Measure Image (Bild- Ian Muttoo [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Warum es ein „WhatsApp des Journalismus“ nicht geben kann

Journalistische Startups haben ein Problem: Journalismus ist schwer skalierbar. // von Katharina Brunner

Measure Image (Bild- Ian Muttoo [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Bei dem Wort Skalierbarkeit bekommen Startup-Gründer und Investoren gleichermaßen große Augen. Es ist der Grund dafür, warum Whats App mit nur 60 Mitarbeitern einen Kommunikationskanal für 500 Millionen Nutzern entwickeln konnte. Nur wenige Personen reichen aus, um ein Produkt zu entwickeln und es auch bei großem Wachstum zu erhalten. Das stellt journalistische Startups und Verlage gleichermaßen vor ein Problem: Journalismus ist nur eingeschränkt skalierbar.


Warum ist das wichtig? Journalistische Startups sind nur eingeschränkt mit klassischen Startups vergleichbar.

  • Journalismus braucht viel Humankapital, dadurch ist das Potenzial der Skalierung geringer
  • Damit die Startups auch in Anbetracht enger Budgets wachsen können, muss die Technologie optimal genutzt werden
  • Roboterjournalismus ist der Inbegriff der Skalierungsmaxime

Skalierbarkeit bedeutet, eine Einheit Input erzeugt einen überproportionalen Output. Für Steve Blank, einer der Begründer der populären Lean-Startup-Methode ist das ein wesentliches Charakteristikum eines Startups. Er definiert sie als „eine temporäre Organisation, die nach einem wiederholbaren und skalierbaren Geschäftsmodell sucht“.

Journalismus passt nicht in dieses Schema, denn Inhalte zu erstellen ist arbeitsintensiv: interviewen, recherchieren, schreiben, schneiden, redigieren und die vielen weiteren Aufgaben sind kaum automatisierbar. Den Output bei gleichbleibender Qualität zu erhöhen ist nur möglich, wenn der Einsatz an Humankapital erhöht wird. Skalierbar ist im Online-Journalismus nur die Technologie. In Anbetracht enger Budgets ist es bei journalistischen Neugründungen deshalb umso wichtiger, das vorhandene technologische Potenzial optimal zu nutzen.

Content-Management-System als Geheimwaffe

Eine Webseite eines Online-Magazins sollte zwei Aufgaben optimal erfüllen: Die Organisation der Beiträge im Backend und die möglichst flexible Ausgabe im Frontend. Einem Content-Management-System kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu, findet der ehemalige Reuters-Blogger Felix Salmon: „Es ist fast unmöglich, die Wichtigkeit des Content-Management-System zu überschätzen, wenn es darum geht, wer die Online-Publishing-Kriege gewinnt.“

Die Nase vorn zu haben scheint bei dieser Auseinandersetzung im Moment Vox Media, das Unternehmen hinter Magazinen wie The Verge oder Vox.com von Ezra Klein. Die Geheimwaffe von Vox Media ist ihr Content-Management-System names Chorus. Das CMS kann nicht nur die Inhalte verwalten, sondern hat auch die Kommunikation mit Usern, Statistiken oder die Anzeigenorganisation integriert. Chorus ist der Grund, warum Klein zu Vox Media gegangen ist: „Sie hatten die Technologie, die wir erfinden wollten“, sagte Klein der New York Times. Klein spricht im Plural, weil nicht nur er die Washington Post verlassen hat, sondern mit ihm acht weitere Post-Mitarbeiter, u.a. Yuri Victor, der sich als Entwickler bei einem Nachrichtenmedium einen Namen gemacht hat.

Inhalte wiederverwertbar machen

Strukturierte Daten sind ein zweiter Weg, um die Inhalte wiederverwertbar zu machen – und damit skalierbar, weil sie mit einmaligen Aufwand öfter verwendet werden können. Ein Beispiel: Anstatt über einen Unfall nur in einer herkömmlichen Meldung zu berichten, kann man den Ort, das Datum und die Zahl der Verletzten separat als Metadaten des Artikels speichern. Diese Informationen können dann leicht auf einer Karte oder in einer Statistik dargestellt werden.

Weiter geht Lauren Rabaino, Produktmanagerin bei – Überraschung – Vox Media. „Kill the article“, schreibt sie über ein Konzept, das sie mit zwei ihrer Ex-Kollegen von der Seattle Times bei einem Hackathon entwickelte: Ein einzelner Artikel soll so in den Kontext vorher erschienener Inhalte gesetzt werden. Im Hinblick auf die Monetarisierung heißt das: Ein Text kann mehr als nur einmal Einnahmen geniereren. Der Spruch „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ aus der Print-Ära verliert damit an Bedeutung.

Roboterjournalismus als Inbegriff der Skalierungsmaxime

Im Sinne der Skalierungsmaxime ist allerdings nur eine Art des Journalismus: Sogenannter Roboterjournalismus​, bei dem Algorithmen oder Sensoren die Arbeit von Journalisten ganz oder zum Teil übernehmen. Humankapital ist im Herstellungsprozess nicht notwendig, damit geht eine hohe Skalierbarkeit einher. Im April kündigte zum Beispiel die Agentur Aexea aus Stuttgart an, Sportnachrichten in acht Sprachen automatisch generieren lassen zu wollen. Doch Sportergebnisse sind sicherlich nicht das Ende der Fahnenstange. „Das wäre so, als wenn das Roboter-Auto nur auf einer schnurgeraden Straße ohne andere Verkehrsteilnehmer fahren würde“, schreibt der Datenjournalist Lorenz Matzat bei Netzpolitik.org.

Wachstum ist für jedes Startup ein wichtiger Schritt hin zu einem funktionierendem Geschäftsmodell. Im Journalismus ist das allerdings nicht durch direkte Skalierbarkeit zu erreichen: zu arbeitsintensiv ist (qualitativ hochwertiger) Inhalt. Trotzdem – oder gerade deshalb – bedeutet Innovation im digitalen Journalismus, die technologischen Gegebenheiten möglichst gut auszunutzen. Dafür braucht es in den Redaktionen nicht nur Journalisten, sondern auch Coder. Dennoch bleibt die Technologie stets nur Hilfsmittel, nicht das Produkt selbst – im Gegensatz zu Startups, die auf rein technologische Lösungen ausgerichtet sind.


Teaser & Image by Ian Muttoo (CC BY-SA 2.0)


Schlagwörter: , , , , ,
Katharina Brunner

Katharina Brunner

studiert Volkswirtschaftslehre in Regensburg und will Journalistin werden. Sie beschäftigt sich digitalem Journalismus, insbesondere der technischen Umsetzung. Ihr Blog heißt Schafott. Auf Twitter ist sie mit @cutterkom unter einem weniger martialischen Namen unterwegs. | Kontakt

More Posts - Website - Twitter - Google Plus