Was war dein Traum von einer besseren Welt, Benjamin Heidersberger?

Die Netzpiloten feiern 15 Jahre Expeditionen in den Cyberspace und fragen prominente Wegbegleiter nach ihrem denkwürdigsten Erlebnis der digitalen Revolution. – Heute den Gründer und Geschäftsführer der Ponton-Lab GmbH, Benjamin Heidersberger.

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We had a dream. Vor einiger Zeit besuchte mich ein alter Bekannter aus Hamburg, Jens C. Moeller, und wir saßen am Küchentisch und redeten über damals und ‚die zerstörten Träume der digitalen Generation‘.

Wie wir geglaubt haben, dass die Welt eine bessere wird, wenn Empfänger zu Sendern, sprich die Medien interaktiv werden (‚Broadcast yourself‘). Dass man Künstlern mit Internet helfen kann. Dass wir zur Völkerverständigung beitragen, wenn wir die nordkoreanische Presseagentur auf Kurzwelle empfangen und ins Internet stellen. Dass ein 3-D Desktop komplexe Zusammenhänge visualisieren kann. Dass die Regierung es toll findet, wenn alte Pressemitteilungen im Netz abrufbar sind. Dass Macs bessere Computer sind. Als die NSFNET ‚Acceptable Use Policy‘ auf Unkommerzialität und Werbefreiheit des Internets pochte. Als jeder Computer mit eigener IP-Adresse ungeschützt im Netz stand. Als wir uns den Mund fusselig redeten und wie uns keiner glaubte, obwohl wir die Zukunft gesehen hatten. Als die Anwälte noch sagten mussten, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei.

Als Geldverdienen nicht das entscheidende Motiv war: Manche von uns sind reich geworden. Viele nicht, und einige sind pleite.  Man hat nicht oft die Chance, eine Technologie eine Generation lang zu begleiten. Und zu entlassen ins Leben.  Ich sage das alles nicht wehmütig. Ich glaube einfach, dass sich das Medium selbst aufhebt, 25 Jahre nach meiner ersten Internetverbindung. Zeit, was Neues zu tun.

Zur Person: Benjamin Heidersberger, geboren 1957. Studium der Physik, Biologie und Informatik (abgebrochen). In Wolfsburg aufgewachsen. 1978 Mitgründung der Künstlergruppe Head Resonance Company, in Hamburg 1989 des Ponton-Lab und seitdem dessen Geschäftsführer. Interaktive Medienprojekte (Van Gogh TV, Ars Electronica 1982-94, documenta 8 und IX) in Europa, USA und Japan. Preise: 1993 Honorary Award Prix Ars Electronica Linz, 1993 Siemens Medienkunstpreis, u.a. Dozent an der Merz Akademie 1993-94 für Gestaltung elektronischer Medien. Kurator für Netzkunst der 4. Werkleitz Biennale. 2000 Gründung des Kulturservers, 2002 des Institut Heidersberger. Veröffentlichungen und Vorträge über Computer, interaktive Medien und Gesellschaft.