Das Coworking-Ranking von twago ist Unsinn. Grober Unsinn!

Welches ist das beste Coworking Space Deutschlands? Ein Ranking des Freelancer-Marktplatzes twago will darüber Auskunft geben, doch die Erhebung ist genauso nicht repräsentativ wie irreführend.

Ein vergleichendes Ranking von Coworking Spaces ist nicht per se falsch, denn das gesellschaftspolitische Gestaltungsprinzip der Gegenwart ist nun einmal der Wettbewerb; Coworking Spaces könnten aus solchen Vergleichen lernen. Das Ranking von twago ist aber keine verlässliche Entscheidungshilfe, denn wesentliche Faktoren, die die Qualität eines Coworking Spaces ausdrücken, wurden nicht abgefragt. Von erheblichen methodischen Schwäche zu reden, auch aufgrund der ungeklärten Selektivität der Befragten, wäre schon eine Übertreibung.


tl;dr: Das Coworking-Ranking von twago ist irreführender Unsinn. twago missbraucht den Begriff Coworking für billige PR, um seinen Freelancer-Report zu bewerben.


twago missbraucht den Begriff Coworking

Auf dem Online-Marktplatz twago können Freelancer ihre Dienste anbieten, der diese wiederum an Auftraggeber vermittelt. Nach eigenen Angaben haben Kunden von twago somit Zugriff auf fast 255.000 Experten aus über 190 Ländern, unter anderem Deutschland. Viele Freelancer arbeiten in Coworking Spaces, ist dieser sogenannte vierte Raum der Arbeit doch meistens die beste Verbindung der Vorteile des ersten Raums der Arbeit, dem Zuhause, mit denen des dritten Raums der Arbeit, dem Café (mit WLAN und Steckdose). Zur Vervollständigung sei gesagt, dass in diesem Bild von Arbeitsplätzen der Industriearbeitsplatz in einer Fabrik oder einem Büro den zweiten Raum der Arbeit darstellt.

Es ist anzunehmen, dass viele Freelancer, die ihre Dienste bei twago anbieten, auch in einem Coworking Space arbeiten, also eine Meinung zu diesem Raum der Arbeit haben. Sie nach den besten Coworking Spaces Deutschlands zu fragen, scheint naheliegend. Dass das Thema Coworking für twago relevant ist, arbeiten doch wahrscheinlich hier die meisten der Nutzer, ist auch nachvollziehbar. Thomas Jajeh, Gründer und Geschäftsführer von twago, lässt sich in der Pressemitteilung zum Start der Umfrage auch mit einer Aussage zitieren, die ein Verständnis für Coworking andeutet:

Coworking Spaces werden in Zukunft in unseren Großstädten noch wesentlich stärker zu Innovationskraft und Wirtschaftswachstum beitragen. Sie bieten kreativen Raum, Austausch, Zugang zu Netzwerken und eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Nicht umsonst suchen sowohl stark wachsende Startups als auch Großkonzerne die Nähe zu Coworking Spaces.

Trotzdem ist meiner Meinung nach alles an dieser Umfrage, dem Ranking und der Berichterstattung darüber Unsinn. Und das ist in einer entscheidenden Phase für der Coworking-Bewegung eher schädigend als nützlich. Schon jetzt wird der Begriff als Buzzword vom Marketing missbräuchlich genutzt. Nicht alles, was sich in Anzeigen oder an Klingelschildern Coworking nennt, ist auch wirklich Coworking. Oft handelt es sich nur um Arbeitsplätze vermietende Anbieter von Bürofläche. Mit Coworking, der Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb einer Community, hat das nichts zu tun.

Genauso wenig wie twagos Umfrage und Ranking, denn eigentlich geht es dem Unternehmen nur um die Erwähnung des eigenen Freelancer-Reports, der, vollkommen losgelöst vom Thema, ebenfalls in der Pressemitteilung erwähnt wurde, und der mit twagos eigentlichem Geschäftsmodell Outsourcing wesentlich mehr zu tun hat als Coworking:

twago veröffentlicht neben den besten Coworking Spaces Deutschlands quartalsweise den twago Freelancer-Report. Bei der Untersuchung werden regelmäßig die in den Ausschreibungen geforderten IT- und Web-Fähigkeiten analysiert, ebenso wie die mit bestimmten Content-Management- und Shop-Systemen verbundenen Programmier-Skills. Ein weiterer Fokus liegt auf der Untersuchung der deutschen und europäischen Städte, in denen Freelancer ansässig sind.

Erhebliche methodische Schwächen

Von einer Suche kann man auch nicht wirklich sprechen, denn die Umfrage ist methodisch unhaltbar. In den Artikeln von Jürgen Stüber auf Morgenpost.de oder Lea Weitekamp auf t3n.de liest man leider keine kritische Bewertung dazu. Weitekamp erwähnt die Art der Erhebung nur in einem Nebensatz, Stüber übernimmt die Formulierung beinahe unverändert aus der Pressemitteilung:

Die Abstimmung lief von Mitte November bis Mitte Dezember auf twago.de. Tausende Befragte gaben gültige Stimmen ab. Jeder Coworking Space konnte mit 0 bis 5 Punkten bewertet werden, wobei die Befragten alle Coworking Spaces bewerten konnten, die sie kennen.

Laut Angaben der twago betreuenden PR-Agentur bedeutet “tausende Befragte” ein mittlerer vierstelliger Bereich an gültigen Stimmen, aber genaue Angaben konnte man auf telefonische Nachfrage unserer Redaktion auch nicht machen. Von der Quantität der Stimmen scheint das in Ordnung zu sein, aber die Qualität der Aussagen ist an sich überhaupt nicht vorhanden. Wenn die Person, die sich diese Umfrage ausgedacht hat, oder die darüber schreibenden Journalisten auch nur mal einen Tag in einem Coworking Space verbracht hätten, wäre das allen klar gewesen. Es wurden einige Spaces angeschrieben, aber längst nicht alle, und twago verbreitete die Befragung auch nur über eigene Kanäle, die in der Quantität zumindest überschaubar sind.

Man kann ein Coworking Space nicht mit 0 bis 5 Punkten bewerten. Dass alle in der Pressemitteilung gelisteten Coworking Spaces zwischen 3,65 und 4,3 Punkten liegen, zeigt, wie schwer es ist, einen Unterschied mit dieser Art der Bewertung zu schaffen. Ich bin diesen Sommer mit meiner Freundin zwei Monate durch Coworking Spaces in ganz Europa gereist. In unseren Auswertungen fanden wir kein Coworking Space schlecht, auch wenn keines wie das andere war. Eine verlässliche Bewertung ist deshalb nicht möglich, besonders nicht zwischen 0 und 5 Punkten.

Man kann fragen, ob der Kaffee in einem Coworking Space gut oder sogar umsonst ist, wie die Lautstärke im Space ist, welche Tätigkeiten die anderen Coworker ausüben, ob es gemeinsame Abende gibt oder nach welchen Regeln die Community zusammengesetzt wird, vielleicht auch ob es Kindergärten, Supermärkte und Banken im Umfeld gibt. All das und noch mehr macht ein Coworking Space aus. Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, in welchem Space man sich wohl fühlt. Mit einer Zahl kann man diese komplexe Entscheidung nicht ausdrücken. Viele Coworking Spaces bieten deshalb Probetage an, damit man sich einen persönlichen Eindruck machen kann.

Irreführendes Ranking

Deshalb sagt das Ranking auch überhaupt nichts über die Qualität eines Coworking Space aus. Die meisten der aufgelisteten Coworking Spaces kenne ich persönlich und sie sind wirklich toll. Trotzdem wäre nicht jedes ein für mich geeigneter Arbeitsplatz. Das Ranking ist aufgrund unbekannter Rücklaufquoten, der nicht bekannten Fallzahlen und der fehlenden Repräsentativität eher Ausdruck unkontrollierter Willkürlichkeit zum Zwecke der PR, als eine verlässliche Entscheidungshilfe.

Wenn man wirklich Interesse an einem Coworking Space hat, sollte man sich auf die Suche machen und dabei Sorgfalt walten lassen. Für die meisten Menschen sollte der Weg zur Arbeit nicht länger als 20 Minuten sein. Das macht die Suche nach einem Coworking Space in Deutschland schon kompliziert, denn mit Ausnahme von Berlin ist die Dichte an Coworking Spaces noch nicht sehr hoch. Auch gibt es noch keine verlässliche Datenbank an Coworking Spaces. Die von twago aufgelisteten Coworking Spaces für meinen Wohnbezirk Friedrichshain kenne ich beispielsweise alle nicht. Dafür ist kein einziges Coworking Space aufgelistet, das ich kenne. Während man in München, Leipzig, Köln oder Hamburg noch einen Überblick über die Coworking-Szene haben kann, ist dies in Berlin nahezu unmöglich.

Winston Churchill wird fälschlicherweise die Aussage zugeschrieben, “Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.”, auch wenn dies aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erfindung von Joseph Goebbels oder aus seinem Propagandaministerium war, um Churchill als Lügner hinzustellen. Trotzdem ist darin ein Funken Wahrheit enthalten, den man sich bei der Suche nach einem Coworking Space zu Herzen nehmen sollte. Trauen Sie keinen Rankings, Statistiken, Datenbanken etc., sondern machen Sie sich selber vor Ort einen Eindruck. Ein Coworking Space kann ein Arbeitsplatz sein, an dem man sich genauso wohlfühlt wie in seinem eigenen Zuhause oder einem schicken Café. Und da niemand von uns willkürlich Lokale oder seine Wohnung aussucht, bedarf es bei der Suche nach einem Coworking Space der gleichen Gründlichkeit.

Tobias Schwarz ist nicht nur Leiter von Netzpiloten.de, sondern arbeitet seit Jahren von verschiedenen Berliner Coworking Spaces aus. Er ist Mitgründer der German Coworking Federation, deren Gründungsvorstand er angehört, und besucht seit anderthalb Jahren Coworking Spaces in ganz Europa.


Image “Coworking” by geralt (CC0 Public Domain)


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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