Wissen 2.0 in der Firma

Wissen ist das Einzige, was sich durch Teilen vermehrt. Hilft Web 2.0 auch beim alltäglichen Umgang mit Wissen im Büro? Wissensmanagement war Ende der Neunziger eine Disziplin, die sich nur schwer aus den Klauen der KI-Forschung (Künstliche Intelligenz) befreien konnte. Eigentlich hatte man lange Jahre die Überzeugung, das Wissen in Dokumenten steckt. Heute gehen viele Berater und Praktiker in ganz andere Richtungen. Dass Wissen nur zwischen den Ohren gespeichert werden kann, hat allerdings noch immer nicht jeden überzeugt.  Ist Wissen Ende oder Anfang von Kommunikation? Damals in den Neunzigern glaubte man im Computer eine Art Expertensystem zu haben. Entweder mit besonders viel gespeichertem Menschenwissen oder aber mit besonders vielen neuronalen Netzen, die selbständig das Verknüpfen von Inhalten lernen konnten, sollten Entscheidungen von der Maschine erledigt werden, die wir nur Menschen zuordnen würden. Die beiden Googlechefs setzen an die Stelle des Computers einfach ein Computercluster und nennen es das Googlenetz. Es soll einstmals der klügste Denker auf der Erde sein. Genaugenommen ist die bekanntest Suchmaschine der Welt einfach ein Projekt, um endlich das Versprechen der Expertensysteme einzulösen, das man alles Wissen der Welt in Buchstaben speichern kann. Das Problem liegt erkennbar darin, dass es viele mentale Leistungen gibt, die gar nicht codifizierbar in Sprache sind. Noch lustiger wird es, wenn man die neuesten Projekte betrachtet, die die Künstliche Intelligenz „revolutionieren“ wollen: WolframAlpha liefert von Menschen aufbereitetes Faktenwissen als Frage-Antwort-System mit der Fähigkeit, Verknüpfungen zwischen Bruttosozialprodukt und Ländernamen darzustellen in Graphen oder Tabellen. Noch näher am am Bibliotheksgedanken hangelt sich IBM mit seinem Super-Computer Blue Gene in die Quiz-Sendung Jeopardy. Diese Frage-Antwort-Systeme sind darauf angewiesen, dass man ihnen vorher genau vorgibt, welche Fragen dran kommen und welche Datenquellen dann zugeordnet werden sollen. Selbst niedrige Intelligenz wie sie im Begriff Schwarmintelligenz definiert wird, erscheint solchen Umblättermaschinen turmhoch überlegen. Aber auch die Profis aus dem Lager der Wissensverwaltung bekommen Zweifel am Auftürmen von Daten ohne pfiffige Verknüpfungen. Das Wissen läuft im Kreis Denn das Wissensmanagement hat sich im neuen Jahrtausend in eine andere Richtung entwickelt. Bisher haben tayloristische Wissenschaftler sich in Prozessmodellen mit Spiraltheorien und Kreisläufen abgearbeitet, die aus Wissenserwerb und Wissensverteilung und ähnlichen Vokabeln bestehen, aber der Arbeit vor Ort keinen wirklichen Impuls liefern. Es sind Modelle, die oft am Büroalltag und der Wirklichkeit vorbeientwickelt wurden, um den Broterwerb der Autoren und Experten zu sichern. In der Praxis liegen solche Projekte irgendwo im Intranet brach. Das gelang, weil man diese Maßnahmen in einer Exceltabelle so herrlich einem Budget zuordnen kann. Denn ein Manager läßt sich zu jeder Vokabel ein paar Softwaretools und einige Maßnahmen verschreiben und erwartet dann sehnsüchtig den ROI (Return of Investment). Findige Wissenschaftler – zumeist aus der verhassten Szene der Magister und anderer Gesteswissenschaftler – haben dann festgestellt, dass Wissen gar nicht in Paketen wie die Rohrpost durch das Unternehmen geschickt werden kann. Auch dann nicht, wenn statt der Rohrleitungen und Druckluft einfach Datenbanken, Monitore und Tastaturen eingesetzt werden. Sie propagieren seit einigen Jahren das Zeitalter der Wissensteilung durch Kommunikation. Werde klug durch Reden. Erscheint naheliegend, dass so etwas den Laberköpfen aus der Philosophischen Fakultät entspringt. Aber es scheint irgendwie doch zu klappen. Zumindest im Web 2.0 bei Open Source Projekten oder Wikipedia. Also in der freien Wildbahn. Aber wie macht man das im Unternehmen fruchtbar? Enterprise 2.0 – Miteinander arbeiten trotz oder wegen der E-Mailbelastung? Ob Kollegen das mitgeteilte Wissen besser verstehen, wenn sie es – statt am Monitor zu lesen – einfach beim informellen Teetrinken oder einer Zigarette übermittelt bekommen, bleibt fraglich. Zumindest lernen die meisten mittlerweile mit der Muttermilch des IT-Studiums, dass es mehr braucht als eine Entwicklungsumgebung und ein paar coole Algorithmen, wenn man sinnvoll und gemeinsam an einem Problem arbeiten will. Mancher entdeckt sogar den Zeithorizont und versucht durch Storytelling das Wissen, das sich bei Projekten anhäuft, nachher zu verschriften. Debriefing als Maßnahme des Qualitätsmanagements. Das ist innovativ und sicher löblich. Aber wohin mit den Daten. Und wem erzählt man wie von der Ergebnissen? Hoffentlich endet es nicht mit einer Dauerberieselung aus E-Mails, ICQ und proaktiven Recommendations… Noch löblicher ist es aber, wenn in einer Firma ein Klima herrscht, das es ermöglicht, einfach jemanden zu fragen, wie etwas besser geht oder wie andere ein Problem gelöst haben. Gab es doch früher auch, oder? Natürlich braucht man dazu Yellow Pages, Intranet oder gar Instant Messaging und Blogs, damit man weiß, wer was wann warum und wie vollbracht hat. Aber eigentlich kann man das auch mit einem Smartphone erledigen, oder? Wie auch immer: T-System schickt sich nun an, diese neue Welt namens Enterprise 2.0 anzuerkennen. Damit sind sie nicht die ersten in Deutschland, sie sind auch nicht innovativsten, aber man kann es jetzt als commodity – also Massenmarkt – bezeichnen und weiter machen. Willkomen T-Systems! Hier eine schöne kleine Präsentation aus diesem Hause zum Thema, kommt hierher.

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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