Wann kommt das kostenlose Smartphone von Amazon?

Medienberichte zufolge plant Amazon neben seinen preiswerten Tablets auch kostenlose Smartphones für die eigenen Prime-Kunden, denn die (auf Amazon beschränkte) Nutzung steht im Vordergrund.

Amazon Kindle 2 (Bild: Richard Masoner [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Amazon-Chef Jeff Bezoz ist bekannt als ein experimentierfreudiger Unternehmer. So gründete er vor einigen Jahren ein eigenes Raumfahrtunternehmen Blue Origin, erwarb kürzlich die Rechte an der Tageszeitung Washington Post und plant derzeit angeblich die Veröffentlichung mehrerer kostenloser Smartphone-Modelle, die von Amazon vertrieben werden sollen. Beobachter rätseln, ob die Nutzer ihre Hardware mit einer Verknüpfung mit allen Amazon-Diensten, ihren Daten oder beidem bezahlen müssen. Das moderne Display der Geräte soll sogar dazu in der Lage sein, Bilder und Grafiken dreidimensional darzustellen.

Derzeit kursieren Gerüchte, wonach Amazon sowohl auf einen zweijährigen Vertrag als auf einen Kaufpreis komplett verzichten will. Wenn sich die Informationen des Wall Street Journal und vom Handelsblatt bewahrheiten, dürften die neuen Modelle den Markt kräftig aufwirbeln. Derzeit geben Smartphone-Nutzer im Durchschnitt rund 150 Euro für ihr neues Gerät aus. Sie verpflichten sich zudem für 24 Monate zum Abschluss eines kostenpflichtigen Vertrages. Wer das nicht will, muss die Hardware für einen deutlich höheren Preis erwerben. Für moderne Smartphones der oberen Preiskategorie kommen schnell 500 Euro zusammen. Doch auch der Betreiber der weltweit führenden Online-Shops möchte Geld verdienen. Wer eines der neuen Mobilfunkgeräte von Amazon nutzen will, auf den kommen im Gegenzug einige Einschränkungen als auch Kosten zu. Nach Insiderinformationen sind die verschiedenen Modelle nur bei Abschluss eines Prime-Kontos von Amazon nutzbar. Amazon-Prime soll in diesem Fall mit 79 Euro zu Buche schlagen.

Gekettet an digitale Fesseln?

Kostenlos heißt aber nicht frei. So müssen die Kunden damit rechnen, dass sie für den Kauf von allen digitalen Inhalten oder Cloud-Dienstleistungen ausschließlich Amazon-Dienste in Anspruch nehmen dürfen. So ist es auf allen bisher erschienen E-Book-Readern des Anbieters unmöglich, Musik, E-Books oder andere Medien von Drittanbietern aufzuspielen. Auch beim Thema Apps wird Amazon bestimmen, welche Programme genutzt oder erworben werden dürfen. Auch wenn das Kindle Fire auf dem Betriebssystem Android basiert, bleibt den Fire-Nutzern der Online-Store Google Play versperrt. Auf einem Kindle Fire ist es nicht einmal möglich, den Store online zu besuchen. Die Internet-Adresse wird vehement blockiert.

Daneben kommen beim Fire und wahrscheinlich auch bei den geplanten Smartphone-Modellen ausschließlich selbst entwickelte Amazon-Browser zum Einsatz. Die mobilen Browser der Konkurrenz würden in dem Fall komplett außen vor bleiben. Auch die Aussichten auf den Anschluss eines USB-Sticks sind eher trübe, weil man sich damit das eigene Geschäftsmodell kaputtmachen würde. Wer seine raubkopierten Dateien von externen Datenträgern überspielen kann, wird natürlich keine Medien mehr kaufen.

Warum Hardware verschenken?

Der Journalist Dan Rowinski von ReadWrite geht sogar soweit zu behaupten: Wer sich auf die neue Hardware einlässt, der verkauft Amazon seine Seele. Der Marktführer beim Thema eCommerce könnte alle auf dem Gerät gesammelten Daten der Anwender auf die eigenen Server übertragen, um sie auszuwerten oder an Firmen der Werbebranche zu veräußern. Auch Apple stellt beim Update auf iOS 7 alle Weichen auf eine deutlich erweiterte Datensammlung und Übertragung privater Daten. Wer sein iPhone oder iPad künftig in vollem Umfang nutzen will, muss der Übertragung diverser privater Informationen zustimmen, ansonsten bleiben auf iOS 7 auf den Apple-Geräten unzählige Dienste stumm.

Rowinski glaubt auch daran, dass Amazon selbst zum Mobilfunkanbieter mutieren will. In dem Fall könnte man den Konsumenten auch den Versand von Kurznachrichten, das mobile Browsen abseits des eigenen WLAN-Routers und sämtliche Telefonate in Rechnung stellen. In den USA könnte man so an der Vorherrschaft von AT&T, T-Mobile, Verizon, Sprint & Co. rütteln. Auch in Europa dürfte das Vorhaben die bisherigen Marktanteile von E-plus, Vodafone, O2 und T-Mobile ins Wanken bringen. Ob es hüben wie drüben demnächst Amazon-eigene SIM-Karten geben wird, bleibt aber noch abzuwarten. Für das Unternehmen wäre dies ein Sprung ins kalte Wasser. Erfahrungen in diesem Sektor konnte man bislang nicht sammeln.

An dem Vorhaben sind schon andere Unternehmen gescheitert. Anfang 2013 wurde bekannt, Facebook sei eine Kooperation mit dem taiwanischen Hersteller von Mobiltelefonen und Tablet-PCs HTC eingegangen. Mark Zuckerberg hat aber bislang alle Gerüchte rund um ein eigenes Facebook-Handy dementiert. Bisher wurden von Facebook lediglich Apps für diverse Betriebssysteme vorgestellt und konstant weiterentwickelt.

Dennoch zeichnet sich überall ab, dass die Nutzung des Internets immer mehr von tragbaren Geräten ausgeht und nicht mehr von stationären. Schon jetzt ist der mobile Markt gigantisch. In 10 Jahren werden die Profit-Möglichkeiten für alle Datensammler, Geräte-Hersteller und Shop-Betreiber um ein Vielfaches größer sein.

Noch lange nicht in trockenen Tüchern!

Hinter verschlossenen Türen sollen derzeit Gespräche mit verschiedenen Herstellern laufen. Bisher konnte der Plan offenbar noch nicht in Stein gemeißelt werden. Auch sind am gestrigen Montag die ersten Dementis aufgetaucht. Demnach sei zumindest in 2013 kein eigenes und vor allem kein kostenloses Gerät geplant, Amazon selbst lehnt jede Stellungnahme ab.

Kann Jeff Bezoz in den nächsten Monaten genügend Partner auf die eigene Seite ziehen, müssen diverse Mobilfunkanbieter und Smartphone-Hersteller um ihre Marktanteile bangen. Wer Amazon sowieso ständig umfangreich in Anspruch nimmt und keine Probleme mit der möglichen Sammelleidenschaft seiner privaten Daten hat, könnte so einiges an Geld sparen. Allerdings sollte niemand erwarten ein Gerät geschenkt zu bekommen, welches den Funktionsumfang eines Samsung Galaxy S4 oder iPhone 5 aufweist. Der CEO mag als Unternehmer durchaus experimentierfreudig sein, Bezoz hat mit seinem Vorhaben klare Ziele vor Augen. Vor allem aber hat er nichts zu verschenken.


Image (adapted) „Amazon Kindle II“ by Richard Masoner/Cyclelicious (CC BY-SA 2.0)

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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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