Twitter – Hype vs. Phänomen

Gastautor mspro über die Oberflächen, Tiefen und sozialen Ecken und Enden von Twitter

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Als ich das erste Mal von Twitter hörte, dachte ich, was wahrscheinlich jeder zuerst dachte: was für ein Scheiß! Was mir aber nicht gewahr wurde war die Tatsache, dass ich viele Jahre zuvor mit denselben Gedanken und derselben Logik auf eine andere und doch sehr ähnliche Idee reagierte: das Bloggen. Und so wie damals mit dem Bloggen, ging es mir vor einem Jahr mit dem Twittern. Ich brauchte nur dieses kleine Eingabefeld, um alle Bedenken zu vergessen. Von der ersten Zeile des Bloggens an war ich fasziniert und genauso ging es mir mit Twitter, seit ich das erste Mal auf die Frage antwortete: „What are you doing?„.

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Und nach wie vor lässt es sich nicht beschreiben, weder Bloggen noch Twittern. Es lässt sich nicht sinnvoll beschreiben. Das bedeutet, dass man es nicht so erklären kann, dass es irgendwie sinnvoll klingt. Bloggen und Twittern sind strukturgleich. Nomadenhafte Absender, die ihre Flaschenpost verteilen. Nur ist Twitter schneller, prägnanter. Es ist Echtzeitgeblogge und zwar auf die einzige Weise, die funktionieren kann: mit Zeichenbegrenzung. Ich stelle mir ab und zu vor, wie ein paar junge Leute auf VC-Kapitalsuche mit folgender Idee gehen: „Wir machen sowas wie Blogs, nur mit einer 140 Zeichenbegrenzung.“ Und die Gesichter, die die VCs wohl gemacht hätten. (Die Twittergründer hatten selber das Geld, so dass diese Situation Gott sei dank nie aufkam. Wahrscheinlich würde es Twitter heute sonst nicht geben.)

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Und manchmal frage ich mich, ob die wirklich großen Konzepte nicht grundsätzlich schwer erklärbar sein müssen. Schwer erklärbar deshalb, weil sie Bedürfnisse bedienen, die so grundsätzlich und grundlegend sind, dass sich niemand (außer ein paar Soziologen) die Zeit für ihre Ausformulierung genommen hat. Solche Dinge, der alltäglichen Kommunikation, des Grundrauschens des Alltags, vom Grüßen des Nachbarn, zum Lächeln auf der Straße und zwar über so banale Dinge wie das Rascheln im Popkorn und der etwas laute Fernseher im Nebenzimmer. Dieses Rauschen, das man nicht wahrnimmt, und wenn, dann oft etwas genervt wahrnimmt, das aber, wenn es fehlte, die absolute Isolation bedeuten würde. Denn dieses Rauschen ist nichts anderes als das In-der-Welt sein.

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Und jetzt stelle man sich vor, dass man sich die Komponenten dieses Rauschens selber aussuchen könnte. Man könnte den Presslufthammer auf der Straße einfach ausschalten, ebenso wie die Müllabfuhr. Die spielenden Kinder im Hof behält man allerdings, selbst wenn sie manchmal kreischen. Ebenso wie die Schritte des Nachbarn im Treppenhaus, einfach weil man gerne weiß, wann er wieder da ist. Und natürlich die Vögel: die Spatzen, Finken und die Nachtigallen und was noch alles. Man lässt sie alle zwitschern, ohne hinzuhören, ohne Relevanz ohne Information, einfach so.

Ja, in etwa so könnte man Twitter beschreiben. Aber man würde dem Phänomen doch nicht gerecht. Die tollen Links, die hereingeflogen kommen, die sozialen Beziehungen, die sich fast zwangsläufig ergeben (eine Art sozialer Fusionsreaktor der deutschen Blogger- und Internetszene) und die Witze, Kalauer und Albernheiten, die dort ausgetauscht werden, die ein Quell täglicher Freude sind. Die vielen wenig ernst gemeinten, aber originellen Aktionen, dazu die Unterhaltsamen Erlebnisse all der Außenkorrespondenten aus Fußballstadien, U-Bahnen, Privatparties, Wochenmärkten und Konzerten. Manchmal auch der Dialog und die politische Diskussion und oft genug einfach nur das Zuhören. Und bei allem, was man sonst noch so tut, das gute Gefühl haben, nicht alleine sein zu müssen. Nie mehr, solange das Handy Empfang hat.


Screenshots by ”Twitter”


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Steffen Büffel

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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