„Wir entwickeln neue Features für die Demokratie“

Twittergründer Biz Stone im Interview

Biz Stone sitzt in einem großen Loftbüro im Technologieviertel SoMa, der Gegend südlich der Market Street, einer zentralen Verkehrsachse in Downtown San Francisco. Hier scheint die Welt der New Economy noch in Ordnung, im Empfangsbereich parken Fahrräder, laden Sitzecken mit einer reichhaltigen Auswahl aktueller Zeitungen und Magazine zum Relaxen ein, und auch der Tischkicker fehlt nicht.

An den Wänden finden sich großflächig das Wolken-Layout und die Vogelmotive der Homepage – Twitter nimmt seinen Namen ernst, denn tatsächlich hat das „Gezwitschere“ seine Wurzeln in der unterhaltsamen, schnelllebigen Alltagskommunikation. Der Wahlkampf läuft inzwischen auf Hochtouren, Barack Obama und vor allem Sarah Palin dominieren die „trending topics“ der Twitter-Suche und die erste Präsidentschaftsdebatte am 26. September wirft ihre Schatten voraus – ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch über Twitter und Politik, dachte sich Gast-Blogpilot Christoph Bieber.

In Teil I des Interviews spricht Biz Stone über die Rolle von Twitter im aktuellen Wahlkampf und gibt seine Eindrücke davon wieder, wie Twitter die Kommunikation (auch in der politischen Welt) verändert. In Teil II verrät Biz, wie sich Twitter weiter entwickeln könnte und welche Rolle die Kooperation mit Current.TV spielt.

Interview Teil I

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Biz Stone – Bildquelle: Joi auf Flickr

In Deutschland hat Twitter im Zusammenhang mit Politik erst Aufmerksamkeit erhalten, als der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil einen Account eröffnete und vom Parteitag der Demokraten aus Denver berichtete: über seine Eindrücke vom Parteitag, die Atmosphäre, aber auch sein Abendessen. Seit wann wird Twitter denn von US-amerikanischen Politikern genutzt? Hat der Wahlkampf den Durchbruch gebracht?

Nein, es gab schon vorher „politische“ Nutzungen von Twitter. Natürlich führen beide Kampagnen Twitter-Accounts, doch es gibt auch 37 Kongressabgeordnete, die Twitter aktiv nutzen – sogar länger als die Präsidentschaftskandidaten. Aber es gibt auch viele Polit-Aktivisten, die Twitter nutzen, um ihre Aktionen und Proteste zu organisieren. Und natürlich sind da die „normalen“ Nutzer, die auf die Wahlkampfaktivitäten, Ansprachen, TV-Spots und ähnliches reagieren.

Daran sind sehr viele Menschen beteiligt, und ich glaube, daraus entsteht eine interessante Perspektive auf den gesamten Politikprozess. Es ist kein Zufall, dass die deutsche Politik über den Parteitag auf Twitter aufmerksam geworden ist, denn im Umfeld des Parteitages war Twitter wirklich eine große Sache. Wahrscheinlich ist es dem deutschen Politiker [Hubertus Heil] dort erst aufgefallen.

Nein, ich glaube er hat das zuvor mit seinen Beratern abgestimmt.

Ah, auch gut. Aber wir hören viele Geschichten, bei denen Menschen an Orten mit Twitter in Kontakt kommen, wo man es nicht erwartet. Ein gutes Beispiel ist die Story um James Buck,. Er ist ein Journalistik-Student hier in der Bay Area, an der University of California in Berkeley. Man sollte also denken, er hätte schon mal ´was von Twitter gehört. Hat er aber nicht – dann fliegt er nach Ägypten, um eine Fotoserie über politischen Aktivismus zu produzieren.

Dort angekommen, gelingt es ihm erstmal nicht, die Protestaktionen rechtzeitig zu besuchen: er ist immer für ein paar Stunden zu spät, die Versammlungen haben sich schon aufgelöst, wenn er an den Protest-Orten eintrifft. Dann fragt er seine Bekannten aus der Aktivisten-Szene, wie sie ihre Proteste denn organisieren, wie sie sich verabreden und ihre Kundgebungen organisieren. Sie sagen ihm „Oh, wir nutzen dafür dieses hervorragende Werkzeug, das funktioniert wie ein Nachrichtenticker, es nennt sich Twitter.“ So hat er davon erfahren, und dann war er auch mit dabei.

Konnte er dann seine Fotos machen?

Ja, schon, aber seine Geschichte geht noch weiter. Wir haben ihn neulich zum Lunch eingeladen und da hat er uns ausführlich berichtet. Besonders eindrucksvoll war folgendes: bei einem Shooting während einer Protestaktion wurde er gemeinsam mit seinem Übersetzer verhaftet. Zu der Zeit hatte er Twitter schon für eine Weile benutzt und es folgten ihm auch einige Menschen hier drüben in den Vereinigten Staaten. Für ihn war das ein ganz wichtiger Zusammenhang, denn bei der Verhaftung hatte er gerade noch Zeit, um eine Nachricht zu texten: arrested.

Aber das war schon genug, denn seine Leute zu Hause haben sofort gedacht „Oh, er ist verhaftet von der ägyptischen Polizei, wir müssen ihm da ´raus helfen.“ Und nur ein paar Stunden später hatten sich der Dekan seines Journalistenschule und ein Anwalt eingeschaltet und machten sich daran, ihn zu befreien. Es ist sehr interessant, welche Wirkung dieses Netzwerk entfalten kann. (vgl. dazu auch einen Bericht in der Washington Post vom April 2008)

Das war aber doch sicher eine große Ausnahme, ein Einzelfall?

Durchaus, aber man sieht schon, dass es auf die Gesamtheit der Messages ankommt. Viele von Bucks anderen Updates waren vielleicht trivial – so, wie wenn der deutsche Generalsekretär über sein Abendessen berichtet – diese eine aber eben ganz und gar nicht. Das ist einer der Gründe, warum wir den Service „Twitter“ genannt haben. Nimmt man nur eine einzige Stimme heraus, dann ist sie höchstwahrscheinlich unbedeutend – im richtigen Kontext aber kann es überaus wichtig sein. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Twitter immer verfügbar ist, wenn man es braucht.

Erst ist es nur „Ich gehe in ein Meeting“, „Nachher gibt es etwas zu essen“ und anderes Blabla, doch dann schreibt jemand auf einmal „Ich bin verhaftet“ – und plötzlich wird es hilfreich, bedeutsam, und ist vielleicht sogar eine Nachricht wert. Hätte James Buck nicht gewusst, dass er zu Hause Follower hat, wäre Twitter für ihn auch nicht so interessant gewesen – vermutlich ist genau das ein Anreiz für viele Nutzer: sie möchten ein Feedback haben auf das, was sie gerade machen. Deshalb funktioniert unsere einfache Frage „What are you doing?“ auch ziemlich gut.

Ein US-amerikanischer Student ist in Ägypten auf Twitter aufmerksam geworden, ein deutscher Politiker fängt in den USA mit dem Twittern an – gibt es Daten über die globale Verteilung der Twitter-Nutzung?

Nun, wir können dazu nur etwas über die Web-Statistiken sagen. Die Daten dazu veröffentlichen wir regelmäßig, zuletzt haben wir eine Auswertung aus dem Frühjahr publiziert (die Statistik gibt es hier). Davon werden aber nur fünf bis zehn Prozent der gesamten Twitter-Nutzung erfasst. Es gibt inzwischen so viel mehr Traffic durch die offene Programmierschnittstelle (API) und die zahlreichen externen Anwendungen (third-party-applications). Trotzdem untersuchen wir die Web-Nutzung, und davon finden derzeit gut 51% der Twitter-Kommunikationen in den USA statt. Dieser Anteil ist seit dem Frühjahr wieder etwas gestiegen.

Möglicherweise spielt da gerade auch die wahlkampfbezogene Nutzung eine Rolle.

Ja, das ist ein Grund, aber auch die Tatsache, dass viele Nachrichtenagenturen und klassische Medienanbieter jetzt stärker auf Twitter achten. Vielleicht nicht so sehr, um einfach nur ihre Artikel und Nachrichten zu vertreiben, sondern eher auch, um sich ein Bild zu machen, worüber gerade bei Twitter geredet wird. Der konstante Newsfeed ähnelt inzwischen beinahe dem Ticker einer Nachrichtenagentur. Natürlich ist es etwas anderes als ordentlich recherchierter und sorgfältig geschriebener Journalismus – aber der Twitter-Feed ist extrem schnell. Und er hat eine lokale Komponente, das ist nicht zu unterschätzen.

Man könnte fast sagen, „everybodys´ newswire“, der Nachrichtenticker aus der Nachbarschaft. In einem Eintrag im Twitter-Blog heißt es, es ist nicht gut, wenn man als öffentliche Person in den Twitter-Trends erscheint – da gibt es eine große Wahrscheinlichkeit, dass man gerade gestorben ist.

Allerdings, aber das gilt nur für ältere Stars und bekannte Persönlichkeiten. Das war beim Autor David Foster Wallace der Fall, und auch beim Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright. Heute morgen war es Seinfeld.

Oh nein, er ist doch nicht tot?

Nein, nein, aber Microsoft hat ihn aus den Werbespots heraus genommen. Die waren aber auch seltsam.

Im Augenblick tauchen viele Politikernamen in den Twitter-Trends auf, hängt das auch mit den Parodien wie „FakeSarahPalin“ oder „TheRealMcCain“ zusammen? In Deutschland haben wir eine ähnliche Entwicklung, das ist gerade ein Fest für die Journalisten…

Nun ja, so eine große Sache ist das auch wieder nicht. Meistens sind es ja eher harmlose Parodien, und die Nutzer outen sich ja von vornherein als Spaßmacher.

Haben die Kampagnen-Teams schon mal darum gebeten, einen solchen Account abzuschalten?

Da muss ich überlegen, nein, ich glaube nicht. Allenfalls vor einiger Zeit, als die Kampagnen ihren Account aufsetzen wollten und der Benutzername schon vergeben war – aber da gab es keine größeren Probleme. Ein anderer Fall wäre natürlich die absichtliche Verfälschung in betrügerischer Absicht (impersonation), da müssten wir einschreiten.

Wie wird Twitter denn von den laufenden Wahlkampagnen genutzt, eignen sich die kurzen Texte besonders gut, um junge Wähler zu erreichen?

Junge Wähler, hm. Gute Frage: sind die tweets eher so etwas wie ein Soundbite für ein Interview… Ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt die Sprache ist oder die Art und Weise, wie sich Politiker präsentieren. Eher spielt die Idee von Unmittelbarkeit und Zugänglichkeit eine Rolle. Wenn ein Politiker bei Twitter ist, geht es auch um die Einfachheit der Kommunikation – es ist so simpel, ein Account aufzusetzen und man kann seine Profilseite nicht besonders auffällig gestalten, um besser zu wirken als andere Nutzer.

Viel wichtiger wäre es für Politiker, gelegentlich mit den Nutzern zu interagieren, so dass die Leute sehen, dass jemand hinter einem Account steht. Und genau das macht eigentlich eine gute, erfolgreiche Twitter-Nutzung aus. Das sehe ich bei den beiden Kampagnen eher nicht – das haben einige Kongressabgeordnete schon besser gemacht.

Also gibt es auch eine politische Twitternutzung außerhalb des Wahlkampfs?

Ja, natürlich. Es begann mit zwei Kongressabgeordneten, die während einer Sitzung getwittert haben. Da gab es einiges Aufsehen, auch in den Medien, weil sich viele Menschen gefragt haben, ob das überhaupt erlaubt ist – denn es gibt strenge Regeln, welche Art von Technologie während einer solchen Sitzung benutzt werden darf. Schließlich wurde es aber zugelassen, genauso wie man SMS-Nachrichten versenden darf. Seitdem gab es viele Nachahmer, denn die Abgeordneten haben bemerkt, dass es hier offenbar ein Medieninteresse gibt und man direkt mit den Bürgern in Kontakt treten kann. Diese Politiker nutzen Twitter auch, um Antworten auf Fragen an ihre Follower zu versenden.

Und wie twittern die Kampagnen-Teams von Barack Obama und John McCain?

Leider nicht so gut. Sie gehen damit eher etwas stoisch und einfallslos um. Sie kündigen einfach nur ihre Veranstaltungen an und treten nicht oder nur ganz selten in Kontakt mit ihren Followern.

Geht Twitter auch aktiv auf die Kampagnen-Teams zu und ermutigt die Kandidaten zur Nutzung?

Eigentlich nicht, aber erst vor kurzem haben wir der McCain-Kampagne einen Hinweis gegeben, dass ihr Twitter-Feed nicht funktioniert hat. Es sieht ja schon etwas seltsam aus, Obama hat mehr als 80.000 Follower und bei McCain ist der Feed kaputt. Da haben wir ihnen das einfach mitgeteilt, und es wurde daraufhin auch schnell repariert.

Wie organisiert Twitter denn überhaupt die Arbeit mit den Inhalten? Gibt es spezielle Redaktionen oder Zuständigkeiten für bestimmte Themen?

Nein, ein eigenes Redaktionskonzept haben wir nicht. Aber wir nutzen natürlich die Suchfunktion unter search.twitter.com, das ist ein Echtzeit-Filter für alle eingehenden tweets. Wir durchsuchen die Daten nach Schwerpunktthemen, den trending topics. Gerade jetzt, in der Wahlkampfphase, sind beinahe jeden Tag Barack Obama, Sarah Palin und John McCain in dieser Liste der zehn am stärksten präsenten Themen. Außerdem findet man dort natürlich gerade viel zum Wallstreet-Desaster und den betroffenen Banken oder Versicherungen.

Das ändert sich jedoch häufig, Montags geht es oft um das Football-Spiel am Abend, und auch aktuelle Fernsehsendungen und Serien bilden Twitter-Trends. Aber diese Informationen behandeln wir nicht im Sinne redaktioneller Eingriffe. Allerdings – da wir nun so viele tweets zur Politik haben, werden wir wohl einiges aus dem Gesamtaufkommen „herausbrechen“ und auf einer Seite bündeln. Dann können wir innerhalb der politischen Messages wiederum fragen: wer oder was setzt hier den Trend? Das zeigen wir dann unseren Nutzern. Das ist für uns natürlich auch eine sehr gute Gelegenheit, die wir nutzen wollen, um Twitter einer ganz neuen Gruppe von Menschen vorzustellen.

Gab es die Möglichkeit zum „Herausbrechen“ einzelner Themenbereiche aus dem Nachrichtenstrom auch schon in anderen Fällen?

Das war bisher nur ganz selten der Fall. Wir haben gemerkt, dass immer wenn Steve Jobs ankündigte, eine Pressekonferenz zu halten, viele Leute dazu getwittert haben. Da haben wir dann gesagt: „Seid ihr auf der Suche nach Informationen und Updates zu neuen Apple-Produkten? Da geht´s lang.“ Das lässt sich technisch ganz gut regeln und damit können wir ein wenig die Aufmerksamkeit der Nutzer lenken. Dadurch läuft unser System dann insgesamt auch besser.

Nochmal zurück zum Wahlkampf: schon während der Vorwahlen hat es Versuche gegeben, das Format der TV-Debatten mit Internet-Nutzungen zu kombinieren. Gibt es hier auch Chancen für Twitter, in den Bereich der politischen Kommunikation einzusteigen?

Ja, auch hier helfen uns wieder die Trends – wir können damit offenlegen, was die Einstellungen der Nutzer zu den Wahlkampftehmen sind. Wenn die Menschen zusammenkommen und gemeinsam einen großen Event verfolgen, dann zeigen sie oft auch ihre Einstellung dazu. Genau darum geht es doch vor der Wahl. Wenn wir nun bei Twitter die Trends zusammenstellen und zeigen, dann teilen wir mit, was andere Menschen davon halten. Das funktioniert ganz besonders gut während der TV-Übertragung der Debatten. Da werden wir auf Twitter auch die Möglichkeit bereit halten, die Debatte zu verfolgen, aber gleichzeitig wollen wir zeigen, was die Leute zur Debatte sagen, wie ihre Meinungen dazu sind.

Außerdem gibt es noch eine Kooperation mit dem Nachrichten-Netzwerk current_TV. Worum geht es dabei?

Genau. Bei dieser Kooperation geht es um die Erweiterung der Debattenübertragung, des Fernsehbildes selbst. current_TV arbeitet an der Intergration von Twitter-Nachrichten direkt in den TV-Livestream, das wird sicher ziemlich cool. Morgen schauen wir uns die Demoversion an. Das könnte ein neues Feature für die Demokratie werden – jetzt ist es noch ein Experiment, aber das wird sich weiterentwickeln, ganz sicher.

Zum 2. Teil des Interviews

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Christoph Bieber

Christoph Bieber

ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist seit der Gründung im Jahr 2000 Mitglied im Vorstand von pol-di.net e.V., dem Trägerverein von politik-digital.de.

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