Smartphone auf Tisch (Bild: Johan Larsson [CC BY 2.0], via Flickr)

Wir müssen Push-Benachrichtigungen wählerischer einsetzen

Fast jede App versorgt uns mit Push-Benachrichtigungen, wenn etwas passiert. Um dieser konstanten Ablenkung aber zu entgehen, müssen wir wählerischer sein. // von Daniel Kuhn

Smartphone auf Tisch (Bild: Johan Larsson [CC BY 2.0], via Flickr)

Ein leichtes Vibrieren und ein leiser Ton reichen aus, um uns kurzzeitig in leichte Aufregung zu versetzen. Unser Smartphone teilt uns mit, das irgendetwas in unserer vernetzten Welt passiert ist. Unmittelbar lenkt unser Gehirn die Aufmerksamkeit auf das eventuell wichtige Ereignis, dass sich letztendlich in den meisten Fällen als ziemlich unwichtig erweist. Jemand hat meinen Facebook-Beitrag oder mein Instagram-Bild gelikt. Toll. Doch Push-Benachrichtigungen sollten uns nur in wirklich dringenden Fällen von tatsächlich wichtigen Tätigkeiten abhalten. Es wird also Zeit, uns von ihnen zu trennen.


Warum ist das wichtig? Vor lauter Push-Nachrichten ist es teilweise gar nicht einfach, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren. Ein bewussterer Umgang mit den Benachrichtigungen kann dabei helfen.

  • Fast jede App, die wir auf unserem Smartphone installieren, sendet uns automatisch Push-Benachrichtigungen, sobald etwas passiert, wichtig oder nicht.

  • Jede dieser Benachrichtigungen veranlasst unser Gehirn, das Glückshormon Dopamin auszuschütten.

  • Um uns von diesem Klammergriff zu lösen können wir die Benachrichtigungen mit Apps limitieren, oder unwichtige Benachrichtigungen einfach abschalten.


Benachrichtigungen als Sucht

Als ich vor einigen Jahren mein erstes Smartphone bekam, war ich ganz begeistert davon, immer erreichbar zu sein und immer zu wissen, was in meiner digitalen Welt passiert. Bei jeder Vibration zückte ich freudig das Mobiltelefon aus meiner Hosentasche und begann auf dem Display herumzuwischen. Im Laufe der Jahre fing ich an, immer mehr Dienste zu nutzen – die meisten haben mein Leben jedoch nicht nur mit vielen neuen Features erleichtert und bereichert, sondern meine Konzentrationsfähigkeit dank Push-Benachrichtigungen auf ein Minimum reduziert. Letztendlich haben sie meine Produktivität nicht erhöht, wie die meisten versprechen, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Es wird also Zeit, etwas gegen diese Sucht zu unternehmen.

Der Begriff Sucht ist tatsächlich sehr nah an der Wahrheit. Bereits 2012 hat Psychology Today einen spannenden Artikel darüber veröffentlicht, warum wir nach SMS und Benachrichtigungen süchtig sind. Der entscheidende Punkt ist Dopamin, das Glückshormon, das auch als Belohnungssystem gilt. Jede eingehende Nachricht schüttet im Gehirn eine kleine Dosis des Glückshormons aus – die Tatsache, dass diese Nachrichten dazu noch unvorhergesehen und nicht dauerhaft eintrudeln, verstärkt den Effekt dabei nochmal. Jede Benachrichtigung ist also wie eine kleine Dosis einer Droge, die kurzzeitig dafür sorgt, dass wir uns gut fühlen. Das macht es auch so schwer, das Smartphone einfach mal aus der Hand zu legen und sich auf die Arbeit oder die Mitmenschen im Alltag zu konzentrieren, da diese nur in seltenen Fällen eine ähnliche Dopamin Ausschüttung bewirken.

Cold Turkey?

Wie kann man sicher aber von dieser Sucht lösen? Cold Turkey wäre eine, wenn auch sehr drastische Idee. Der komplette Verzicht auf Smartphone und Online-Dienste ist in unserer Gesellschaft zwar noch möglich, doch werden die meisten nicht komplett abstinent leben wollen. Es gibt auch gemäßigtere Ansätze. Die kontrollierte Stummschaltung des Smartphones mit der App Offtime zum Beispiel. Aber auch iOS und Android bieten in den jeweils aktuellsten Iterationen sogenannte „Do not Disturb“-Modi, bei denen über eine gewisse Zeit nur ausgewählte Benachrichtigungen oder Kontakte zu einem durchkommen. Die App Yo, die ursprünglich nach dem sinnlosesten und nervigsten sozialen Netzwerk aller Zeiten aussah, könnte das Benachrichtigungsdilemma ebenfalls lösen.

Yo bietet einen fast schon absurd einfachen Mechanismus, schnell Push-Benachrichtigungen zu abonnieren oder wieder abzuschalten. Wenn man während der Fußball-WM zum Beispiel Worldcup geyot hat, erhielt man für jedes erzielte Tor eine Benachrichtigung. In Zukunft könnte dies aber auch von Unternehmen aller Art genutzt werden, um den Kunden über den Verbleib der bestellten Pizza zu informieren, darauf hinzuweisen, dass das Boarding des gebuchten Fluges beginnt, oder aber als Kanal für Unwetterwarnungen. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig – das Hauptproblem ist allerdings, dass bisher kaum nur sehr wenige Unternehmen oder Marken die App nutzen.

Langzeitbeziehungen

Die Idee von „Do not Disturb“-Funktionen oder Apps wie Offtime sind grundlegend gut und ich nutze sie persönlich auch regelmäßig, doch eigentlich sind sie auch nicht die Lösung des Problems. Müssen wir denn eigentlich immer alles mitbekommen, was in unserer kleinen digitalen Welt passiert und uns von den Benachrichtigungen über kleine Updates, Kommentare und Likes kontrollieren lassen? Wir werden von der Angst etwas zu verpassen (FOMO) geradezu abhängig von unseren Smartphones und dem nächsten kurzen Dopamin-Kick.

In seinem Beitrag auf The Next Web vergleicht Autor Owen Williams Push-Benachrichtigungen sehr passend mit einer Langzeitbeziehung. Die Entscheidung, einer neuinstallierten App zu erlauben uns mit Push-Benachrichtigungen zu versorgen, ist deutlich weitreichender als die Entscheidung was ich morgen anziehen werde. Die Benachrichtigungen werden uns jeden Tag und zu jeder Tageszeit beeinflussen. Daher ist es wichtig, dass wir uns die Frage stellen, ob wir bereit sind, diesen Schritt zu gehen, ob die entsprechende App tatsächlich das Potenzial für etwas ernstes hat, oder ob es nur um den kurzen Spaß geht. Wir sollten uns also bei allen Apps fragen, ob die Benachrichtigungen wirklich wichtig sind. Sind sie so wichtig, dass wir ihnen gestatten uns zu jeder Tageszeit von der Arbeit, dem Treffen mit Freunden oder der Zeit mit der Familie abzulenken? Wenn die Frage nein lautet, gibt es keinen Grund, die Benachrichtigungen nicht einfach abzuschalten. Dopamin kann der Körper schließlich auch auf anderem Weg ausschütten.


Teaser & Image by Johan Larsson (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , ,
Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus