Web 2.0 is zu Ende. Und nun?


Vor vielen Jahren begann eine kleine Schar von Enthusiasten hüpfende Frösche, animierte Mauszeiger und Minifilmchen als .gif-Dateien zu hassen. Die große Masse, so dachten wir damals, war im Web angekommen und macht mit allerlei Spielereien das Web kaputt. Unser schönes Web, das damals eigentlich nur sehr spezielle Inhalte und viel Kommunikation zwischen Computer-Nerds und Hardcore-Gamern transportierte (autoexec.bat und config.sys anpassen). Es war sozusagen ein Schlagwortkatalog, der aus Menschen (Foren) und Listen (Datenbanken) bestand. Wer etwas finden wollte, der war aufgeschmissen, weil es wenig gab und diese Perlen oft sehr gut versteckt in den dunklen Ecken des deep web hausten. Google brachte Licht in diese dunkle Flecken, ohne teure Redakteure wie Yahoo sie sich leistete. Sie hatten schlicht ein paar Menschen durch die Roboter 2.0 (Algorithmen) ersetzt. Dann kauften sie eine Online-Werbelösung dazu und bauten aus beidem ein Imperium.

Zuvor jedoch kamen die selbst gemachten Websites mit Netscape Composer oder deren teuren Nachbauten von heute längst unbekannten Firmen, die damals auch irgendwann Flash erfanden, damit die Grafiker aus den Werbeagenturen mit ihren gewohnten Werkzeugen Websites entwerfen konnten, die sich entweder sehr an Zeitungsdesign oder aber an Videocompositing orientierten. Ein 56k-Modem bot diesem selbstverliebten Design Einhalt wegen der kläglichen Bandbreite.

Dann kam lange gar nichts. Firmen vertrauten auf interne Netzwerkapplikationen wie Archive, Dokumentenmanagementsysteme und jemand baute aus einer Datenbank ein modulares System, das die arbeitsteilige Verwaltung (Finanzen, Personal, Lagerhaltung, Produktionsplanung etc.) in diesen Netzwerken verteilte. Außen im großen Internet hatten mittlerweile Hinz und Kunz Websites für Gott und die Welt gebaut. Man setzte ein paar Werkstudenten und Diplomanden an die einschlägigen Webbaukästen und nahm dafür von den Firmen sechsstellige Beträge. Das klappt heute noch. Nur das man heute keine Lizenzen mehr für diese Software zu bezahlen braucht, weil die Open Source ist und die Werkstudenten durch Rumänen, Inder und Bangla-Deshis ersetzt wurden. So konnten Webagenturen früher Tausende Websites für Gewinnspannen jenseits der 60% Profit bauen wohingegen heute Dutzende Websites mit Gewinnspannen deutlich über 80% gebaut werden. Ein Grund, warum es nur noch wenige Webagenturen gibt. Denen kam social media als Thema gegen die Internetblase gerade recht. Man hatte wieder neue kostenlose Software, die man für kleines Geld anpassen konnte und hatte gegenüber dem Kunden le dernier cri.

Im Jahr 2000 entdeckt Gartner „Infoglut“ – Schirrmacher brauchte dazu 10 Jahre

Im Intranet verkaufte man Portale auf der Basis von Open Source, die extrem aufwändig zu installieren waren. Noch schlimmer war es mit der kommerziellen Variante der Intranetlösungen, da flogen nur so die Begriffe wie Internet Service Bus, Supply Chain Management oder Enterprise Content Management um die Ohren der CeBIT-Besucher in den Jahren von 1998 bis 2002.

Doch dann kam in den USA das Armageddon auf die Firmen und die Webnutzer zu. Gartner erklärte der Welt ungefähr im Jahr 2000 den Begriff Infoglut. Debra Logan lief von Pontius zu Pilatus und erklärte, dass das Internet voller nutzloser Inhalte sei und das den Intranets der Firmen dasselbe drohe, wenn sie nicht ein dolles Knowledge Management betrieben, also einen klugen Umgang mit all dem Wissen, was in all den Zellen, Tabellen und Dokumenten steckte. Diese Diskussion erreicht mit fast einer Dekade Verspätung sogar transkonservative Feuilletons ehemaliger deutscher Qualitätsmedien.

Wer genug Informationen hat, der hat auch Wissen?

Gleichzeitig erklärten gestandene Betriebswirtschaftler und Systemtheoretiker 2000 Jahre Erkenntnistheorie für obsolet und beschrieben plötzlich – mit himmlischer Eingebung erlangt – wie das nebelhafte Wort Wissen im Menschen entstehe und wie es in Kreisläufen durch die Menschen laufe und wie man es organisiere. Da standen sie nun die beiden Weltsichten: Die Einen wollten endlich das Informationszeitalter beherrschen, indem sie die Datenspeicher klüger machten und die Anderen stürzten sich auf die Menschen als Wissensspeicher.

Social Media sollte der Zwitter der beiden Parteien genannt werden. Er fokussierte auf Software (open source) und auf Menschen (open culture). Und Millionen von Menschen verließen die animierten Grafiken und das Gewusel im Zeichen des großen Flash und nutzten fortan das Web genauso wie ihr Handy: Zur Selbstvergewisserung. Allerdings war es nicht so flüchtig wie ein Anruf oder eine SMS und es war vor allem nicht an einen gerichtet sondern an viele. Ich publiziere, also bin ich. publico ergo est.

Wenn alle alles schreiben, was bedeutet dann noch „schwarz auf weiß“

Heute haben wir das smsen per twitter, Facebook-Status oder Xing an die ganze Welt zur vielköpfigen Hydra entwickelt und es gedeiht und verwelkt in alle Richtungen, je nach Wunsch und Fokus. Nur: Was kommt nun? In Afrika und der Dritten Welt beginnt das Web eine parallele Gesellschaftsstruktur zu etablieren, die eine Emanzipationsbewegung neben und unter der öffentlichen Kultur gestaltet. Sogar Russland erlebt die enormen Einflüsse auf die Politik durch eine ehemals neutrale Bloggerbewegung, die zunehmend durch offizielle Stellen unterwandert wird. Der Stellenwert dieser demokratisierten Form der Meinungsmache ist nur schwer von der Hand zu weisen.

Konvergenzdiskussionen tauchen auf und wieder ab. Neuerdings scheinen sich der Fernseher und das Internet zunehemend besser zu vertragen. Sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Unterhaltungsindustrie endlich ihren 11. Frühling erlebt. Und der lange währende Winter, der durch kostenlose Filme und Musik im Netz auch noch ein paar Monate Verlängerung per Eiseskälte durch die Konsolen bedeutete, könnte langsam zarte Frühlingsknospen erleben. Wenn dann auch noch Filmwirtschaft und Spieleindustrie noch besser ineinandergreifen, dann wird offenbar, was schon viele geahnt hatten. Drehbuchautoren schreiben Computerspiele, Filmbosse beteiligen sich an Online-Spiele-Plattformen und zu allem Überfluß könnte endlich die gesamte Diskussion um Grafikkarten und Prozessorleistung im Hintergrund der Cloud verschwinden, wenn wir nur noch ein Handy und einen riesigen Flatscreen im Hause haben. Das Netz liefert dann nur noch fertige Filme, Spiele, Bilder und Töne. Die Daten sind einfach weg. In den Tiefen der Cloud. Da sind dann auch alle unsere Ideen, oder? Pessimisten und Optimisten aller Länder vereinigen sich und glauben, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Wir erinnern uns: the age of aquarius….Und nun? Das Zeitalter des Zeichens?

Ganz so schwarz kann man nicht malen. Denn eines hat social media und die kostengünstigen Produktionsmittel wie Softwaretonstudios, Digitalkameras und Schnittcomputer gebracht: Kreative Köpfe können fast professionell produzieren mit relativ geringen Investitionen. Die Frage ist nur, wie backt man sich kreative Köpfe. Ob Schirrmacher recht hat und wir von Algorithmen beherrscht werden? Nein. Es sind die guten und die verführerischen Ideen, die uns beherrschen. Es ist der Glaube daran, dass die nächste Frau schöner, der nächste Job besser und der nächste Urlaub erholsamer wird. Man nennt dies Flucht aus der Gegenwart. Es ist das Gegenteil von innerem Frieden. Es ist das Gegenteil von Glück. Es ist das Gegenteil von Entwicklung. Aber es ist unsere Zukunft.

Bildnachweis: Lisa Solonynko

Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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