Web 2.0 ist eine Goldader, Blogs sind ein Flop

Eine Nachbetrachtung zur DLD Konferenz in München, von Dr. Frank Huber

Manche Dinge muss man erst einmal eine Nacht sacken lassen, daher nun mein DLD 07-Fazit: das “Participation Age” der “Social Networks” und damit das Web 2.0 sind eine Goldader. Warum? Noch nie war es so einfach die Ressourcen anderer zu nutzen. Wie sagte Rob Beckstrom über Joost: “They are just using your harddrive to host their content”.

Doch nicht nur die Ressourcen anderer werden genutzt, auch deren Arbeit. Man nennt das dann Community. Allen gemein ist die Zeile aus einem Lied von Klaus Lage: “… und die Kohle fällt nach oben”. Das Web 2.0 ist also wirklich in vielen Fällen eine unter dem Deckmantel des “sozialen Netzwerkes” ablaufende Veranstaltung zur Gewinnmaximierung.

Weltmeister darin, das zeigte die DLD, sind die Amis – wir Deutsche sind uns dafür zu fein oder zu dumm dafür.

Besonders interessant finde ich da die Situation der Verleger. Sie kommen mir wie ein Mineralölkonzern vor, der sich angesichts der globalen Herausforderungen komplett neu ausrichten muss. Um es mal konkret zu machen: Aus BP wurde “beyond petroleum” – was wird aus Hubert Burda Media?

Das sind keine kritischen Fragen, sondern Fakten. Denn mit den netten „Bunte“-Themen und der Info-Elite der 90er kann man heute keinen Blumentopf gewinnen. Die wirklich süßen „Bunte“-Girls in weißen Jeans/Miniröcken und weißen Slippern waren für mich z.B. symptomatisch für die aktuellen Print-Konzepte.

Was für ein herrlicher Ausflug in die (sorgenfreien) 80er in einem Hotel mit goldenen Lüstern und Marmorböden. Fehlte nur noch Michael Graeter, der mich interviewt – ich gebe ja zu, dass ich ab und zu seine Rolle gespielt habe.

Wer weiß wie heute Klatsch & Tratsch gespielt wird (Gofugyourself), der wird merken wie hoffnungslos von gestern diese Ansätze sind. Doch wie kann man den neuen amerikanischen Mega-Medienmarken wie YouTube und MySpace Konkurrenz machen? Oder noch pointierter: Wie erfindet man die Post-YouTube Medienmarke oder “the next big thing” nach Joost und Blyk?

Burda wird im für “Brains” attraktiven München ganz neue Aktivitäten starten. Das ist auch dringend notwendig. Denn die Themen, die angegangen werden müssen, bedrohen das Geschäftsmodell aller Verleger im Kern. Blogs sind da das kleinste Übel.

Über Blogs spricht keiner der Visionäre mehr – kommerziell sind sie ein Witz und in ihrer heutigen Struktur haben sie Kindergartenniveau. Echte Pro-Blogger müssten sich erst mal mit journalistischen Darstellungsformen und -techniken vertraut machen, um auf hohem Niveau kreativ Inhalte anzubieten, die sie zur Marke machen (siehe Huffington Post). Alles andere ist Hobby-Bloggen.

Derzeit besteht von dieser Warte her keinerlei Gefahr für die Verleger. Die Gefahr kommt eher von Giganten wie Google, ohne die Verleger heute im Internet gar nicht mehr leben können. Sie bedrohen die Kontrolle über die Inhalte und deren Verwertung. Dazu kommen noch all’ die “User stolen content”-Konzepte, die ebenfalls alle von den Verleger-Inhalten profitieren.

Hubert Burda bezahlt also die Party der anderen – so wie es er in München großzügigerweise gemacht hat. Dafür bin ich – und sind alle Gratis-Teilnehmer – ihm zu Dank verpflichtet. Als ehrlicher Gast will ich aber seine an mich persönlich gerichtete Frage: “Was gibt es Neues?” auch ehrlich beantworten.

“Nicht viel Erfreuliches für Verleger” – denn die müssen z.B. lernen, Eintritt für ihre Parties zu verlangen. Von den Usern, von Google, und all’ den anderen Content-Profiteuren. Meine konkreten Vorschläge dazu sind bekannt – gerne bereite ich sie für einen Termin in Offenburg wie besprochen auf.

Denn ich möchte, dass weiter Journalisten für ihre Arbeit bezahlt werden, dass sich die Produktion qualitativ hochwertiger Inhalte lohnt und dass wir in Zukunft nicht nur von US Content Fast Food leben müssen. Das gilt im übrigen auch für das Schlüsselthema “Suche” – das neben dem kulturellen Hintergrund vor allem ein zentrales Business-Thema ist.

Europa hat hier den Anschluss komplett verloren – mit einem smarten, sehr pragmatischen Ansatz könnte man da noch was machen. Die Blogs und alle Leser-Reporter dürfen dann darüber (mal wieder gratis) berichten – das Geld verdienen (mal wieder) andere.

Fazit: mit Inhalten anderer lässt sich blendend Geld verdienen. Das Web 2.0 ist in diesem Sinne eine Goldader, Blogs sind in Deutschland ein kommerzieller Flop. Vielleicht sind es auch diese Gründe, warum A-Blogger ihre Start-ups nicht im Blog-, sondern in verwandten Bereichen sehen.

Letztendlich geht es darum, Geld zu verdienen. Entweder die Umsätze kommen direkt vom Kunden oder (indirekt quasi) über Händler- oder Hersteller-Werbung. Das erstgenannte Modell wird m. E. trotz sehr erfolgreicher Beispiele (siehe Fotocommunity) zu wenig praktiziert, das letztgenannte Modell überfordert. Wenn man sich mal überlegt was alles durch Werbung finanziert werden soll, dann fragt man sich, ob es so viele Werbetreibende überhaupt geben kann.

Es bleibt also spannend, und ich bin ganz neugierig auf all’ die neuen Geschäftsmodelle und -initiativen. Die DLD hat mir persönlich in diesem Kontext wichtige Einsichten beschert – ich hoffe vielen anderen Teilnehmern auch.

Dr. Frank Huber ist ausgebildeter Marketing-Fachmann (Diplom-Kaufmanm, promovierter Diplom-Volkswirt) und hat an vier Universitäten (Freiburg i. Br., Köln, St. Gallen, Ann Arbor) studiert.
Neben zahlreichen Unternehmensgründungen und seiner derzeitigen Tätigkeit als Medienberater hat er als Erster versucht, die Media-Akzeptanz bei Bloggern gezielt zu testen.
Er ist ein Macher und streitbarer Geist, der zunächst als “innovative Störung” im Blogbetrieb betrachtet wurde und dessen Thesen nicht unumstritten sind. Als sozialphilosophisch ausgebildeter Denker stehen für ihn jedoch Kritik und Erkenntnisfortschritt in einem unmittelbaren Zusammenhang.
Seine konstruktiv-kritischen Erkenntnisse zum Thema “Web 2.0” publiziert er tagesaktuell auf seinem Media-Blog.

(Erstveröffentlichung im Media-Blog)

Thomas Gigold

Thomas Gigold

ist Journalist und Berufsblogger. Blogger ist Gigold bereits seit den letzten Dezembertagen des Jahres 2000, seit 2005 verdient er sein Geld mit Blogs und arbeitete u.a. für BMW, Auto.de und die Leipziger Messe. Selbst bloggt Gigold unter medienrauschen.de über Medienthemen.

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