Unangenehm: Mit Kindern über Pornos reden

Katrin Viertel von medienlotse.com beantwortet Fragen rund ums Thema Erziehung und digitale Medien. Heute geht es darum, wie Eltern ihre Kinder vor unangemessenen Darstellungen und Informationen schützen können.

Frage:

Meine 12-jährige Tochter beginnt, sich für Sex zu interessieren. Auch auf unserem gemeinsamen Computer fand ich nun Spuren dieser Neugierde: Offenbar hat sie sich Pornos angesehen, als sie allein zu Hause war. Ich war sehr wütend und enttäuscht, dass sie unser Vertrauen so missbraucht. Mit diesem Vorwurf konfrontiert, streitet sie alles ab und weigert sich, darüber zu sprechen. Sollte ich jetzt mit einem Kinderschutzprogramm alle Sex-Seiten sperren, um dem Problem künftig aus dem Weg zu gehen?

Wie hält man Kinder und Jugendliche davon ab, etwas zu tun, was sie tun könnten? Eine uralte Frage der Pädagogik. In der Regel gelingt dies allerdings nicht dadurch, dass man wütend aus der Haut fährt und das unerwünschte Verhalten kurzerhand verbietet.

Ich finde, es ist richtig, das Pornogucken Ihrer Tochter nicht zu ignorieren oder zu tolerieren. Auf jeden Fall sollten Sie mit ihr sprechen. Wenn Sie in dem Moment, in dem Sie das versucht haben, sehr aufgebracht waren, ist es kein Wunder, dass Ihre Tochter das Gespräch verweigert. Erwischt zu werden ist ohnehin peinlich genug. Mein Rat lautet: Wenn Sie einmal geguckt hat, war sie lediglich neugierig, eine schlimme Störung wird sie davon kaum zurückbehalten. Vielleicht hat sie dabei Abstoßendes gesehen, aber wenn Sie nicht mit Ihnen darüber reden will, oder zumindest jetzt nicht, können Sie sie nicht zwingen. Machen Sie dennoch deutlich, dass Sie Pornos ablehnen und nennen Sie Ihre Gründe. Betonen Sie dabei ruhig auch, dass das Gesehene inszeniert war und keine Darstellung von „echtem“ Sex.

Wenn sich alle wieder beruhigt haben, sollten Sie eine Bestandsaufnahme machen. Was glauben Sie, was Ihre Tochter über Sex weiß? Und was könnte sie darüber hinaus interessieren? Es ist ganz normal, dass das Ihr heranwachsendes Kind die leicht zugängliche und relativ anonyme „Auskunftei Internet“ nutzt, um sich zu informieren, statt Sie zu fragen. Wichtig ist jetzt, dass Sie mit Ihr über den Unterschied sprechen zwischen Aufklärungsseiten zum Thema Sex (wie zum Beispiel den Sex´n´tipps) und Pornoseiten (Informationen für Erwachsene dazu gibt’s zum Beispiel hier)
Ein zentrales Element sollte dabei sein, dass Pornos keine Orientierung bieten, wenn es um die wichtigen Fragen geht: Bin ich attraktiv? Bin ich normal? Wie geht das eigentlich konkret, Sex? Und wie fühlt sich das an?

Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie sich zunächst noch einmal selbst in aller Gelassenheit mit dem Thema Sexualität und Erwachsenwerden beschäftigen. Als Einstieg für Erwachsene empfehle ich diesen Elternratgeber „Sexualität und Internet“ und als Einstieg für Jugendliche bietet sich dieser Quiz an, den Kinder und Jugendliche auch gemeinsam ansehen können, ohne rot zu werden.

Meine Haltung zu Kinderschutzsoftware ist gespalten (siehe auch Eltern & Web hier ). Einerseits kann sie als unterstützende Maßnahme für jüngere Kinder nützlich sein, andererseits ersetzt sie niemals die persönliche Begleitung oder das Gespräch über das Surfverhalten ihres Kindes. Abgesehen davon funktionieren die meisten Programme nicht besonders gut, wie im Zusammenhang mit der Einführung des Jugendschutzprogramms JusProg auf netzpiloten.de diskutiert wurde. Falls Sie sich für ein solches Programm entscheiden, sollten Sie sicherstellen, dass Ihre Tochter dennoch weiter die guten Beratungsangebote wie zum Beispiel die von pro familia besuchen kann – manchmal werden nämlich alle Seiten, auf denen die einschlägigen Keywords vorkommen, gesperrt.

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Katrin Viertel

Katrin Viertel

ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, arbeitete viele Jahre als Journalistin für gedruckte und Online-Medien sowie für das Fernsehen, hauptsächlich zu Medienthemen, bis sie ihre neue Berufung fand. Seitdem berät und informiert sie als Medienlotse.com (http://www.medienlotse.com) Eltern, die sich fragen: Was machen unsere Kinder mit digitalen Medien? Und wie sollen wir damit umgehen?

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