WikiLeaks: Transparenz um jeden Preis?

Wieder einmal steht WikiLeaks wegen der fahrlässigen Veröffentlichung persönlicher Daten in der Kritik. Es wird Zeit, dass sich die Mitarbeiter der Plattform dieser Kritik stellen. Sie ist nämlich keineswegs ein bösartiger Sabotage-Versuch politischer Gegner, sondern größtenteils berechtigt. WikiLeaks muss erkennen, dass Transparenz im Informations-Zeitalter ein wichtiger, aber kein absoluter Wert ist, und der Verantwortung gerecht werden, auch andere Werte und Rechte zu schützen. Die Plattform will investigativen Journalismus betreiben – doch dazu gehört mehr als wahlloses Veröffentlichen.

AP-Report dokumentiert weitere Datenschutz-Vorfälle

Vor kurzem stand WikiLeaks schon einmal wegen laxen Umgangs mit dem Datenschutz in der Kritik. Damals wurden die Aktivisten von der Journalistin Zeynep Tufekci beschuldigt, auf Twitter ein Datenpaket verlinkt zu haben, das die persönlichen Daten zahlreicher Privatpersonen – mehrheitlich türkischer Frauen, die als Wählerinnen registriert sind – enthält.

Nun steht WikiLeaks erneut wegen Missachtung von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten in der Kritik. Und in diesem Fall geht es nicht nur um das bloße Verlinken problematischer Daten, sondern es sind die WikiLeaks-Dokumente selbst, die Anstoß erregen.

Ein umfassender Bericht der Nachrichtenagentur AP dokumentiert, dass eine Reihe der in den letzten Jahren veröffentlichten WikiLeaks-Dokumente sensible Daten Unbeteiligter enthalten. Unter den Betroffenen sind äußerst verwundbare Personen, darunter in repressiven Staaten lebende Menschen und eine ganze Reihe von Menschen, die in medizinischer oder psychiatrischer Behandlung sind und deren Krankenakten durch WikiLeaks veröffentlicht wurden. Viele Betroffene (und andere mittelbar Beteiligte, etwa die Ärzte der Betroffenen) äußern sich schockiert und empört über den Vorfall und betonen, dass ihre Fälle nichts mit Politik (oder den von WikiLeaks als Gegner definierten Tatbeständen „Krieg, Spionage und Korruption“) zu tun haben.

Transparenz muss der Allgemeinheit dienen

Diese Vorwürfe sind gravierend. WikiLeaks sieht sich in der Rolle eines Kämpfers gegen die Mächtigen, eines Verteidigers derjenigen, deren Rechte von der einflussreichen Elite verletzt werden. Leaks, die sensible Informationen unbeteiligter „kleiner Leute“ gegenüber der ganzen Welt – und damit auch gegenüber gefährlichen und destruktiven Parteien, von Online-Betrügern bis hin zu Regimes, die Menschen ohne große Skrupel einsperren, foltern und ermorden – offen legen, pervertieren diese Ideale. Die Belange der besagten „kleinen Leute“ werden mit Füßen getreten.

Nur, wer der Ansicht ist, dass das Ideal der Transparenz alle Mittel rechtfertigt, kann ein solches Verhalten gut heißen. Das aber wäre ein gefährlicher Trugschluss. Transparenz ist erstrebenswert, weil sie herrschende Machtverhältnisse untergräbt. Sie ermöglicht es der Allgemeinheit, das Handeln der Mächtigen zu kontrollieren und (im Idealfall) einen Machtmissbrauch zu verhindern oder zumindest zu sanktionieren. Werden dagegen private, sensible Daten von Privatpersonen gegenüber den Mächtigen aufgedeckt, zementiert das nur die herrschenden Machtverhältnisse und macht deren Missbrauch nicht schwerer, sondern im Gegenteil noch einfacher. Nicht umsonst ist auch Datenschutz unabdingbar für den Versuch einer besseren, weniger hierarchischen Gesellschaft – und schon heute ein bedeutendes Menschenrecht.

Geltungsdrang oder Sendungsbewusstsein?

Wie diese ernsten Versäumnisse bei WikiLeaks zustande kamen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Es hat den Anschein, als sei den Aktivisten ihr eigener Ruhm zu Kopf gestiegen, als hätten sie, angetrieben von der öffentlichen Anerkennung, unbedingt den nächsten spektakulären Leak gesucht – obwohl klar gewesen sein muss, dass das Redigieren der Dokumente in der Eile nur flüchtig geschehen konnte.

Daneben könnte auch die unbedingte Überzeugung von WikiLeaks-Leitwolf Julian Assange von seiner „Mission“, von der alles umfassenden Bedeutung der von ihm ermöglichten Leaks, eine Rolle spielen. Assange hat mehrfach angedeutet, dass er den Schutz Unbeteiligter für weniger wichtig hält als das schnelle und umfassende Veröffentlichen geheimer Dokumente. Einige seiner Aussagen zu diesem Thema überschritten dabei die Grenze zwischen gedankenlos und zynisch oder kamen zumindest sehr dicht an diese heran. Assange hat große Visionen, die zweifellos erstrebenswerte Ziele und Werte umfassen. Leider verliert er über diese Visionen oftmals die Belange einzelner Menschen aus den Augen.

Änderungen einfordern

Es wird Zeit, dass WikiLeaks seine Probleme – wie auch immer sich diese im Einzelnen gestalten – in den Griff bekommt und endlich wie eine verantwortungsbewusste investigative Publikation handelt. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, sich der (berechtigten) Kritik zu stellen und die eigenen Fehler anzuerkennen. Doch davon zeigt sich bislang keine Spur. Im äußerst aktiven WikiLeaks-Twitter-Feed findet sich keinerlei Stellungnahme zum Bericht der AP – dafür informative Links, Propaganda gegen Assanges aktuelle Lieblings-Feindin Hillary Clinton und die üblichen Spendenaufrufe. Das ist ein mehr als schwacher Auftritt.

Wenn WikiLeaks seine Rolle als moralische Autorität behalten will, müssen die Verantwortlichen endlich handeln, ihre Fehler eingestehen, analysieren und Wiederholungen verhindern. Wenn Assange diese Schritte nicht selbst vollziehen kann, muss er sich entsprechende Unterstützung dabei suchen. Das einzufordern, ist nun Sache auch und gerade der WikiLeaks-Unterstützer. Derart berechtigte Kritik ist nicht illoyal, im Gegenteil. Sie ist ein notwendiger Hinweis darauf, dass sich WikiLeaks von seinen eigenen Idealen entfernt und seiner Vorbildfunktion nicht gerecht wird. Neben dem vermeidbaren Leid für unschuldige Menschen werden so auch dem politischen Gegner Argumente geliefert, die dieser verwenden kann, um WikiLeaks – und in der Folge womöglich die ganze Bewegung – in den Schmutz zu ziehen. Das gilt es zu vermeiden. Auch, wer Staatsgeheimnisse offen legen will, muss private Geheimnisse schützen. Nur dann stehen die Transparenz und auch ihre Verfechter im Dienst einer guten Sache.


Image „Occupy Wall Street Wikileaks Truck“ by pameladrew212 (CC BY SA 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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