Welches Raumschiff führte dich in den Cyberspace, Constantin Gillies?

Die Netzpiloten feiern 15 Jahre Expeditionen in den Cyberspace und fragen prominente Wegbegleiter nach ihrem denkwürdigsten Erlebnis der digitalen Revolution. – Heute den Wirtschaftsjournalisten und Buchautoren, Constantin Gillies. (Foto: David Weimann).

Constantin Gillies

Mniiiiiiiiiii-krrrrrrrrr – mit diesem Geräusch begann mein Aufbruch in eine neue Welt. Es war das Plärren eines Modems, das auf dem letzten Loch pfiff, um 28.800 Bits pro Sekunde in die Studi-Bude zu schaufeln. Ende 1997 muss das gewesen sein, und lustigerweise war es nicht mal meine eigene Bude, sondern die meiner damaligen Freundin. Sie hatte mich gebeten, ihr mal „dieses Internet“ einzurichten – damals benutzte man das Wort noch mit bestimmtem Artikel.

Da hockten wir also, vor dem Mäusekino des 13-Zoll-Röhrenmonitors und lauschten dem Sound der Zukunft.

Dann geschah das Wunder: Die Suchmaske von Yahoo! erschien – von Google hatte damals noch nie jemand gehört –, und wartete auf unsere Eingabe. Und nun? Das ganze Wissen der Welt vor der Nase, und trotzdem war der Kopf leer.

Als echtem Nerd fiel mir nur ein Nerd-Thema ein: Mondbasis Alpha Eins. Als Kind hatte ich diese englische Scifi-Serie geliebt und alles zusammengerafft, was mit ihr zu tun hatte. Alles. Bis auf dieses Jahrbuch von 1976, das fehlte bis zum Schluss in meiner Sammlung. Einfach nicht zu kriegen, damals in der vordigitalen Zeit. Roland Alpers aus meiner Klasse hatte es, sonst niemand. Er war der König.

Vielleicht gibt es das ja in diesem Internet? Meine Finger stolperten über die klapperige Cherry-Tastatur:

„SPACE 1999“ (so hieß die Serie im Original)

Und Jahrbuch … genau!

„ANNUAL“

Eingabe.

Mniiiiiiiiiii-krrrrrrrrr. Der Server von Yahoo! im fernen Kalifornien spuckte die Ergebnisliste aus.

Klar.

Natürlich hatte jemand da draußen das Jahrbuch eingescannt und ins Netz gestellt. Zentimeter für Zentimeter baute sich das Cover auf, mit dem kühnen Commander Koenig und seinem Adler-Raumschiff drauf. Mein Puls raste, es war ein unglaubliches Gefühl. All die wunderbaren Dinge, was man schon immer haben wollte, waren auf einmal den sprichwörtlichen Mausklick entfernt.

Ich war high. Und gleichzeitig deprimiert.

Denn plötzlich war klar, dass die Welt meiner Kindheit sich aufgelöst hatte. In dieser Welt gab es noch das Exklusive – den geheimen Konzertmitschnitt, den ultrararen Comic, die achso verdorbene amerikanische Penthouse-Ausgabe. Ab sofort würde jeder alles haben. Grenzenlose Auswahl, grenzenlose Information, für jeden. Ein Menschheitstraum. Es war, wie unterm Weihnachtsbaum den gesamten Inhalt des Vedes-Spielzeugkatalog vorzufinden. Ich klickte noch bis zur dritten Seite des Jahrbuchs weiter, dann machte ich den Rechner aus.

Ab und zu spüre ich dieses Gefühl heute noch: Wenn über mir der Tsunami aus superoriginellen Tweets hereinbricht, wenn ich über das tausendste Posting bei Reddit lache oder auf YouTube wieder irgendwelche Juwelen finde. Einfach nur genial.

Vielleicht schau ich’s mir später mal an.

Zur Person: Constantin Gillies, Jahrgang 1970, Journalist und Buchautor. Sechs Jahre nach seinem Alpha-Test hat der bekennende Nerd das Buch „Wie wir waren“ veröffentlicht, ein Rückblick auf den Internetboom der 1990er Jahre. Er folgten mehrere Sachbücher sowie die Romanserie „Extraleben“, dessen letzter Teil „Endboss“ 2012 erschienen ist. Constantin Gillies lebt in Köln und programmiert seine eigene Webseite immer noch in HTML 1.0. Fast.

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