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Wie kann man Otto Normalverbraucher Linux schmackhaft machen?

Wir haben kürzlich den Systemadministrator und Veranstalter unzähliger Cryptopartys, Hauke Laging, über Linux und die Tücken von Verschlüsselung befragt. Laging veranstaltet im Mai erstmals den Linux Presentation Day.

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Gute Ideen verbreiten sich nicht automatisch. Diese Erfahrung mussten die Organisatoren von Kongressen und Messen mit dem Schwerpunkt Linux immer wieder machen. Wer Linux-Distributionen bekannt machen will, muss neben den „üblichen Verdächtigen“ neue Publikumsschichten erreichen. Die Frage ist nur wie. Die diesjährige Pause vom LinuxTag erzeugt in der Bundeshauptstadt ohne Frage ein Vacuum. Hauke Laging hat aber ein völlig anderes Veranstaltungskonzept konzipiert, dass er erstmals in Berlin am 9. und 12. Mai präsentieren wird. Kann sich eine dezentrale Organisationsstruktur durchsetzen?

Linux Presentation Day: minimaler Aufwand soll Reichweite maximieren

Lars Sobiraj: Wie kommt es, dass der Linux Presentation Day an mehreren Orten zugleich in Berlin stattfindet?

Hauke Laging:Das Konzept der Veranstaltung ist, den organisatorischen Aufwand sehr niedrig zu halten, damit es für möglichst viele Organisationen möglich ist, sich (auch kurzfristig) an der Veranstaltung zu beteiligen. Dadurch, dass die Veranstalter ihre üblichen Räumlichkeiten nutzen, fallen die Kosten für die Nutzung von professionellen Veranstaltungsräumlichkeiten weg, sodass wir keinen Eintritt nehmen müssen. Außerdem reduziert sich der organisatorische Aufwand erheblich, und bei manchen Veranstaltern lernen die Besucher dadurch gleich die Örtlichkeit kennen, an der sie später praktische Hilfe bekommen können.

LS:Darüber hinaus könnte es zeitgleich oder später im gesamten Bundesgebiet zu weiteren Veranstaltungen kommen

HL: Die Idee ist, dass diese Veranstaltung in Berlin regelmäßig stattfindet, vielleicht zweimal im Jahr, aber das hängt von der Nachfrage ab. Durch den geringen organisatorischen Aufwand sind wir da flexibel. Wir hoffen, dass die Linux-Community auch außerhalb Berlins Gefallen an dem Konzept findet und es übernimmt. Wir bieten Interessenten Unterstützung in Form von Erfahrungsaustausch, Kontakten und Material an. Dass in Zukunft am selben Tag in vielen deutschen Städten so eine Veranstaltung stattfindet, erscheint mir nicht realistisch. Aber dass es eine Konzentration gibt, halte ich für wahrscheinlich. So könnte es sein, dass in den meisten Städten z.B. im Mai und November solche Veranstaltungen stattfinden.

LS: An welche Personengruppen wendet sich Eure Veranstaltung? Was können sie dort am 9. Mai konkret erwarten?

HL: Der Linux Presentation Day richtet sich an Leute, die Linux nicht oder kaum kennen, aber gern wüssten, wie Linux in Standardsituationen normaler Nutzer aussieht. Aus welchen Gründen auch immer sie das wollen – die Veranstaltung ist nicht auf eine spezielle Motivation (wie Sicherheit, Kostenersparnis, Freiheit) ausgerichtet. Es geht also nicht um Leute, die schon wild entschlossen sind, auf Linux umzusteigen, sondern um diejenigen, die noch Hilfe bei der Beantwortung der Frage brauchen, ob Linux etwas für sie sein könnte und für welche Anwendungsfälle.

Es wird auf Grund unterschiedlicher Voraussetzungen nicht an allen Standorten das selbe Programm geben. Die Empfehlung an die Veranstalter ist, unterschiedliche Desktop-Umgebungen, Office, Handhabung und Bearbeitung von Bildern, den Umgang mit Windows-Software unter Linux (WINE & Virtualisierung mit z.B. Virtualbox) und Spiele zu zeigen. Einzelne Veranstalter mögen auch darüber hinaus Themen abdecken; das sollten die Besucher kurz vor dem Termin auf der Veranstaltungsseite des jeweiligen Standorts nachlesen.

Es wird also umfangreicher und besser organisiert sein, als wenn man an einem normalen Termin zu einer Linux User Group ginge und sagte, „Zeigt mir mal dieses Linux“ – mal abgesehen davon, dass das keiner macht.

LS: Bei der Froscon, Fosdem etc. hatte ich häufiger den Eindruck, dass es ganz schön schwierig ist, Einsteigern Linux schmackhaft zu machen. Woran liegt das?

HL: Dies ist eine der Linux-Grundfragen, die durchaus einen mehrstündigen Vortrag provozieren kann. Mit dieser Frage mussten sich die Organisatoren des Linux Presentation Day zum Glück nicht auseinandersetzen, weil wir nicht versuchen, durchschnittliche Windows- Anwender davon zu überzeugen, dass Linux das bessere System für sie sei. Statt dessen beschränken wir uns auf diejenigen, die sich schon so ein bisschen für Linux interessieren. Das ist natürlich nur ein kleiner Teil der Windows-Nutzerschaft, aber in Berlin reicht ein winziger Teil der Computernutzer aus, um so eine Veranstaltung zu füllen. Was für Leute sich von dem Angebot dann wirklich angesprochen fühlen, bleibt abzuwarten. Auf die Masse der Windows-Nutzer wollen wir dadurch einwirken, dass Linux durch regelmäßige Veranstaltungen dieser Art im öffentlichen Bewusstsein präsenter wird.

LS:Michael Gisbers, der Veranstalter der OpenRheinRuhr, berichtete mir in der Vergangenheit von seinen anhaltenden Problemen, Sponsoren für seine Messe inklusive Kongress zu finden. Worin ist das mangelnde Interesse vieler Unternehmen begründet?

HL: Wir sind in der glücklichen Situation, keine Sponsoren für die Finanzierung der Veranstaltung zu benötigen, deswegen haben wir an dieser Front kaum Erfahrungen gemacht. Diese Frage können zuverlässig aber wohl sowieso nur die Unternehmen beantworten. Für manche Unternehmen mag eine Veranstaltung, die neue Linux-Nutzer generiert, attraktiver sein als eine Veranstaltung für Linux-Nutzer.

LS: Was sind die Zukunftsaussichten für den Linux Presentation Day, wenn die erste Veranstaltung ein Erfolg wird?

HL: Ich denke, dass sich das Programm zukünftiger Termine kaum ändern wird. Wir hätten in Zukunft sicherlich mehr Mitveranstalter und mehr Besucher. Ich hoffe, dass sich die Zusammenarbeit der User Groups und der restlichen Linux-Community durch diese gemeinsame Veranstaltung verbessert und dass die User Groups dadurch Zulauf an aktiven Mitgliedern bekommen.

Es gibt allerdings ein paar Ideen, wie das Konzept ausgebaut werden kann. So ist vorstellbar, in Zukunft kurz nach der Standardveranstaltung einen abgewandelten Termin zu haben, auf dem Linux-Dienstleister in ihren Räumlichkeiten zeigen, wie Linux im Unternehmenseinsatz aussieht. Auch das wäre ein relativ einfaches Programm – zu unspektakulär für einen Messeauftritt –, die Zielgruppe wären kleine Unternehmen (ohne IT- Abteilung). Für die Präsentation anspruchsvoller Technik wäre der LinuxTag geeigneter. Vielleicht kann so ein Business Linux Presentation Day den LinuxTag auch dadurch unterstützen, dass er ihm Aussteller und Besucher zuführt und zu mehr Aufmerksamkeit in der nicht Linux-affinen Bevölkerung verhilft.

Eine weitere Möglichkeit – mehr für die Zwischenzeit – sind kleine Präsentationen in der Art dessen, was auf dem Linux Presentation Day passiert, für Zielgruppen, die nicht zu uns kommen, bei denen wir uns aber wünschen, dass sie mit Linux in Kontakt kommen. So spielt eine Partei mit dem Gedanken, in ein paar Monaten eine solche Linux-Präsentation im Berliner Abgeordnetenhaus zu organisieren. Ich denke, dass viele der LPD-Helfer auch so etwas aktiv unterstützen würden.

LS: Martin „Joey“ Schulze von Debian hob im Interview die Möglichkeit hervor, dass es wirklich für jeden Geschmack bzw. unterschiedliche Bedürfnisse eine eigene Linux-Distribution gibt. Für welche Distribution hast Du Dich entschieden? Und warum?

HL: Ich glaube, mit der Beantwortung dieser Frage kann man nur verlieren, zumal ich nicht zu den Leuten gehöre, die immer mal eine andere Distribution ausprobieren. Ich nutze Linux seit etwa 15 Jahren und bin immer noch bei der Distribution, mit der ich damals angefangen habe – von OS/2 kommend…

LS: Mal anders gefragt. Worin siehst Du persönlich den Vorteil von freier Software? In welchem Rahmen kommst Du bei der Ausübung deiner beruflichen Tätigkeit mit quelloffener Software in Berührung? Oder auch mit den Einschränkungen proprietärer Software?

HL: In der Firma nutzen wir Linux auf den Servern. An den CAD-Arbeitsplätzen haben wir das Problem, dass manche Software nicht auf neueren Windows-Versionen läuft. Es gab mal den Fall, dass wegen so einer Inkompatibilität Windows von der 64- auf die 32-Bit-Version umgestellt werden musste. Dass ein Betriebssystem Gigabyte-weise freien Arbeitsspeicher ignoriert und nicht einmal als Plattencache nutzt, erscheint einem reichlich grotesk, wenn man immer mit Linux arbeitet.

Freie Software ist nicht automatisch frei von Fehlern!

LS: Warum entscheiden sich so viele große wie kleine Unternehmen gegen die Möglichkeit, dass man den Quellcode ihrer Software einsehen darf, um mögliche Sicherheitslücken zu entdecken und zu beheben?

HL: Da kann ich nur mutmaßen. OSS ist ja nicht dasselbe wie FOSS, wobei es wohl schwierig wäre, bei OSS einen Kopierschutz durchzusetzen. Außerdem gibt es wohl rechtliche Probleme, wenn Fremdsoftware eingebunden ist. In manchen Fällen wäre es wohl schlicht peinlich. OSS hat nicht automatisch eine hohe Qualität des Quellcodes zur Folge. Aber ich kann mich erinnern, dass nach der Ankündigung, StarOffice zu FOSS zu machen, ziemlich viel Zeit ins Land ging, in der mutmaßlich der Quellcode einigermaßen vorzeigbar gemacht wurde.

LS: Was hältst Du vom Live-Betriebssystem Tails, welches der ehemalige NSA-Techniker Edward Snowden zur Wahrung der Privatsphäre empfiehlt?

HL: Es ist gut, dass es eine Live-Distribution mit dem Schwerpunkt Sicherheit gibt, auch wenn ich Tails nicht selber nutze. Was mich daran stört, ist die Fokussierung auf Tor. Sicherheit erfordert nicht automatisch Anonymität.

IT Sicherheit setzt das Verstehen von Zusammenhängen voraus.

LS: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, die Tätigkeit der über 40.000 NSA-Mitarbeiter auszutricksen? Oder ihren Job zumindest zu erschweren? Stichwort: Sicherheitslücken in allen Betriebssystemen, Festplattenverschlüsselung, E-Mail-Verschlüsselung etc.

HL: Ich glaube, die wirksamste Störung ist die Verbreitung von Kryptografie und offenen Systemen. Ich habe eine Seite mit Vorschlägen dazu ins Netz gestellt.

Neben der Verbreitung relativ „einfacher“ Technik wie OpenPGP und OTR sollte man sich klar machen, dass Informationen einer bestimmten Kategorie auf normalen Computern nichts verloren haben. Da kommen Techniken wie Tails ins Spiel. Allerdings erleben wir inzwischen, dass wir vor Schadsoftware nicht mehr sicher sind, indem wir Hardware ausschalten; das ist erschreckend. Ich glaube, dieses Problem muss (aus Kostengründen) politisch gelöst werden: Durch entsprechende Vorgaben für die staatliche Hardwarebeschaffung und eine Verpflichtung des Staates, die Versorgung seiner Bürger und der Wirtschaft mit bezahlbarer sicherer Hardware zu gewährleisten. Der einzelne kann da wenig tun; Er kann aber versuchen, im Rahmen seiner Möglichkeiten die Politik entsprechend zu beeinflussen.

LS: Du veranstaltest häufig Cryptopartys. Was hältst Du von den Verschlüsselungslösungen für E-Mails Tutanota, Lavaboom oder Mailvelope?

HL: Das sind sehr unterschiedliche Themen, weil es sich bei ersteren um Dienste handelt, bei Mailvelope aber um eine Software. Grundsätzlich begrüße ich es, dass es eine breite Spanne von Möglichkeiten gibt, Kryptografie zu nutzen. Ich halte es allerdings nicht für ein sinnvolles Ziel, dass Leute Kryptografie nutzen sollen, ohne viel von dem zu verstehen, was da passiert. Sicherheit ist immer auch Verständnis.

PGP: „Die Offenheit des Systems hat ihren Preis“

LS: Oder ist die E-Mail-Verschlüsselung, wie heise behauptet, das eigentliche Problem und nicht die Lösung zur Wahrung unserer Privatsphäre? Wenn ja, wie sollte die Lösung aussehen?

HL: Die Offenheit des Systems hat ihren Preis. Ich glaube nicht, dass Zentralisierung eine vorteilhafte Richtung wäre, auch wenn sie Erleichterungen der Benutzung ermöglicht.

Ich halte derzeit weder die Standard-Windows- noch die Standard-Mac-Software für OpenPGP für gute Produkte. Das Hauptziel der Bequemlichkeit hat dazu geführt, dass die „richtige“ Verwendung von Enigmail immer noch eine Zumutung ist.

Aber das sind Probleme, die viel leichter lösbar sind als ein Wechsel des kompletten Systems. Wie sollte sich ein offenes Nachfolgesystem durchsetzen? Derzeit gibt es einen ganzen Zoo von Produkten, die E-Mail ablösen wollen. Vermutlich haben 98% der Internetnutzer noch von keinem davon gehört. Ein neues System hat wohl nur dann ernsthafte Aussichten auf eine ausreichende Verbreitung in kurzer Zeit, wenn es von einem entsprechend einflussreichen Unternehmen in den Markt gedrückt wird. Aber das wäre dann wohl wieder keine offene Lösung. Das sieht man auch daran, dass Google und Yahoo ihre OpenPGP-Implementierung gerade auf derart radikale Beschränkungen umstellen, dass sie inkompatibel zu einem Großteil der aktuell benutzten Schlüssel werden – übrigens auch zu meinem. Vorbildlich ist anders.


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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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