VR-Brillen im Leichenschauhaus? Wie Virtual Reality die Medizin verändern kann

Die virtuelle Realität wurde in der medizinischen Ausbildung als Gamechanger beschrieben. Manche sagten sogar voraus, dass sie ein Ende der Verwendung von echten toten Körpern im Anatomieunterricht bewirken würde.

Das ist eine mutige Aussage, spiegelt aber wegen einer Reihe von Gründen nicht die tatsächliche Realität der Medizin und der medizinischen Ausbildung wider. Vielleicht haben wir die Rolle neuer Technologie in der Vergangenheit schlichtweg überschätzt. Heute scheint es schwer zu glauben, aber in den 1990ern glaubten wir schließlich auch noch, dass Power Point ein innovatives Programm sei.

Tatsächlich kann keine Technologie und kein Werkzeug mangelhafte Anweisungen zufriedenstellend ausführen. Das ist auch der Grund, weshalb die virtuelle Realität die Medizin nicht grundlegend verändern wird –  aber sie kann ein sehr nützliches Werkzeug sein, wenn wir uns klar werden, wie sich dieses effektiv anwenden lässt.

VR im Klassenzimmer

In Anatomie-Kursen nutzen wir die digitale Technik bereits ausgiebig. Wir verwenden verschiedenste Medien, Spiele, 3D-Drucker und medizinische Bildverarbeitung, um die Studenten möglichst effektiv einzubinden und zu unterrichten zu können. Die virtuelle Realität ist lediglich das neueste in einer Abfolge von Hilfsmitteln. Weil sie neben der Anatomie so viele Verwendungszwecke besitzt und über einen „Wow“-Faktor verfügt, der die Studenten fesselt, investieren Firmen wie Facebook und Microsoft derzeit immens.

Microsoft ist mit Universitäten und Entwicklern in den USA eine Partnerschaft eingegangen, um Anwendungen, die der virtuellen Realität ähnlich sind, zu erschaffen, um Anatomie zu lehren und um medizinische Untersuchungen mit der HoloLens von Microsoft zu simulieren.

Vor kurzem wurde ein umfassender, anatomischer 3D-Atlas mit dem Namen Organon 3D entwickelt, der in Australien für Oculus Rift erstellt wurde. Außerdem gibt es VR-Anwendungenm beispielsweise von 3D4 Medical, die stetig weiterentwickelt werden. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass sie den Anatomieunterricht komplett übernehmen werden, können sie eine spannende und nützliche Erweiterung des Lehrmaterials darstellen.

Viele Werkzeuge, aus denen gewählt werden kann

Was weitestgehend akzeptiert wird, ist, dass die Verwendung von multimedialen Werkzeugen für die Anatomiestudenten das beste Ergebnis erzielt. VR-Anwendungen können Studenten helfen, sich vorzubereiten, bevor sie ein Labor voller Toter betreten. Sie könnten sogar ergänzend eingesetzt werden. Das ist der Fall, weil sie nicht nur Teile des Körpers, sondern auch räumliche Beziehungen anzeigen.

Studenten können auf Anwendungen der virtuellen Realität jederzeit zugreifen, wo auch immer sie sind, was insbesondere für Fernstudenten, die unter Umständen nur wenig oder keinen Zugang zu Toten haben, spannend sein kann. Interessant sind sie auch für Studierende, die sich kurz vor dem Abschluss befinden und die in einem Krankenhaus auf dem Land arbeiten. Es bietet ihnen eine Möglichkeit, anatomische Strukturen erneut zu betrachten, wenn sie es am meisten benötigen – vor allem, da sie nur eingeschränkten Zugang zu den Ressourcen der Universität auf dem Campus haben.

Die virtuelle Realität kann auch dazu verwendet werden, um Studenten seltene Krankheitsbilder zeigen zu können. Jenseits all dieser Vorteile ist es sehr wahrscheinlich, dass die virtuelle Realität die Erfahrung der Studenten erhöhen wird – und dies ist bei weitem keine unwichtige Kleinigkeit.

Die virtuelle Realität ist sehr vielversprechend, aber wie bei allen neuen Techniken können nur die Zeit und solide Forschungen sagen, wo VR am ehesten in die medizinische Lehre passt. Nach dem aktuellen Stand der Dinge gibt es sehr gute Gründe, warum tote Körper weiterhin eine wichtige Rolle in der medizinischen Ausbildung behalten werden.

Wieso Tote wichtig sind

Anatomisch gesehen sind wir alle einzigartig; sogar eineiige Zwillinge sind anatomisch nicht absolut identisch. Es gibt so viele anatomische Variationen, dass ganze Enzyklopädien (gedruckt oder online) sich diesem Thema widmen. Diese Variationen erscheinen nicht in vielen Anwendungen der virtuellen Realität, also ist es das Labor voller Leichen, in dem die Studenten diese Unterschiede erforschen – und hier beginnen sie auch, zu verstehen, welche Unterschiede klinisch relevant sind.

Die Studenten lernen auch, wie Strukturen in der Realität aussehen und wie sie sich anfühlen. In einem echten Körper gibt es keine künstlichen Farben, die die Venen von den Arterien unterscheiden, aber die Studenten können den Unterschied fühlen, indem sie diese zwischen ihren Fingern rollen lassen. Chirurgen nutzen denselben Tastsinn, um Tumorränder von gesundem Gewebe zu unterscheiden und um die Strukturen zu erfühlen, die währen der Operation erhalten bleiben müssen.

Es ist auch eine außergewöhnliche und tiefgreifende Erfahrung, wenn die Studenten zum ersten Mal ein menschliches Gehirn in ihren Händen halten. Diese Erfahrungen im Labor helfen Studenten, Respekt für ihre Patienten zu entwickeln. Die Leichen vor ihnen auf der Liege sind oft ihre ersten Erfahrungen mit dem Tod. Die Toten sind sozusagen ihre ersten Patienten.

Die Leichen führen die medizinische Ausbildung über die reine Anatomie hinaus, indem sie Mitgefühl für den Spender erzeugen und Respekt für das Geschenk, das dieser der medizinischen Bildung gemacht hat, aufkommen lassen. Sie lehren Studenten Menschlichkeit. Dies ist besonders für künftige Ärzte wichtig. Der Anatomieunterricht mittels toter Körper funktioniert einfach am Besten. Nach 500 Jahren der medizinischen Ausbildung bleibt das Unterrichten mit Toten ein Maßstab, mit dem wir den Erfolg von neuen Lehrmethoden messen. Diese werden weltweit in medizinischen Fakultäten verwendet, selbst in Ländern, in denen es aufgrund kultureller oder religiöser  Gründen unangemessen erscheint, seinen Körper der Wissenschaft zu überlassen. Die virtuelle Realität könnte irgendwann zur Gewohnheit werden und, genau wie andere Techniken, die medizinische Ausbildung verbessern. Dennoch würde ich nicht unbedingt der erste Patient eines Arztes sein wollen, dessen einzige Erfahrung mit Körpern eine virtuelle war.

Die virtuelle Realität in der Medizin

Zwar kenne ich keinen Chirurgen, der per VR-Methoden ausgebildet wurde, aber VR wird auch verwendet, um Operationen individuell zu gestalten. Die Chirurgen haben die medizinische Abbildung mit Flugsimulator-Technologien kombiniert, um 3D-Bilder des Gehirns eines echten Patienten zu erzeugen. Sie haben dann virtuelle „Flüge durch den Körper“ durchgeführt, um Tumore und nahegelegene Strukturen aus allen Winkeln visualisieren zu können, gewissermaßen wie ein „Übungsdurchlauf“, bevor der Hirntumor entfernt wurde.

Techniken, die der virtuellen Realität ähnlich sind, verbessern die Telemedizin, so dass Chirurgen bei Operationen, die in weiter Ferne durchgeführt werden, mit ihrem Spezialwissen assistieren können. Neue Forschungen geben an, dass die virtuelle Realität möglicherweise sogar dazu beitragen kann, dass Querschnittsgelähmten wieder etwas spüren.

Ganz klar wird die virtuelle Realität in der medizinischen Ausbildung und Anwendung ihren Platz finden. Wir beginnen gerade erst damit, ihr Potential zu verstehen. Der wahre Test ihres Wertes wird erst mit der Zeit deutlich werden, nachdem Forscher bewerten konnten, wo sie am nützlichsten ist und wo ihre Grenzen liegen. Und wie bei allen neuen Technologien wird sie sich erst durchsetzen, wenn klar ist, wie sie die medizinische Ausbildung und die Patientenversorgung verbessern kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “medical” by skeeze (CC BY 2.0)


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Michelle Moscova

Michelle Moscova

ist Anatomin an der Universität New South Wales in Australien und hat einen multidisziplinärem Hintergrund: Sie hat an Innovationen zur medizinischen Ausbildung und Wissenschaft, zur Krebsforschung und an dessen juristischer Umsetzung mitgearbeitet.

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