Umsturz in Ägypten: Das Geheimnis der “Revolution der grünen Laser”

Grüne Lichtstrahlen haben die Bilder der Mursi-Proteste geprägt – aus demografischen, ökonomischen und technischen Gründen. Die Massenaufstände gegen das Mubarak-Regime in Ägypten 2011 wurden von Medien gerne als Facebook-Revolution bezeichnet, weil sich Demonstranten am Tahrir-Platz und anderswo auch über das Online-Netzwerk organisierten. Beim Sturz des Präsidenten Mursi im Sommer 2013 war aber keine Rede mehr von Facebook. Stattdessen schrieben Medien von der “Green-Laser-Revolution”, weil unzählige Demonstranten per Laser-Pointer grüne Lichtstrahlen durch die Luft beamten und damit die Bilder von den Protesten prägten, die um die Welt gingen. Ein Blick hinter das Phänomen der grünen Laser.


  • Die Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mursi waren weniger von Social Media geprägt als die gegen das Mubarak-Regime.
  • Die Medien tauften die Proteste in diesem Sommer aufgrund der grünen Laser-Pointer “Green-Laser-Revolution”.
  • Aber auch der Einsatz der Laser-Pointer ist Ausdruck einer digital aufgewachsenen Generation junger Ägypter.

Es sind Bilder wie aus einem dystopischen Morgen, die man während der der Anti-Mursi-Proteste aus Ägypten zu sehen bekam. Millionen zorniger Menschen auf der Straße, erhobene Fäuste, Rauchwolken, Feuer, wehende Fahnen, und durch das Szenario zucken grüne Laser-Blitze. So hätten sich Science-Fiction-Autoren das 20. Jahrhunderts Revolutionen in einer fernen Hightech-Maschinen-Zukunft ausmalen können, nur um sie wenige Jahre bzw. Jahrzehnte später in der Realität sehen zu bekommen. Das spektakulärste Bild der grünen Laser ist jenes, als tausende Demonstranten ihre Lichstrahlen auf einen Militärhubschrauber über ihnen richten und ihn in gespenstisches grünes Licht tauchen.

Wie die BBC schreibt, sei das von vielen Medien fälschlicherweise als Versuch gedeutet worden, die Piloten zu irritieren (in den USA ist es sogar per Gesetz verboten, einen Laser auf ein Flugzeug zu richten). Dabei sei es vielmehr eine Licht-Show für das Militär gewesen, dem damit für seine Rolle beim Sturz von Mursi gedankt werden sollte. Die Laser-Beams wurden aber auch gegen Mursi eingesetzt, wenn die Demonstranten ihn auf Bildern quasi als Quelle allen Übels mit den grünen Lichtpunkten markierten oder seinen Namen mit grünen Lichtstrahlen durchstrichen. Außerdem sollen die Laser auch dazu eingesetzt worden sein, um Scharfschützen auf Hausdächern zu markieren und so andere vor deren Standorten zu warnen, oder um Polizisten zu irritieren, die Tränengas verschossen.

Dass die grünen Laser plötzlich so rasende Verbreitung bei den ägyptischen Protesten gefunden haben, hat eigentlich triviale Gründe. Dem ägyptischen Blogger Tarek Amr, den ich schon für mein Buch “Digitaler Frühling” interviewt habe, werden die Laserpointer bereits seit zehn Jahren genutzt – von Lehrern, aber vor allem von jungen Ägyptern zum Spielen. “Diese Laser-Stifte erlauben es, auf entfernte Objekte zu zeigen und schnell wieder abzudrehen, wenn man Angst hat, ertappt zu werden. Es ist also das perfekte Werkzeug, um die Aufmerksamkeit von Mädchen zu erregen oder sie zu ärgern”, so Amr, der für die Blog-Plattform Global Voices schreibt. Kulturelle Gründe gebe es keine, warum gerade 2013 in Ägypten so viele Laser eingesetzt werden. Vielmehr gebe es demografische Ursachen für die Popularität der grünen Pointer. “Seit 2011 ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 30 Jahre, das mittlere Alter beträgt 24 Jahre”, sagt Amr. “Somit gehört die Mehrheit der Bevölkerng zur Generation Y und Z, und Studien zeigen, dass diese Generationen digitale Technik mehr verwenden als jede andere.” Die kulturelle Identität der Jungen werde durch das Internet geprägt, parallel dazu gebe es nach wie vor große Armut. “Jetzt kannst du dir vorstellen, warum sie es so toll sie es finden, mit einem Laser-Stift einen Hubschrauber zu markieren. Wie Harry Potter, der mit seinem Zauberstab auf böse Bestien zeigt.

Leisten kann sich die Laserpointer übrigens fast jeder – sie kosten weniger als einen Dollar und wurden überall auf dem Tahrir-Platz verkauft. Einige findige Händler nutzten übrigens Facebook, um potenzielle Kunden über ihren Standort zu informieren und ihre Ware anzupreisen. “30 % Sale for the Revolution. Offer ends in 48 hours ;)”, warb etwa der Betreiber der Facebook-Seite “Green Laser Pointers in Egypt” mit Augenzwinkern um Kundschaft.

Ist noch die Frage offen, warum gerade grüne Laser so populär waren – immerhin ist grün die Farbe des Islam. “Ich denke, dass hängt alles von den Händlern auf der Straße ab”, sagt Amr. “Wenn sie rote statt grüne Laser verkaufen würden, dann würde man eben rote Laser überall sehen.” Dass die Händler am liebsten grüne Laser verkaufen, hat wohl technische Gründe. Gelbe, orange oder blaue Laser sind teurer, und die grüne Variante ist für das menschliche Auge besser erfassbar als die ebenfalls weit verbreiteten roten Laser.

 

Schlagwörter: , , ,
Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus