Twitter und Instagram (Bild: Ariel Zambelich/Wired, CC BY-NC 3.0)

Twitter sollte wirklich Angst vor Instagram haben

Die Ankündigung von Instagram, nun 300 Millionen monatlich aktive Nutzer zu haben, hat beim Kurznachrichten-Dienst Twitter in Unruhe versetzt. Immerhin geht es um die millionenschweren Budgets der Mobile Marketer. // von Jakob Steinschaden

Twitter und Instagram (Bild: Ariel Zambelich/Wired, CC BY-NC 3.0)

Auch bei uns in Österreich ahnte man es schon länger: Instagram ist größer als Twitter. Währnd der Kurznachrichten-Dienst im deutschsprachigen Raum klar von der Medienbranche und ihrenVertretern dominiert wird, haben die schönen Bilderwelten der Foto-App die Herzen der breiten Masse erobert. Beim Rennen um die mobilen Werbegelder der Marketingabteilungen könnte sich das als entscheidender Vorteil für Instagram erweisen.


Warum ist das wichtig? Wenn Instagram weiterhin so stark wächst wie bisher, wird sich Twitter in Sachen Monetarisierung und Funktionen etwas Neues einfallen lassen müssen.

  • Das noch sehr textlastige und komplizierte Twitter versucht schon seit längerem, dem simplen Instagram mit immer neuen Foto-Funktionen etwas entgegenzusetzen.
  • Instagram holt in Sachen News-Distribution immer mehr auf, bietet für Online-Medien aber noch nicht dieselben Funktionen wie Twitter.
  • Während Twitter stark auf Performance-Werbung setzt, will Instagram Marken Raum für Image-Werbung geben.

I frankly don’t give a shit if Instagram has more people looking at pretty pictures.“ Mit dieser Aussage hat Twitter-Mitgründer Evan Williams die neuesten Zahlen der Foto- und Video-Sharing-App, die seit 2012 im Besitz von Facebook steht, kommentiert. Instagram-Gründer Kevin Systrom gab kurz zuvor bekannt, dass man mit nunmehr 300 Millionen monatlich aktiven Nutzern (abgekürzt MAUs) mehr User habe als Twitter, das laut seinem letzten Quartalsbericht bei 284 Millionen MAUs hält. Die Wachstumskurve zeigt bei Instagram zudem viel steiler nach oben als bei Twitter: Die Foto-App ist innerhalb von neun Monaten um 100 Millionen User gewachsen, während der Kurznachrichten-Dienst nur langsames Wachstum vorweisen kann. Nicht vergessen sollte man aber die 500 Millionen User, die sich nicht bei Twitter einloggen und den Dienst trotzdem besuchen bzw. eingebettete Tweets auf anderen Webseiten sehen.

Dass Twitter gerne an Instagram und umgekehrt gemessen wird, ist aber durchaus verständlich: Beide Dienste sind hochgradig mobil, rund um das Follow-Prinzip aufgebaut, bieten dem User einen Newsstream mit den Updates der abonnierten Kontakte und mischen Werbung unter den Content der Nutzer. Wer Twitter nutzt, der wird bemerkt haben, dass der Kurznachrichten-Dienst immer bildlastiger wird und sich schon weit entfernt hat von einer puristischen Auslegung des 140-Zeichen-Gebots. Zudem hat Twitter die Video-App Vine an den Start gebracht, die einmal abgesehen vom Video-Fokus in ihrer Funktionalität doch sehr stark an Instagram erinnert.

Twitter-Gründer Williams merkte gegenüber Fortune auch an, dass Twitter nach wie vor für Echtzeit-Information stehe, wo sich Breaking News verbreiten würden und wo die politischen Führer dieser Welt in Konversation miteinander stünden – dagegen würde sich Instagram eher wie ein hübsches Bilderbuch ausnehmen. Doch Williams sollte die Sachlage nicht verkennen: Wie Wired kürzlich in einem Artikel darstellte, sei Instagram mittlerweile sehr stark in Sachen Local News, weil man über die Explore-Funktion und Hashtags ziemlich einfach an aktuellen Content gelangen könne. Außerdem experimentieren verschiedenste Medien – von der BBC über BuzzFeed bis hin zu Start-ups wie NowThisNews – damit, Nachrichtenwert in Bildern und Kurzvideos zu erzeugen und via Instagram zu verbreiten.

Perfekt ist Instagram für die Distribution von News aber nicht, weil eine entscheidende Funktion fehlt: Links. Medien können zwar visuellen Content über die Plattform verbreiten, doch haben wenig Chance, von dort User auf ihre Webseiten zu locken. Den einzigen Link, den sie setzen können, ist jener in ihrem Profil, auf einzelne Artikel kann nur mit Tricks verwiesen werden – indem der Profil-Link regelmäßig ausgetauscht und bei jedem Post darauf hingewiesen wird, dass man doch dort klicken soll (wie es z.B. Mashable macht). Twitter hingegen ist die Link-Schleuder par excellence und hinter Facebook die wichtigste Social-Traffic-Quelle für vile Online-Medien.

Es ist aber ohnehin weniger des Nachrichten-Business, sondern mehr das Werbegeschäft, das Instagram Twitter streitig machen könnte. „Twitter makes a hell of a lot more money than Instagram, if that’s what Wall Street cares about„, kann Twitter-Mitgründer Williams heute noch behaupten – doch wie lange noch? Facebook baut Instagram-Werbung stetig aus und bringt “Sponsored Posts” in immer mehr Länder, parallel dazu pusht Twitter sein Advertising-Geschäft. Wenn auch beide Firmen Werber mit bezahlten Beiträgen in die Update-Streams der User einkaufen lassen, gibt es doch einen wichtigen Unterschied. Twitter-Werbung ist stark Performance-orientiert: Der Werber zahlt dann, wenn mit seinen gesponserten Tweets interagiert wird (z.B. Retweet, Fave, @-Reply, etc.). Instagram hingegen will Brand Advertising erlauben, wo es weniger um Klicks und Interaktion geht, sondern um Präsenz und Zeit, die der Nutzer mit einer Marke verbringt – abgerechnet soll werden, wie lange sich die User Fotos und Videos einer Marke angesehen haben und nicht, ob sie sich dann auch in den Online-Shop durchgeklickt und dort etwas gekauft haben.

Große Markenhersteller wie Coca-Cola, Levi´s oder Lexus sind stark an dieser Art von Werbung interessiert, weil sich über visuelle Kommunikation ein Image aufbauen lässt und es weniger um den Klick geht, zu dem man einen Konsumenten innerhalb weniger Sekunden überzeugen muss. Dementsprechend vorsichtig sollte man bei Twitter sein, wenn es um die Beurteilung des Geschäftsmodells von Instagram geht. Mit Facebook im Rücken kann die Foto-App dem Kurznachrichten-Dienst ziemlich schnell gefährlich werden – und zwar spätestens dann, wenn Marketingchefs vor der Entscheidung stehen, ob sie ihre Mobile-Ad-Dollars lieber beim kritischen Twitter-Publikum ausgeben oder in der schönen Bilderwelt von Instagram.


Teaser & Image by Ariel Zambelich/Wired (CC BY-NC 3.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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