Warum ist Google+ ein Schiff ohne Kurs und kein Moonshot?

Der ehemalige Google-Designer Chris Messina hat Kritik am Kurs von Google+ geäußert. Unklar sind vor allem Zweck, Stellenwert und Zukunft des sozialen Netzwerks. Google+ ist vor etwas über drei Jahren als Konkurrenz zu den damals schon mächtigen Facebook und Twitter ins Rennen geschickt worden. Ungefähr genauso lange steht das soziale Netzwerk in der Kritik. Immer wieder wird das Bild einer Geisterstadt bemüht und nun meldet sich mit Chris Messina auch noch ein ehemaliger Google-Mitarbeiter kritisch zu Wort, der lange Zeit selber als Designer an dem Projekt mitgearbeitet hat. Nachdem Google anfangs sehr viel Zeit und Ressourcen in Google+ investiert hat, scheint es nun ohne Kurs auf den virtuellen Weltmeeren herumzuirren.

„I fucked up. So has Google.“

Mit diesen deutlichen Worten beginnt Messina seinen Beitrag auf Medium. Sein Fehler war anzunehmen, dass Google die Qualitätskontrolle für Google+ aufgegeben hat, was ein deutliches Zeichen für das nahende Ende des sozialen Netzwerkes wäre. Letztendlich wurde der Fehler, der ihn zu diesem Schluss veranlasst hat, allerdings von einer Chrome-Erweiterung verursacht. Messina entschuldigte sich bei Google für diese falsche Behauptung, doch einige Fragen über Google+ blieben.

In den 450 Tagen hat Messina diverse große Lebensereignisse durchlaufen, inklusive einer Scheidung und mehrerer neuer Job. Und da ist die Frage, was die knapp 3.000 Angestellten, die sich um Google+ kümmern, in der Zeit getan haben, durchaus berechtigt. Denn viel scheint dies auf den ersten Blick nicht gewesen zu sein. Das letzte Update brachte ein Umfrage-Tool mit sich, an dem Messina schon zu seiner aktiven Zeit bei Google mitgearbeitet hat. Um gleich vorweg zu nehmen, was David Besbris, Nachfolger von Vic Gundotra unter anderem als Leiter von Google+, zu dem Thema zu sagen hat: Nichts! Lediglich ein paar leerer Phrasen, wie zufrieden man mit dem Fortschritt von Google+ sei. Doch welchen Fortschritt meint er eigentlich?

Digitale Identität

Die Hauptmotivation hinter den Fragen Messinas ist die Zukunft der digitalen Identität. Damit diese nicht von einer einzigen Firma (nämlich Facebook) bestimmt wird, ist Konkurrenz hier sehr wichtig – für Nutzer, Startups und die ganze Industrie. Und Google ist nach Ansicht Messinas das einzige Unternehmen (neben Apple vielleicht), das es mit Facebook in dem Bereich aufnehmen kann. Das kurze Aufflackern neuer Netzwerke wie Ello machen deutlich, dass zwar der Wunsch bei den Nutzern nach Alternativen da ist, es aber viele Ressourcen braucht, um diese auch langfristig zu etablieren. Doch scheint Google trotz aller vorhandenen Ressourcen mit Google+ vom Kurs abgekommen zu sein. Es geht dabei nicht nur um den Erfolg eines sozialen Netzwerks, sondern darum, wie Individuen online gehen, sich verbinden und durch die steigende Zahl von Apps und Geräten kommunizieren.

In den Anfängen des Social Web herrschte die Erwartung, dass jeder Mensch seine eigene Identität in Form einer Website besitzt, statt von ein paar wenigen großen Plattformen abhängig zu sein. Heute haben wir diese Utopie des Social Web allerdings verloren. Google und Facebook haben bereits feste Rollen in unseren Leben eingenommen und sie setzen alles daran, diese Position in Zukunft noch mehr zu stärken. Eine Zukunft, in der Identität die Plattform ist. Die digitale Identität ermöglicht nicht nur universelle Personalisierung (u.a. bessere Werbung), sondern auch Zahlungsmöglichkeiten (z.B. Snapcash) , Anpassung an die Umgebung (Uber spielt Spotify-Playlisten der Fahrgäste), Kommunikation und sogar Zugang, wie das Beispiel Sosh Concierge zeigt.


ThinkUp-Gründer und Geschäftsführer Anil Dash über das Internet, das wir verloren haben:


Geisterschiff statt Moonshot

Ursprünglich sollte Google+ als soziales Rückgrat von Google fungieren, doch ist inzwischen weit davon entfernt. Statt ein Ort zu sein, an den man geht, um die Daten zu verstehen, die Google über einen besitzt, oder an dem man Einstellungen an der eigenen digitalen Identität vornimmt, ist Google+ eher ein Newsfeed mit sozialem Touch, oder eine Interessen-Community mit tollem Video-Chat. Die große Frage ist tatsächlich, warum ist Google+ nicht einer der berühmten Moonshots gewesen? Larry Page hat mit diesen das Ziel ausgerufen, vorhandene Produkte um ein Zehnfaches zu verbessern. Doch Google+ kann diesen Standard nicht erfüllen. Es ist letztendlich eine Plattform, die sich viele Features von Facebook, Twitter, Diaspora und anderen Diensten abgeguckt und dann nachgemacht hat, der von Google inzwischen gewohnte Blick über das Vorhandene hinaus, ist es aber leider nicht.

Das viel beschworene Geisterstadt-Szenario stimmt definitiv nicht, denn Google+ hat sehr viele aktive Nutzer. Viel wichtiger ist allerdings, dass dieses vollbesetzte Schiff derzeit ohne Kurs umherirrt. Warum Google diese Gelegenheit, eine Plattform für die digitale Identität der Internetnutzer zu schaffen, selbst Twitter unternimmt mit Digits Schritte in diese Richtung, mit Google+ nicht nutzt, ist ebenso unklar, wie der eigentliche Zweck eines sozialen Netzwerks, das dem Rest nur hinterher läuft. Es wird Zeit, dass Google endlich neue Koordinaten für Google+ festlegt, bevor das Projekt mit einem Eisberg kollidiert und untergeht. Unklar ist nur, ob Google selber überhaupt eine Idee hat, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Irgendwie muss sich das Schiff doch zum Mond schießen lassen, damit es den eigenen Ansprüchen genügt.


Image (adapted) „Dear Steve: Google+ iPhone“ by Charlie Wollborg (CC BY-SA 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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