Internet Café (Bild: San José Library [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Wert des Internets: Das Bruttoinlandsprodukt unterschätzt das Internet

Nutzer bezahlen nichts für Dienste wie Wikipedia, YouTube oder MOOCs zahlen und haben deshalb keinen Einfluss das Bruttoinlandsprodukt. Mit dem Internet ist es so wie mit der Generation Praktikum: Mitte 20, kein Einkommen. // von Katharina Brunner

Internet Café (Bild: San José Library [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

In einer Volkswirtschaft zählen zählen nur Güter und Dienstleistungen zum Einkommen, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), die einen Preis haben – und der fehlt bei kostenlosen Angeboten im Internet. Doch vielleicht generiert Wikipedia Nutzen und Wohlstand, vielleicht schrumpft die Wirtschaft durch Facebook, weil so viele Leute Zeit verplempern. Wie dem auch sei, ohne Preisschild bzw. einem Preis von Null haben kostenlose Dienste keine Auswirkungen auf das BIP.


Warum ist das wichtig? Kostenlose Dienste haben keinen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes, weil ihr Preis Null ist, aber das Internet schafft trotzdem ökonomische Werte.

  • Um den Nutzen von kostenlosen Web-Diensten zu messen, muss deren Nutzen quantitativ ermittelt werden.
  • Der Ökonom Erik Brynjolfsson plädiert für das Konzept der Konsumentenrente, um die Zahlungsbereitschaft anzugeben.
  • Die Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für die Wirtschaftsleistung ist nicht neu – sie erfährt durch die Digitalisierung neuen Antrieb.

Die Digitalisierung unterscheidet sich von früheren Innovationen, weil ein großer Teil des Konsumentennutzens kein Teil der Wirtschaft wurde, den das BIP misst. So wird die Lücke zwischen dem, was tatsächlich in der Volkswirtschaft passiert und dem, was Statistiken messen, größer als jemals zuvor„, schreibt James Surowiecki im New Yorker. Denn das BIP misst das Angebot, die Produktion von Gütern und Dienstleistungen.

Wie misst man Nachfrage?

Um den Nutzen von Wikipedia und Co. Zu messen, muss die Nachfrage quantitativ ermittelt werden – und das ist schwierig. Ein Ansatz, um den Nutzen von kostenlosen Angeboten für die Verbraucher zu messen, ist die Konsumentenrente: der Unterschied zwischen dem, was Verbraucher zahlen – im Falle vieler Internetangebote nichts – dem, was sie zu zahlen bereit sind. „Es geht darum, herauszufinden, wieviele Verbraucher gewillt sind, für ein Gut wie viel zu zahlen„, sagte Erik Brynjolfsson, Ökonom am MIT, der glaubt, dass der Beitrag des Internets zum BIP systematisch unterschätzt wird. Um konkrete Zahlen zu bekommen, müssen Umfragen und Experimente durchgeführt werden – ein weitaus komplizierteres Verfahren als die mehr oder weniger bloße Addition von produzierten Gütern und Dienstleistungen beim Bruttoinlandsprodukt.

Nachfrage nach Breitbandverbindungen als Näherungswert

Doch wie hoch würde diese Konsumentenrente ausfallen? Nicht besonders hoch, meint der Volkswirt Shane Greenfield im Economist. Denn die Nachfrage nach digitalen Gütern ist sehr elastisch, das heißt: Ändert sich der Preis, ändert sich die Nachfrage erheblich. Zum Beispiel Google: Kostet die Suchfunktion plötzlich etwas, würden viele auf kostenlose Alternativen ausweichen und wären nicht bereit den Preis zu zahlen. Diese angenommene geringe Elastizität wäre zudem nicht bei allen Nutzern gleich und damit auch die Konsumentenrente von Verbraucher zu Verbraucher unterschiedlich.

Trotz dieser theoretischer Vorüberlegungen lässt sich die konkrete Konsumentenrente nicht berechnen und Greenfield wich auf die Zahlungsbereitschaft für Breitbandinternet aus. Es war Greenfield nicht möglich, den Anteil einer bestimmten Anwendung an der Konsumentenrente zu isolieren. Der Vorteil der Breitbandverbindung: Sie hat einen Preis und kann so als Proxy für die Konsumentenrente dienen.

BIP misst „bads as goods“

Diese Vorgehensweise betrifft aber nur ein Internet, in dem Dienste kostenlos sind. Mit iTunes, Spotify, Netflix usw. ändert sich die Situation. Komplexer wird die Situation außerdem dadurch, dass es im Internet auch zu sogenannten Netzwerkeffekten kommt und so die Nachfrage beeinflusst.

Die Kritik am BIP als Maßstab für die Wirtschaftsleistung eines Landes ist nicht neu. Das Problem gibt es nicht nur mit dem Internet, sondern auch anderen Bereichen, die einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert haben, aber nicht im BIP eingerechnet werden, wie zum Beispiel ehrenamtlicher Arbeit oder Hausarbeit. Kurz: Alles, was sich nicht in monetären Größen messen lässt. Andersrum können Dinge wie Umweltzerstörung oder Naturkatastrophen das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Im Englischen sagt man dazu, dass „bads as goods“ gerechnet werden. Der Vergleich des Internets mit der Generation Praktikum ohne Einkommen hinkt also. Die Frage lautet: Wie definiert man Einkommen?


Teaser & Image by San José Library (CC BY-SA 2.0)


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Katharina Brunner

Katharina Brunner

studiert Volkswirtschaftslehre in Regensburg und will Journalistin werden. Sie beschäftigt sich digitalem Journalismus, insbesondere der technischen Umsetzung. Ihr Blog heißt Schafott. Auf Twitter ist sie mit @cutterkom unter einem weniger martialischen Namen unterwegs. | Kontakt

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