„Ich sehe die Blockchain als eine ökonomische Innovation“


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der internationalen Tech-Konferenz Viva Technology, zu der vom 15. bis 17. Juni 2017 rund 50.000 Teilnehmer und über 5.000 Startups nach Paris kommen. Die Netzpiloten werden als Medienpartner der Viva Technology mit vor Ort sein. Und hier gibt es Tickets für das Event zu gewinnen.


Die VivaTech existiert nach eigenen Angaben, um Innovation zu zelebrieren. Die Blockchain ist die wohl wichtigste Innovation der letzten Jahre. Und auch wenn es so scheint, dass es sich bei dem Verfahren, das die technische Basis für sogenannte Kryptowährungen darstellt, um eine technische Innovation handelt, sieht Claire Balva dies etwas differenzierter. Sie ist die Gründerin des Pariser Startups Blockchain France und für sie ist die Blockchain vor allem eine ökonomische Innovation, wie sie auf der diesjährigen VivaTech im Juni erklären wird und dies bereits bei uns im Interview verständlich macht.

Tobias Schwarz: Sagen wir, ich frage für die Tochter eines Freundes: Könnten Sie mir bitte eine Erklärung für Fünfjährige geben, was die Blockchain ist?

Claire Balva: Eine Blockchain ist wie ein Buch. Jeder hat eine Kopie dieses Buchs. In diesem Buch können die Leute ihre Transaktionen festhalten. Sagen wir, ich gebe Ihnen zwei Äpfel. Ich schreibe in das Buch, dass ich, Claire, Ihnen, Tobias, zwei Äpfel geschickt habe und ich unterschreibe diese Aussage. Jeder kann Transaktionen senden, aber dies muss von anderen Mitgliedern des Netzwerks validiert werden: Sie kontrollieren dann, ob ich wirklich zwei Äpfel besitze. Sie schauen sich die vorhergehenden Seiten des Buchs an und sehen, dass ich gestern tatsächlich drei Äpfel von meinem Freund Steve bekommen habe. Sie bestätigen die Transaktion und schreiben sie mit einem dokumentenechten Stift auf eine neue Seite, zusammen mit anderen validierten Transaktionen.

Eine Blockchain ist in ihrer einfachsten Form ein digitales Buch oder Konto, das sich viele Computer und Server teilen, sozusagen ein Knotenpunkt. Die Seiten, die wir in der Buch-Analogie erwähnt haben, sind in Wirklichkeit Blöcke, die dieses digitale Konto darstellen. Sie sind durch eine kryptographische „Kette“, die sie voneinander abhängig macht, verbunden. Wenn der Inhalt eines Blocks geändert wird, wird die Kette gelockert. Das bemerkt der Rest des Netzwerks dann auch. Wenn ein Block von Transaktionen einmal validiert ist, wird er „unveränderlich“, grundsätzlich kann ihn dann also niemand mehr bearbeiten.

Bitcoin ist die erste Blockchain. Es erlaubt den Menschen, Bitcoins, digitale Wertmarken, die monetären Wert haben, ohne Mittelsmänner zu tauschen. Die Teilnehmer des Netzwerks, die Miner genannt werden, geben ihre Rechenleistung an den Service, der die Transaktionen validiert: Es wird überprüft, dass der Absender ausreichend Mittel für den Vorgang besitzt, indem die Historie der Transaktionen durchgegangen wird, und dass er das Recht auf den Zugriff zu den Mitteln hat, indem die Unterschrift verifiziert wird.

Claire Balva (adapted)
Image by Claire Balva

Was kann man mit der Blockchain machen? Wann benutzen wir die Blockchain tatsächlich?

Wie wir bereits zuvor mit Bitcoin gesehen haben, können wir mit jedem, der will, immer und überall Beträge austauschen. Dies geschieht zu sehr geringen Transaktionskosten und unabhängig von der getauschten Menge. Blockchains können außerdem mit jeder Wertmarke Daten in einem bestimmten Slot aufbewahren. Sehr kleine Transaktionen auszuführen und eine kleine Menge an Informationen einzufügen, sichert die Information. Zu viele Daten können nicht eingefügt werden, da es komplizierter wäre, die Blockchain auf mehreren Computern zu hosten. Aber man kann einen kryptographischen Beweis, eine Reihe von Buchstaben und Zahlen, die den Status eines beliebigen Dokuments repräsentieren, einfügen.

Dies kann zum Beispiel dazu verwendet werden, Zeugnisfälschungen zu verhindern. Manche Schulen haben bereits begonnen, die Zeugnisse ihrer Schüler mit der Bitcoin-Blockchain zu zertifizieren. So können Firmen überprüfen, ob ein Zeugnis von seinem ursprünglichen Zustand (zum Beispiel mit Photoshop) abgewandelt wurde. Die Vollständigkeit von Daten, Verfolgbarkeit und Zertifizierung sind die Schlüsselanwendungen für Blockchains wie Bitcoin.

Andere Blockchains ermöglichen es, dezentralisierte Anwendungen, die „smarte Verträge“, die sich selbst ausführende „Wenn-Dann“ Programme sind, zu programmieren. Zum Beispiel könnte eine Versicherungsgesellschaft einen smarten Vertrag entwickeln, der automatisch Landwirte basierend auf den Daten verschiedener Webseiten für Wetterprognosen entschädigt, wenn es mehr als 30 Tage nicht geregnet hat.

Ich sage immer „die“ Blockchain, aber tatsächlich gibt es nicht nur eine Blockchain. Blockchains stehen für Banken und öffentliche Ämter in der Diskussion. Werden wir mehrere Ketten nebeneinander sehen oder wird es nur einige wenige wirkliche Anwendungsfälle in der Zukunft geben?

Es gibt viele Blockchains, die verschiedene Mechanismen und verschiedene Führungssysteme verwenden. Manche davon sind je nach Anwendungsfall besser geeignet als andere. Manche in öffentlich, wie die Bitcoin-Blockchain, das heißt, dass jeder Zugriff auf die gesamte Transaktionshistorie hat und seine eigenen Transaktionen ausführen kann. Andere sind private oder zugriffsbeschränkte Blockchains, bei denen Arbeitsgemeinschaften entscheiden, wer Zugriff hat und wer die Transaktionen validieren kann.

Die Anwendungsfälle von öffentlichen Blockchains unterscheiden sich sehr von denen privater. Auch wenn Blockchain-Experimente im Finanzsektor begannen, sehen wir jetzt Experimente in der Lebensmittelindustrie, dem Energiesektor, dem Verkehrswesen und, wenn man es mal weltweit betrachtet, bei jeder Art von Versorgungsketten. Man kann sicher sagen, dass alle bedeutenden Wirtschaftssektoren von dieser neuen Technologie beeinflusst werden.

Meiner Meinung nach wird es in der nahen Zukunft einige wenige große, öffentliche Blockchains und viele private Blockchains, die untereinander kooperieren können, geben. Es ist schwierig, die fernere Zukunft vorauszusehen, aber es ist möglich, dass nur eine öffentliche Blockchain, mit Privatsphäre-Einstellungen für empfindliche Informationen, geben wird. Als naheliegender Vergleich hatten viele Firmen zu Beginn des Internets Intranets entwickelt. Mittlerweile arbeiten viele, wenn nicht alle, Firmen auf sicheren Internet-Plattformen.

Würden Sie die Blockchain eher als ökonomische, soziale oder technologische Innovation beschreiben?

Das Interessante an der Blockchain ist, dass sie mehrere Forschungsbereiche neu zusammenstellt: Kryptographie, Wirtschaft, Programmierung, Mathematik… Auch wenn Blockchains noch in der Entwicklung sind, stellen sie keine Innovation im technologischen Sinne dar. Sie verwenden Techniken, die in einzelnen Bereich bereits genutzt wurden. Die Größe der Blockchain entsteht durch die Aggregation dieser Techniken. Öffentliche Blockchains sind auf die Teilnahme von Individuen angewiesen und viele kritische Annahmen beruhen auf dem Verhalten dieser Individuen.

Ich sehe die Blockchain als eine ökonomische Innovation, weil sie das Potenzial hat, die Grundfeste unseres aktuellen Systems zu verändern. Dennoch wird es keine Auflösung, sondern viel mehr eine neue Definition der Rolle der Mittelsmänner geben – und das in jedem großen Sektor der Wirtschaft.

Wir haben immer versucht, Systeme gegenseitiger Kontrolle zu bilden, um Gruppen für Verstöße verantwortlich zu machen. Riskieren wir es dabei nicht, womöglich die Kontrolle zu verlieren, wenn jede einzelne Person wegen der Blockchain in einer leitenden Position ist?

Das Validierungssystem funktioniert dank der Rechenleistung der Teilnehmer. Dennoch „leitet“ niemand die Blockchain. Die Blockchain ist so konzipiert, dass sie dezentralisiert ist, das heißt, kein Individuum und keine Gruppe hat die Möglichkeit, das Protokoll zu ändern. Es sei denn, mindestens 51 Prozent der Netzwerk-Teilnehmer stimmen diesen Änderungen zu. Das wird in den meisten Blockchain-Führungssystemen so gehandthabt. Je mehr Teilnehmer in einem Netzwerk sind, desto sicherer und robuster ist es.

Auch wenn sich die Teilnehmer in großen Mining-Pools umgruppieren, heißt das nicht notwendigerweise, dass sich alle den gleichen Standpunkt in Bezug auf die Entwicklung der Technologie teilen. Außerdem haben sie kein Interesse daran, dem Netzwerk zu schaden, da sie mit den Wertmarken der Währung des Netzwerks entlohnt werden. Dem Netzwerk zu schaden, würde den Wert ihrer Marken zerstören.

Glauben Sie, dass die Blockchain-Technologie reguliert werden muss, bis es nur eine Art Protokoll ist, das im Hintergrund abläuft?

Natürlich müssen die Regulierungen und die Blockchain zusammenkommen, um sich von der Aufbauphase weg, hin zu einer ernsteren Implementierung von Anwendungsfällen mit einem echten Wert für den Endverbraucher zu entwickeln. Kontrollorgane sind in den meisten Ländern vorsichtig in Bezug auf Blockchain-Technologien. Sie lassen die Technologie ausreifen, bevor sie sie festlegen. Manche Länder, wie beispielsweise Russland, verbieten die Nutzung von Krypto-Währungen, andere wiederum befürworten Blockchain-Technologien. Zum Beispiel wurde im Bundesstaat Arizona ein Gesetz verabschiedet, das die Validität von Unterschriften, die in einer Blockchain gesichert wurden, als digitale Unterschriften und smarte Verträge als legale, durchsetzbare Verträge anerkennt. Auch in Japan wurde kürzlich Bitcoin als Zahlungsmittel anerkannt.

Die wichtigsten regulatorischen Angelegenheiten betreffen heute KYC („Know your Customer“, dt.: „Kenne deinen Kunden“), Probleme mit Geldwäsche und Finanzierung von terroristischen Aktivitäten. Nutzer einer Blockchain können sich theoretisch tatsächlich hinter ihrer öffentlichen Adresse, die einfach als eine Reihe von Zahlen und Buchstaben verschlüsselt ist, „verstecken“. Dennoch ist es nicht komplett anonym. Das sehen wir, weil innerhalb der letzten fünf Jahre bereits mehrere Kriminelle von den Vollzugsbehörden dadurch identifiziert wurden, dass die öffentliche Besitzerhistorie von Bitcoins nachverfolgt wurde und diese Daten mit den Daten von Webseiten, die illegale Produkte verkauft haben, abgeglichen wurden.

Der öffentliche Charakter der Transaktionshistorie mag eine gute Neuigkeit für die Strafverfolgung sein, doch Banken wollen natürlich nicht die Historie ihrer Finanztransaktionen, die im Netzwerk vonstattengehen, mit der ganzen Welt teilen. Es gibt ein Paradoxon für mehr Transparenz, welches mit der Privatsphäre der Benutzerdaten vereint werden muss.

In Bezug auf das Ende der Frage ist die Idee, dass die Blockchain in ein paar Jahren nicht mehr für den Benutzer ersichtlich sein wird und nur wenige Menschen werden wissen, wie sie wirklich funktioniert. Sie wird die technologische Schicht hinter den Anwendungen, die auf ihr laufen, sein. Genauso wie beim Internet heutzutage verstehen wenige Menschen das TCP/IP Protokoll, aber dennoch benutzt es jeder.

Wenn Sie einen Blick auf die aufstrebende Forschung über künstliche Intelligenz werfen, glauben Sie, dass die Blockchain die Infrastruktur für eine globale KI-Bewegung sein könnte?

Ich glaube, dass Blockchain-Anwendungen und smarte Verträge mit KI-Cloudcomputing-Schnittstellen interagieren, mit der man Bildanalyse, Übersetzungsdienstleistungen und Spracherkennung anzapfen kann, um nur ein paar Beispiele für KI-Anwendungen zu nennen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zukünftige Anwendungen komplett dezentralisiert sein werden, während sie direkte Interaktionen zwischen Benutzern und neue Arten von smarten Dienstleistungen für Kunden zur Verfügung stellen.


Image by Claire Balva

Die Netzpiloten sind Partner der Viva Technology und werden vor Ort berichten. Wir verlosen Tickets für das Event, das vom 15. Bis 17. Juni 2017 in Paris stattfindet. Um an der Verlosung teilzunehmen, macht einfach mit und nutzt eure Chance auf Tickets for free für die Viva Technology! Zeit habt ihr dafür bis Dienstag, den 06. Juni. Viel Glück!

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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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