Wie die Union die Wahl vergeigt

Die CDU hat ein großes Problem: Sie verliert ihre Stammwähler. Wie geht das? Das Selbstverständnis der Christdemokraten ruht auf zwei Pfeilern: Dem christlichen Menschenbild und der sozialen Marktwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Partei vor allem aus der Zentrums-Partei, die sehr stark von Katholiken dominiert war, hervorgegangen. Konrad-Adenauer hat die Partei auch für Protestanten geöffnet und damit erstmals eine ökumenisch grundierte politische Gruppierung geschaffen. Dennoch blieb die CDU stets dem katholischen Milieu näher als dem protestantischen. Der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Ehrhard, war ein CDU-Mann. Bis heute beruft sich die Union auf sein Erbe, wenn sie ihre Wirtschaftspolitik beschreibt. Das war so, zumindest bis vor einigen Wochen. Angela Merkel, die erste Kanzlerin aus den neuen Ländern, die Tochter eines evangelischen Pastors, hat damit Schluss gemacht. In der Finanzkrise greift sie zu Teilverstaatlichung von Banken und schließt sogar die Enteignung von Aktionären nicht aus. In der klassischen CDU-Vorstellung sind diese Schritte undenkbar. Sie sind zudem die totale Umkehr von dem, was die Partei 2003 auf ihrem Parteitag in Leipzig beschlossen hatte. Das Stammklientel, das die Union wegen deren wirtschaftspolitischem Profil gewählt hat, ist auf und davon in Richtung Freie Demokraten. Das zweite Stammpublikum der CDU sind die Katholiken. Im Zuge der Kontroverse innerhalb der katholischen Kirche um die Aufhebung der Exkommunikation für vier erzkonservative Schismatiker – einer davon ist praktizierender Holocaust-Leugner – hat die Bundeskanzlerin ohne erkennbare Not den Papst in einer Pressekonferenz kritisiert und aufgefordert, eindeutig Stellung zu beziehen. In der Nuancierung dessen, was sie gesagt hat, konnte der Eindruck entstehen, der Papst selber stehe im Verdacht den Holocaust zu leugnen. Katholiken waren erbost über den Affront gegenüber Benedikt XVI.; auf dem diplomatischen Parkett herrschte betretenes Schweigen: Frau Merkel hat mit ihrem Auftritt gegen so ziemlich jede dort übliche Regel verstoßen. Die Katholiken im Süden des Landes geben sich verprellt; viele von ihnen werden gar nicht zu Wahlurne schreiten. Beide Entwicklungen in der CDU werden von den Bürgerinnen und Bürgern beklatscht, die in ihrem ganzen Leben noch nie die CDU gewählt haben. Gerhard Schröder wurde 2003 auch von den Anhängern der bürgerlichen Parteien für seine Reformpolitik, die Agenda 2010, beklatscht. Trotzdem ist so gut wie kein Wähler aus dem Unionslager zur SPD übergelaufen. Frau Merkel wird im September 2009 bei der Bundestagswahl zu spüren bekommen, dass man ohne die Stammwählerschaft schwer eine Wahl gewinnen kann. Bildnachweis: nofrills on Flickr.com Mehr Infos unter www.cicero.deBildergalerie: Angela Merkel – die erste Kanzlerin der DeutschenInterview mit Angela Merkel: „Der Westen kann vom Osten lernen“Hans-Joachim Maaz Wieviel DDR steckt in Angela Merkel?Klaus Harpprecht: Sie ist groß, die KoalitionGerd Langguth: Angela Merkels roter VaterDas Cicero-Dossier zur UnionCicero-Karikaturen zu Angela Merkel

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Alexander Görlach

Alexander Görlach

ist Chefredakteur und Herausgeber des Online-Debattenmagazins The European (www.theeuropean.de). Für die Netzpiloten schreibt Alexander Kolumnen und kritische Beiträge zur Medienlandschaft und natürlich zu aktuellen politischen Ereignissen.

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