Welchem Big Shot hast du die Hand gehalten, Nicole Kidd?

Die Netzpiloten feiern 15 Jahre Expeditionen in den Cyberspace und fragen prominente Wegbegleiter nach ihrem denkwürdigsten Erlebnis der digitalen Revolution. – Heute die Content & Marketing Strategin und Mitgründerin von die-journalisten.de, Nicole Kidd.

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Wow, 15 Jahre! Herzlichen Glückwunsch, liebe Netzpiloten!! Wow, und fast genauso alt ist die Erinnerung an „Zwei Takte mit John.“

Man schreibt das Jahr 1997 als die Computermesse COMDEX in Las Vegas noch die Sirene aller IT-Messen war. Damals schrieb ich als freie Journalistin für diverse deutsche Verlagskunden Kurzzusammenfassungen interessanter Silicon Valley Begegnungen sowie technischer Neuheiten vor allem in den noch embryonischen „e-commerce and e-publishing“ Bereichen. Meine erste Consumer-Computer Messe hatte ich im November 1996 erlebt und ich freute mich schon von irgendeinem Kunden auch dieses Jahr zum Trend-Scouting in ein Menschenbad von knapp 215,000 erwarteten Besuchern sowie 2,100 Ausstellern gesandt zu werden. Der COMDEX Buzz dieses Jahr drehte sich für uns „Bay Area“ Bürger hauptsächlich um einen Keynote-Referenten, genannt John Chambers, der 1995 die Leitung von Cisco Systems übernommen hatte. Zum ersten Mal würde der Leiter eines „internet plumbing“ Unternehmen die Keynote der eher verbraucher-orientierten Fachmesse stemmen. Tage vorher erschien im lokalen San Francisco Chronicle ein Artikel über den eher kamerascheuen John Chambers, der mit seiner tiefsitzenden Furcht vor öffentlichen Ansprachen sowie Bewältigung seiner „milden“ Legasthenie begann.  Ich dachte „Wow, der Mann muss dieser Keynote höchst nervös entgegen sehen.“

 Auch dieses Mal hatte ich wieder einen Presseausweis ergattern können und so tummelte ich mich mit neuen Pressekollegen aus aller Welt in den vorderen Reihen der Riesenhalle des Sands Expo Center am Montagmorgen, dem 17.11.1997. Man konnte die geballte Erwartung aller körperlich fühlen. Und dann betrat ein fast schüchtern wirkender John Chambers die Bühne – Geschäftsführer von Cisco Systems, das 1997 einen Börsenwert von sage und schreibe  $55 Milliarden hatte – höher als Ford oder GM um den Dreh! Seine Stimme war fast leise und er sprach mit einer etwas gedehnten, südstaaten-typischen Sprechweise, die seine Charlston, West Virginia, Heimat suggerierte. Und dann trat ein wofür jeder Referent in der Nacht vorher inständig betet, es möge nicht passieren: Die gute Technik versagte. Der Ton war weg und die PowerPoint wollte auch nicht erscheinen. Dieses rednerische Vakuum war fatal. Im hinteren Teil der mit Hunderten von Zuhörern vollgepackten Halle, ergriff ein feindlicher Zwischenrufer ein Mikrofon. Der Riesenbildschirm zeigte Johns etwas resignierte Miene und ich dachte „der arme Mann“ – erste Keynote und dann das.“ Aber John managte alles souverän, antwortete ruhig auf die gewerkschafts-politischen Vorwürfe während der „heckler“ von der schwarzgekleideten Security aus dem Saal geführt wurde.

Stunden später, sah ich John wieder. Diesmal war er einer von vier Referenten in der tagesabschließenden „Recap of the Day“ Runde. Er war locker und witzig und wir von der Presse saßen buchstäblich vor seiner Nase mit direktem Augenkontakt. Die Runde kam zum Ende und ich raunte zu einem meiner Pressekollegen, dass man John sagen sollte wie gut er alles heute morgen gemeistert hatte. „Sag es ihm“ ermunterte man mich. Also schlüpfte ich nach vorne und grinste John an, der noch sitzend seine Sachen zusammenpackte, und meinte freundlich „John, wir von der Presse – nach hinten auf die Kollegen zeigend – wollten Ihnen nur kurz sagen wie „super“ Sie heute morgen alles navigiert haben.“ John nahm meine ausgestreckte Hand in seine beiden Hände und schaute mir tief in die Augen: „Thank you so much, you don’t know what this means to me!“. Worauf ich seine Hände ebenfalls drückte, und bevor ich mich entzog, ihm antwortete „I think, I do, John.“

Zurück bei meinen Kollegen fragte man mich nach seiner Visitenkarte. Ich verneinte und meinte „That wasn’t the point.“ Nun sind wir fast am Ende von 2013 angekommen und John führt immer noch Cisco, das mittlerweile einen Börsenwert von etwas über $126 Milliarden hat. Ich denke für uns beide war dieser kurze menschliche Moment in 1997 etwas besonderes. Es lehrte mich erster Hand, dass die großen Wirtschaftskapitäne auch nur Menschen sind und genauso nervös wie wir so mancher Rede entgegen schauen.  After all, being „human“ is still the most disruptive technology!;-)

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