute Gründe, bestimmte Begriffe nicht zu benutzen, weil sie allein durch die Verwendung eine Bedeutung bekommen. Kappes verweist auf die Forschungsarbeiten über das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung (mir kommt dabei sofort der Semiologe Roland Barthes in den Sinn).

Wenn man diese Leerstelle allerdings nicht besetzt, werden Wirklichkeiten konstruiert und selektiv von Breitbart und Co. erzeugt. Allein durch den inflationären Einsatz von Kampfbegriffen wie „ausländische Invasoren“, „Lügenmaul“ oder „Massenvergewaltigungen“. Mit Dossiers, die in hoher Qualität beispielsweise von der Bundeszentrale für politische Bildung erstellt werden, komme man nicht weiter, meint Kappes.

Jean Paul lesen

„Sie sind sehr lang und lassen sich nur schwer im Social Web teilen. Ähnliches gilt auch für die lexikalischen Artikel von Wikipedia, die sich in den ersten Absätzen mit Abgrenzungsproblemen zu anderen Begriffen beschäftigen. Das macht sie unbrauchbar, wenn man mal eben wissen will, wie es um den Ausbildungsstand von syrischen Flüchtlingen steht, die im Jahr 2016 nach Deutschland kamen. Gerade diese Fakten sind schwer zugänglich und häufig nicht in einer Form aufbereitet, wie man sie braucht.“

Schmalbart will das ändern. Das Notiz-Amt empfiehlt dabei den Stil des Schriftstellers Jean Paul. Man sollte sich nicht in einem bestimmten Lehrgebäude einigeln, sondern in allen und keinem zuhause sein: Mit Bildung und Witz. „Anders als der Scharfsinn – der die Leser wie in einer mathematischen Beweisführung an die Hand nimmt und Schritt für Schritt von A zu O führt, lässt sich der Witz nicht bei der Arbeit zusehen, sondern überrascht mit dem Ergebnis, und zwar je unerwarteter, umso effektvoller“, führt Roberto Simanowski in seinem Opus „Facebook-Gesellschaft“ aus. Die Seele des Witzes liege in der Kürze. Zudem schärft er die Sinne für die immer gleiche Schallplatte, die von den Bullshit-Bingo-Populisten aufgelegt wird.


Image „lying“ by tswedensky (CC0 Public Domain)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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