Vollständige Barrierefreiheit – eine Utopie?


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld eines gemeinsamen Events und Hackathons von Microsoft und der Aktion Mensch für mehr Inklusion und Teilhabe im Netz.


Als das Internetzeitalter angebrochen war, hatte jeder bei sich zuhause Internet. So war es in den 90ern auch bei mir. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter mich oder meine Geschwister mal aufforderte, raus aus dem Internet zu gehen, weil sie ein wichtiges Telefonat hatte.  Seitdem macht dieses „Neuland“ enorme Fortschritte.  Sehr viele haben Internet bei sich zuhause und man hat das Gefühl, die Gesellschaft ist schon sehr weit gekommen. Aber die Eindrücke könnten ziemlich täuschen. Das Internet ist nicht so inklusiv wie angenommen. Hier möchte ich aufzeigen, an welcher Stelle es mangeln könnte. Das Internet war für mich eine große Chance, mit vielen Menschen in Kontakt zu bleiben. Dazu gibt über verschiedene Kanäle sehr viele Möglichkeiten. Manchmal sage ich, dass ich mit Freunde „ telefoniere“. Dann sind viele erst einmal verwirrt, dass ich es so ausdrücke und nicht explizit „videotelefonieren“ sage. Ich finde den Begriff etwas seltsam und benutze deshalb „telefonieren“, weil es für mich irgendwie normal ist und es auch zur einer inklusiven Gesellschaft gehört, dass man sagt, dass man gerade telefoniert. Erst im Grundschulalter wurde mir bewusst, dass das Internet für  mich nur bedingt barrierefrei zugänglich ist. Die Videos oder die Tutorials zu Lernvideos waren nicht mit Untertiteln versehen. Ich hätte damals gerne im Internet bestimmte Fragen zu Büchern beantwortet, die ich gelesen habe. Es gab damals eine Internetseite, die mir in Erinnerung geblieben ist. Man musste sich da nur registrieren. Das war für mich als Neunjährige sehr neu. Ich hatte Spaß dabei, die Multiple-Choice-Fragen zu beantworten, bevor die Tonspur dazu kam und durch  die schriftlichen Fragen ersetzt wurde. Da war ich furchtbar enttäuscht.

Untertitel könnten helfen, das Internet barrierefrei zu machen

Als Teenager habe ich wie jeder andere YouTube für mich entdeckt. Ich hatte mich schon irgendwie dran gewöhnt, dass YouTube kaum barrierefrei für alle zugänglich war, weil ich als Kind kaum Untertitel im Fernsehen hatte (immerhin: heutzutage werden Sendungen mehr und mehr mit Untertiteln ausgestattet). Als YouTube ankündigte, es gäbe automatische Untertitel bei allen Videos, habe ich mir gedacht, dass ich mir endlich die Tutorials anschauen könnte, die für die Schule wichtig wären. Aber die automatischen Untertitel stellten sich als Enttäuschung heraus. Die Untertitel waren fehlerhaft und nicht wie im Fernsehen. Meine Lehrer dachten sich, dass es toll ist, dass ich mit eingebunden werden könnte im Unterricht, wenn sie uns im Kurs wissenschaftliche Tutorials zeigen wollen. Dann kommt es zu solchen Situationen, dass wir in Gelächter ausbrechen, weil die Untertitel gar nicht zum eigentlichen Thema passen und man sich als Gehörlose verarscht vorkommt. Denn man hofft, es zu verstehen und dann steht in den Untertiteln der Videos gar nicht das, was wirklich gesagt wird. Die Lehrer mussten den Unterricht für einen kurzen Moment unterbrechen und die Gebärdensprachdolmetscher einspringen. Fazit: Man kann es mal zuhause testen, wenn man Langweile hat, aber man sollte den Inhalt des Videos vorher kennen. Dann kann man schon feststellen, dass die automatischen Untertitel nicht wirklich alles wiedergeben können, was der Protagonist im Video  sagen möchte. Die Idee des automatischen Untertitels  ist an sich gut, nur ist es irgendwie schwierig umzusetzen.

Engagement von Freiwilligen

Wie können wir mithilfe des Internets inklusiv werden? Das ist die Frage, an der man sich orientieren müsste. Ich frage mich, wie man die technischen Herausforderungen meistern kann, dass das Gesagte automatisch richtig erkannt und dann richtig untertitelt wird. Es wäre super, wenn in Zukunft die Untertitel genau das wiedergeben, was gesprochen wird. Bis zum Jahr 2020 müsste das machbar sein. Es gab auch Nutzer, die zum Nachdenken durch die schlechten, automatisch erstellte Untertitel angeregt wurden, solche Untertitel selbst zu erstellen. Eine Freundin von mir, die in den USA lebt, hat gerade angefangen, ihre Videos selbst mit Untertiteln zu versehen. Das macht sehr viel Arbeit für sie, aber sie macht es mit Liebe. Die experimentelle Spracherkennung bei YouTube ist noch nicht so ausgereift, aber die Nutzer können die Untertiteldatei an sich schon herunterladen und es dann auf der Grundlage des Videos untertiteln. Das klingt doch schon mal nach einer guten Grundlage, oder? Nur steckt darin so viel Arbeit und vielen fehlt dafür das Bewusstsein. Wenn ich dieses Problem anspreche, kommen dann Sprüche wie: „Ich dachte, das Internet sei  für alle zugänglich“ oder „Oh, ich wusste nicht, dass es auch Gehörlose gibt, die sich das angucken wollen“.

Eure Hilfe für Barrierefreiheit im Netz ist gefragt!

Es sind auch nicht nur die Untertitel bei  YouTube, es gibt auch andere Sachen, die mich und auch die anderen stören – unter ihnen auch Menschen, die hören können. Wenn man kein Radio hört, ist man ähnlich ausgeschlossen wie Menschen, die keinen Facebook-Account angelegt haben. Man ist automatisch von der Welt abgeschnitten. Man kriegt seine Informationen dann nur über das Internet oder von Freunden. Das können zum Beispiel Onlinezeitungen sein oder man ist bei Twitter angemeldet. Dort sind die Infos meistens aktuell und man bekommt dann alles mit, was gerade um einen herum oder auch ganz woanders in der Welt passiert. Lasst uns das Internet zu einem inklusiven Ort machen, das für alle Menschen mit Behinderungen zugänglich ist. Dadurch werden viele Menschen die Vorteile eines barrierefreien Internet besser nutzen können. Auch für die Hörenden wären die Untertitel oder die barrierefreien Inhalten von Vorteil. Meine Freunde mögen die Untertitel auch, obwohl sie hören können. Sie sagen, sie könnten die Dialekte nicht verstehen und fänden es hilfreich, wenn die Inhalte dann untertitelt wären. Das Internet bietet die Chance, inklusiv zu werden. Die Ressourcen gibt es schon, es müsste nur jemand die Chance dazu ergreifen. Es liegt in unserer Hand.


Image “Skulptur” by nonatickler (CC0 Public Domain)


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Clara Belz

Clara Belz

wurde im Jahr 1995 geboren und ertaubte im Säuglingsalter an einer lebensgefährlichen Virusinfektion CMV. Sie macht derzeit Abitur an einer inklusive Schule in Berlin. In ihrer Freizeit liest sie gerne und ist politisch aktiv. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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