Computer-Arbeitsplätze (Bild: Vancouver Film School [CC BY 2.0], via Flickr)

Veränderung durch Digitalisierung der Entwicklung

Unser Kolumnist Nico Lumma hat zum 1. Mai einen Artikel über die Rolle der Digitalisierung der Arbeit geschrieben. Der Autor und Informatiker Joachim Schlosser hat diesen Artikel als Anlass genommen, auch über diese Entwicklung nachzudenken:

Arbeit 2.0 (Bild: Ed Yourdon [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Wir befinden uns mitten in einer Zeit des Umbruchs, in der Zeit der Digitalisierung des Lebens. Nico hat in seinem Artikel zum Ersten Mai »Die Rolle des Menschen bei der Digitalisierung der Arbeit« einen Anstoß für mich geliefert, über Entwicklung im Besonderen zu schreiben. Am ersten Mai wird der Arbeiterbewegung gedacht, die 1856 in Australien und 1886 in den USA mit Massenprotesten für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten. Damals waren die Fronten und Forderungen relativ klar: Kürzere Arbeitszeiten und bessere Bezahlung. Dies als Mission gaben sich später ganze Parteien als Programm.

Für viele Menschen ist dies weltweit immer noch das Ziel, auch hierzulande in einigen Branchen. Was wir zusätzlich sehen, ist die Erosion von Arbeitsplätzen durch Automatisierung. Klassische Reisebüros sterben aus und werden durch Buchungsportale im Internet ersetzt. Alles, was als Bildschirmrückseitenberatung – ein Begriff, den Gunter Dueck einführte – stattfindet, wird verschwinden. Viele Diskussionen, die wir über Bezahlung und Modalitäten in derlei Branchen haben, sind Rückzugsgefechte. Leistungsschutzrecht: Ein Rückzugsgefecht der Zeitungsverlage, aber im Prinzip im Geiste des ersten Mai.

Nico hebt die »Steigerung der Produktivität durch digitale Werkzeuge« mit deren Risiken hervor, und er hat Recht. Wenn ich nur die Produktivität steigere, also den Output vergrößere, ohne dass sich die eigentliche Methodik der Arbeit oder deren Inhalt ändert, und mir selbst der Sinn der Arbeit zunehmend zweifelhaft vorkommt, dann entsteht eher Burnout als sonst.

Digitalisierung in der Entwicklung

Ich bin beruflich ziemlich viel in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Firmen und Institutionen Deutschland und neuerdings Europas unterwegs, und es finde zwei grundsätzliche Arten von Menschen dort — egal ob Führungskräfte oder Mitarbeiter:

Der Getriebene spürt, dass sich der Markt verändert, dass es irgendwie schneller gehen muss, und gleichzeitig besser. Seine Reaktion darauf: schneller rennen. Er setzt mehr Stunden daran, mit den ihm bekannten Methoden zu arbeiten. Veränderungen sind bedrohlich, denn eine Methodik, die erheblich Aufwand einspart, könnte schließlich seinen Arbeitsplatz kosten, so fürchtet er zumindest.

Der Veränderer sieht die Chance, in einem zunehmend volatilen Markt mit innovativen, besseren und zeitnahen Antworten – Produkten – den Kunden einen Mehrwert zu bieten und damit auch für sein Unternehmen einen Mehrwert und damit für ihn selbst. Er verändert sich und sein Umfeld, probiert aus und prüft diese Veränderungen kritisch auf Nutzen. Neue Methoden, die Aufwand einsparen, begrüsst er, da er dann Zeit freimacht für andere, neue Aufgaben die wiederum Mehrwert generieren.

Was heisst das konkret? Der Entwickler von mechatronischen Systemen im Maschinenbau sieht, dass die Kunden mehr Funktionalität in den Produkten goutieren. Was tut er als Führungskraft? Kauft er sich fertige Funktionalität ein oder sieht er diese Funktionsentwicklung als künftige Kernkompetenz an und baut selbst Kompetenz auf? Was tut er als Mitarbeiter? Sieht er seine momentane Stellung bedroht und kämpft gegen die neue Technologie oder öffnet er sich und nimmt die Herausforderung, sein Aufgabenfeld zu ändern an? Das geht nicht, es würden vollkommen andere Fähigkeiten benötigt? Blödsinn! Ein hervorragender Entwickler jeglichen Alters, der verinnerlicht hat, wie er ausgezeichnete Maschinen entwirft, wie er herausfindet, was seine Kunden wirklich brauchen, der wird auch die Änderung eines Teils des Weges zur Realisierung verkraften!

Der Funktionsentwickler, der beispielsweise Algorithmen für Regelungssysteme wie etwa das ESP oder die Abstandskontrolle in Ihrem Auto, den Greifer eines Roboters, die Infusionspumpe oder für ein Signalverarbeitungssystem wie in ihrem Handy, Stereoanlage in den Programmiersprachen C/C++ schreibt, der fühlt sich durch automatische Codegenerierung vielleicht bedroht. Und ich spreche hier nicht von der Generierung von Funktionsrahmen, wie es UML-Werkzeuge meist tun, wo man trotzdem noch selber den Algorithmus schreibt, sondern tatsächlich von der automatischen Generierung des algorithmischen C/C++-Code. Diese Art der automatischen Codegenerierung macht tatsächlich das händische Programmieren eines Großteils des Systems überflüssig.

Stellen Sie sich vor Sie wären dieser Funktionsentwickler, in dessen Abteilung diese Technologie eingeführt werden soll. Wie reagieren Sie? Sind Sie Getriebener oder Macher? Wenn Sie als den Sinn Ihrer Tätigkeit sehen, C/C++-Code zu schreiben, dann ist Ihre Tätigkeit in der Tat bedroht und Sie werden gegen die Einführung dieser Technologie kämpfen. Sie werden eher eine Methode nutzen wollen, mit der Sie im händischen Programmieren schneller und fehlerfreier werden. Wenn Sie aber als Ihre Aufgabe ansehen, die Funktion eines Systems zu entwickeln, dann werden Sie die Technologie willkommen heißen, da Sie Ihnen den Teil des Programmieren abnimmt. Sie können mehr Zeit auf den eigentlichen Algorithmus, auf die Funktionsweise verwenden können, statt Zeit fürs Ausformulieren in C/C++ zu verwenden, und mit manuell aufwändigen Tätigkeiten wie dem Umrechnen von mathematischen Festkommawerten und Gleichungen zu verbringen. Lieben Sie das Entwickeln oder das Programmieren? Dasselbe gilt als Führungskraft in der Abteilung: Ist Ihre Organisationseinheit zum Programmieren da oder erzeugen Sie innovative Funktionalität in hoher Qualität?

Digitalisierung von digitalisierten Arbeitsbereichen

Digitalisierung findet also auch in scheinbar schon digitalisierten Arbeitsbereichen statt. Ist das Arbeitsverdichtung oder Abstraktion? Wie gesagt, das kommt darauf an, was Sie tun.

Verdichten Sie lediglich die Arbeit, die Sie schon tun, oder ändern Sie den Inhalt Ihrer Arbeit durch Abstraktion? Welche Werkzeuge der Digitalisierung nutzen wir? Werkzeuge, die nur das alte schneller machen, fordern von uns, auch schneller zu werden. Schneller oder öfter Input für diese Werkzeuge zu liefern, den Output schneller weiterzureichen.

Werkzeuge, die die Methode ändern, den Arbeitsinhalt, die mir helfen, den eigentlichen Sinn meiner Arbeit anders zu erreichen statt nur das angestammte Resultat, erlauben mir, mit der Veränderung der Märkte nicht nur Schritt zu halten, sondern den Schritt mitzubestimmen. Nicht Getriebener, sondern Treibender. Seth Godin nennt diese Menschen Linchpin.

Getriebene müssen zwangsläufig wieder in die Diskussion Arbeitszeit und Bezahlung einsteigen, weil Sie den Mehrwert nur durch Mehrarbeit erreichen können. Veränderer schaffen den Mehrwert durch anderes Arbeiten, durch Automatisierung.

Erwerb von Fähigkeiten zur Digitalisierung und Veränderung

Nico schreibt ganz richtig: Leider »haben wir uns als Gesellschaft bislang viel zu wenig damit auseinandergesetzt. Hinzu kommt, dass Ausbildung und Bildung immer noch zu sehr auf die Belange des letzten Jahrhunderts ausgerichtet ist und wir es bislang kaum schaffen, jungen Leuten das Rüstzeug für die Arbeitswelt von Morgen mitzugeben.«

Ja, ja, und nochmal ja, Nico! Wer in der Schule lernt, alle Aufgaben in der Reihe des Eingangs abzuarbeiten, der wird auch ein volles Postfach genau so abarbeiten zu versuchen und eben angesichts hunderter eingehender eMails innerlich kapitulieren. Jeder sollte sich mit seinem ganz persönlichen System beschäftigen, mit dem er den Überblick behält. Bei mir ist das Getting Things Done. Wer in der Schule gelernt hat, dass er mit einem bestimmten Satz an auswendig gelernten Lösungswegen immer zuverlässig eine eins schreibt, der verliert irgendwann die kindliche Neugier und Experimentierfreude. Wer dagegen Muster erkennen und daraus neue Methoden entwickeln lernt, der wird sich auch später mit Veränderungen leichter tun.

Als ich in die 1983 Schule kam, gab es noch nicht einmal das FidoNet, mit dem ich in der Oberstufe rege Nachrichten austauschte, Diskussionen quasi online führte. FidoNet kennt heute keiner mehr, es wurde bekanntermaßen vom Internet abgelöst. Als ich 1997 mein Studium der Informatik begann, gab es den Job des Application Engineer noch nicht in der Form, und ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas überhaupt gab. Als ich 2006 bei MathWorks anfing, hatte ich wiederum noch keine Ahnung, dass den Job, den ich heute mache, als Vollberuf gibt, und bei MathWorks gab es ihn damals auch noch nicht. Was weiß ich, was in fünf Jahren ist, in zehn?

Ich weiß nur, dass ich sehr gerne heute lebe. Wir leben in spannenden Zeiten, in denen vieles möglich ist. Die Digitalisierung der Arbeit ist so gesehen nicht unbedingt selbst eine Herausforderung, sondern eigentlich ein Baustein der Antwort auf viel größere Herausforderungen: Wie wollen wir als Gesellschaft insgesamt leben? Was bedeutet Menschsein? Was ist mein Beitrag?

Ich finde es einfach prächtig. Nein, stimmt nicht ganz: Ich finde es nicht einfach, aber prächtig.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.schlosser.info/.


Teaserimage by Vancouver Film School (CC BY 2.0 )


Image by Ed Yourdon (CC BY-SA 2.0)


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Joachim Schlosser

Joachim Schlosser

führt bei MathWorks ein europaweites Team von Ingenieuren, die Professoren, Lehrschaffende und Anwender von MATLAB & Simulink an Universitäten und Hochschulen unterstützen. Er ist Vater dreier Kinder und glücklich verheiratet, und bloggt auf www.konvergenzbereich.de. Daneben ist Joachim Schlosser Autor des Lehrbuches »Wissenschaftliche Arbeiten schreiben mit LaTeX« und fotografiert bei Anlässen aller Art. | Twitter, Google+

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