Sechs Beispiele, wie Twitter die Welt verändert hat

Nach 10 Jahren des Dokumentierens der Welt in 140 Zeichen, hat Twitter heute mehr als 300 Millionen aktive Nutzer. Das mögen zwar weit weniger als die 1.5 Milliarden von Facebook sein, aber dafür hat Twitter einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Welt, zum Teil, weil es eine beträchtliche Anzahl an Politikern, Journalisten und Prominenten anzieht. Unsere Expertengruppe erklärt, wie sich ihre Branchen durch einen kleinen blauen Vogel verändert haben.

Politik

Sharon Coen, Dozent für Medienpsychologie, Universität Salford

Es ist offensichtlich, dass Twitter dazu genutzt wurde, das Bewusstsein für politische Themen zu erhöhen, politische Botschaften zu verbreiten und kollektive Maßnahmen zu koordinieren. Dies wurde oft durch spezifische Kampagnen erreicht, wie beispielsweise #blacklivesmatter (Protest gegen Gewalt gegen Schwarze) und #JezWeCan (Werbung für die Kandidatur des britischen Labour-Partei-Chef Jeremy Corbyn).

 

Twitter wurde jedoch auch als Maß der öffentlichen Meinung genommen, was jedoch oft ein fehlgeleitetes Gefühl von Konsens erzeugte oder davon, wie viele Menschen eine bestimmte Meinung zu einem Thema haben (die sogenanten Twitter-Storms). Das liegt daran, dass Menschen mit ähnlichen Ansichten dazu neigen, sich zu verbinden und so seltener auf andere Themen und Meinungen stoßen. Hinzu kommt, dass Twitter Politikern geholfen hat, sie mit personifizierten Profilen, ähnlich denen von Berühmtheiten, als Prominente darzustellen, nicht als jemand, der im öffentlichen Dienst steht.

Wissenschaft

Philip James, Dozent für geografische Informationssysteme, Universität Newcastle

Twitter-Daten eröffnen Wissenschaftlern neue Horizonte. Zum einen als reiche Datenquelle an sich und auch als Möglichkeit, Informationen aus der Öffentlichkeit zu sammeln. Dies hat den zusätzlichen Vorteil, dass ihr Bewusstsein für und die direkte Teilnahme an der Wissenschaft erhöht wird. Die Datenerfassung über Twitter kann passiv (Erfassung von Tweets, die bereits veröffentlicht sind) oder aktiv (Menschen bitten, an einem Projekt teilzunehmen und Informationen einzusenden) erfolgen.

Für ein Projekt zur Simulierung von Hochwasser in Städten baten wir zum Beispiel Menschen, Informationen zu Überschwemmungen in ihrer Nähe zu twittern, um uns dabei zu helfen, das Szenario so genau wie möglich zu simulieren. Da diese Daten über einen konstanten Zeitraum erstellt wurden, konnten wir das Modell alle paar Minuten aktualisieren. Für ein anderes Projekt sammelten wir lokale Tweets aus dem ganzen Nordosten Englands und verwendeten einen Algorithmus, der sich an die Karte anpassen konnte, um die wahrscheinlichsten Routen, die Twitter-Nutzer zwischen zwei Standorten nahmen, zu berechnen. Wir verwendeten diese Daten zur Simulation, wie sich Änderungen an der Infrastruktur, wie beispielsweise Straßensperrungen, auf die Verkehrsströme auswirken würden.

Gewerbe

Aleksej Heinze, Dozent für digitale Wirtschaft, Universität Salford

Twitter hat eine Zwei-Weg-Kommunikation zwischen Unternehmen und deren Kunden eröffnet. Auf der einen Seite wird es Kunden vereinfacht, sich über ein Unternehmen zu beschweren – und das zudem öffentlich. Aber auch Unternehmen können viel schneller und einfacher darauf reagieren und so möglicherweise ein Problem beheben. Außerdem spart es dadurch möglicherweise Kosten für den Kundenservice ein.

Xbox stellte so im Jahr 2010 beispielsweise einen Guiness-Weltrekord als Marke mit “der besten Reaktionsquote bei Twitter” auf, nachdem mehr als 5.000 Anfragen pro Tag beantwortet wurden. Dies schafft einen wichtigen Indikator dafür, dass sich ein Unternehmen um seine Kunden kümmert und steigert damit das Vertrauen in die Marke. Andererseits können hohe Erwartungen auch zu Enttäuschungen führen.

 

Twitter schafft für Unternehmen auch eine Möglichkeit der Marktforschung, indem ermittelt werden kann, worüber Kunden reden, wie ihre Resonanz ist und was ihnen an den Produkten und Dienstleistungen wichtig ist. Es bietet den Firmen zudem den Service, dass treue Kunden für sie Marketing betreiben; online die Marke verteidigen, schützen und sie anderen potentziellen Käufern empfehlen. Im Falle eines Mobilfunknetzausfalls konnte sich ein Netzbetreiber mit den Kunden per Twitter auseinandersetzen und das negative Ereignis für die Marke in etwas Positives umwandeln.

Journalismus

Richard Jones, Lektor für Journalismus und Medien, Universität Huddersfield

Nachrichtenredaktionen wurden lange von Kabeln dominiert. Viele Journalisten sitzen hinter ihren Monitoren, während ihre Augen über die neuesten Kurzmeldungen in den Ecken ihrer Bildschirme fliegen. Twitter änderte das, zumindest ein wenig. Der Informationsfluss rund um die Welt wird nicht mehr nur von den Associated Press oder Reuters dominiert – es wird auch getwittert. Twitter hat mehr als 300 Millionen Nutzer und jedes Mal wenn eine Geschichte auftaucht, ist jemand da, um sie zu posten, was beinahe sofort geteilt wird. So kam zum Beispiel der erste Bericht über die Razzia, die Osama bin Laden in Pakistan tötete, nicht von einer offiziellen Quelle, sondern von einem lokalen IT-Berater.

 

Journalisten, die sich brüsten, einen Lügner enttarnen zu können, mussten feststellen, dass dies online viel schwerer ist. Zur Übertreibung neigende Berichte und Hoaxes sind häufiger und leicht zugänglich. Informationen aus sozialen Medien zu filtern und zu verifizieren ist etwas, das Jornalisten – und der Öffentlichkeit – schwer fällt. Der tragische Fall von Sunil Tripathi, der 2013 zu Unrecht mit den Anschlägen in Boston in Verbindung gebracht wurde, ist nur eines vieler Beispiele.

 

Beziehungen

Deborah Chambers, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaft, Universität Newcastle

Alle Social-Media-Plattformen wurden entwickelt, um eine Kultur der Preisgabe von persönlichen Daten zu fördern. Twitter ist jedoch im Gegensatz zu anderen Seiten, wie beispielsweise Facebook, anders, weil die meisten seiner Nachrichten öffentlich sind und jeder jedem folgen kann, ohne dass man dieser Person ebenfalls folgt und (in der Regel) ohne jegliche Art der Zusatimmung. Das hat eine neue Möglichkeit des Cyberstalkings geschaffen, die es Nutzern erlaubt, persönliche Informationen über private und berufliche Netzwerke hinaus zu sammeln.

Der hochöffentliche Raum von Twitter hat zur Folge, dass sich Nutzer auf dieselbe Weise wie in einer konventionellen Beziehung öffnen, was wiederum eine Offenlegung von sehr persönlichen Aspekten der Identität, des Alltages, der Kompetenzen und Wünsche beinhaltet. Nutzer entwickeln verschiendene Wege, um ihre Privatsphäre zu schützen, beispielsweies durch codierte und mehrdeutige Sprache. Jedoch hat Twitter eine ganz neue Kultur der Konnektivität erschaffen, die auf dem Prinzip des öffentlichen Teilens von persönlichen Gefühlen basiert. Indem Intimität gezwungenermaßen öffentlich gemacht wird, werden persönliche Beziehungen zu einem Konzept des öffentlichen Auftritts.

Prominenten-Kultur

Kirsty Fairclough-Isaacs, Dozent für Medien und Performance, Universität Salford

Twitter hat die Promi-Kultur bis zur Unkenntlichkeit verändert. Vereinfacht gesehen sind wir nun in der Lage, dem Alltag berühmter Personen zu folgen und, was für viele Fans noch wichtiger ist, ohne strikte Kontrolle durch Managements direkt mit ihnen zu kommunizieren. Das bedeutet, dass sich das Image von Prominenten inzwischen weniger durch einen festen Charakter auszeichnet, als durch dauerhaften Wandel und eine Performance, an der das Publikum aktiv teilnehmen kann.

 

Prominente müssen ständig das Bild einer intimen, authentischen und zugänglichen Person zeigen. In einigen Fällen bedeutet das wirklich, seine wahren Gedanken offenbaren zu können, was zuvor nicht möglich war. Für andere Prominente bedeutet es jedoch das Erstellen eines Produkts, welches speziell für den öffentlichen Gebrauch konzipiert ist, welches so streng verwaltet ist wie ein Fotoshoot für ein Magazin. Diese unscharfe Grenze zwischen Bild und Realität hat den Weg freigemacht für eine neue Art der Promi-Werbung.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Multiple Tweets Plain” (adapted) by mkhmarketing (CC BY 2.0)


The Conversation

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Sharon Coen

Sharon Coen

ist Dozentin der Medien-Psychologie an der Universität von Salford. Seit kurzem ist sie Mitglied des Teams für Medienpsychologie, um sich auf dem MediaCityUK-Campus der Universität vermehrt der Forschung in ihrem Fachbereich widmen zu können. Sie studierte Psychologie in Padua, Italien und machte ihren Doktor in Soziologischer Psychologie an der Universität von Sussex.

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Aleksej Heinze

Aleksej Heinze

ist Dozent mit großer Lehrerfahrung in verschiedenen Themenbereichen rund um den Gebrauch von Informationstechnologien in Unternehmen. Neben seiner Tätigkeit an der Universität arbeitete er bereits in zahlreichen Management- und Führungspositionen. Unter anderem war er Co-Direktor im Zentrum für Digital Business und Social Media-Champion an der Salford Business School.

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Deborah Chambers

Deborah Chambers

ist Professorin für Medien und Kultur an der Schule für Künste und Kulturen der Universität von Newcastle. Sie war sowohl in der Lehre als auch in der Forschung für Medienkommunikation und Kulturwissenschaften in Großbritannien und Australien tätig. Ihren Bachelor-Abschluss in Soziologie machte sie an der Universität von Essex und ihren Master-Abschluss sowie ihren Doktor in Kultursoziologie an der Universität in Kent.

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Kirsty Fairclough-Isaacs

ist Dozentin für Medien und Performance an der Universität von Salford. Als Mitherausgeberin arbeitet sie für mehrere Produktionen im Bereich Dokumentation und Musikvideos. Zudem ist sie nebenbei als Autorin tätig.

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Philip James

Philip James

ist Dozent im Bereich Geographische Informationssysteme an der Universität von Newcastle. Er arbeitete zuletzt als System-Programmierer und IT-Berater sowie zuvor als Software-Entwickler bei Nissan. Seine Forschungsgebiete beinhalten unter anderem das Internet der Dinge und Analyseverfahren der nächsten Generation.

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Richard Jones

Richard Jones

ist Mitglied der Forschungsgemeinschaft für Physik an der Universität von Sheffield. Er forscht im Bereich der Nanotechnologie und setzt sich für innovationspolitische Belange ein. Zudem wurde er im Jahr 2006 zum Mitglied Royal Society gewählt.

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