Legal Tech als Trend: Wenn Anwälte durch Algorithmen ersetzt werden

Sie heißen „frag-einen-anwalt.de”, „geblitzt.de” oder „Jurato” und sind eine der am meist gehypten Entwicklungen im digitalen Start-up-Bereich: Legal-Tech-Unternehmen. Unternehmensgründung, Mietrecht, Bußgelder: Rechtliche Fragen begegnen uns ständig im Alltag und wer nicht die Mittel für einen Anwalt oder die Zeit und Geduld zur Eigenrecherche hat, ist damit oft überfordert. Genau hier sehen viele Legal Tech-Start-ups eine Marktlücke. Sie wollen Verbrauchern automatisierte rechtliche Unterstützung anbieten.

Jetzt also auch noch Legal Tech?

Mit Algorithmen oder künstlicher Intelligenz helfen die Applikationen und Webseiten dieser Unternehmen Nutzern auf der Suche nach rechtlichem Ratschlag. Schneller, besser und günstiger als viele Anwälte das könnten, behaupten die Gründer hinter diesen Start-ups. Nach Medtech und Fintech, jetzt also auch noch Legal Tech? Das sei nur eine logische Entwicklung, sagt Michael Grupp vom Start-up Lexalgo dem Anwaltsblatt: „Tech und Jura haben heutzutage sehr viel mehr Verbindungen als noch vor zehn Jahren. In vielen Rechtsbereichen gibt es Tech-Fragen, vom Datenschutz bis zur IT als Unternehmenswert, von denen man im juristischen Studium wahrscheinlich nichts gehört hat.” Doch Legal Tech geht weit über die juristische Beratung von IT-Unternehmen hinaus. Das Angebot allein in Deutschland scheint schier endlos. Es reicht von Plattformen, auf denen Anwälte und Verbraucher zusammenfinden können über Nischenangebote zu sehr speziellen Rechtsfragen bis hin zu Tools, die Anwälten selbst die Arbeit abnehmen können.

Von der Plattform bis zum Nischenangebot: Legal Tech mischt die Rechtsszene auf

Auf Jurato können Nutzer zum Beispiel Beratungsangebote zum Festpreis buchen oder sie stellen eine offene Anfrage und mehrere Anwälte bewerben sich nach dem Ebay-Prinzip um die Beratung. Auch Webseiten wie „frag-einen-anwalt.de“ bemühen sich darum, Anwälte mit Ratsuchenden zusammenzubringen. Unter dem Motto „Jeder hat ein Recht auf Recht“ wollen sie den Zugang zur rechtlichen Beratung demokratisieren. „Rechtsberatung wird oft aus einem Elfenbeinturm heraus betrieben. Wir aber glauben an einen freien Zugang zum Recht für alle, unabhängig von Bildung, Geld und Beziehungen”, verspricht das Start-up auf seiner Webseite.

Neben diesen allgemeinen Plattformen haben sich einige Start-ups auf gewisse Rechtsfragen spezialisiert. So bekommen User auf „geblitzt.de“ rechtliche Hilfe bei ihren Bußgeldverfahren. Auf „Smartlaw“ finden Nutzer rechtlichen Beistand zur Unternehmensgründung und Start-ups wie „Bahnbuddy“ kümmern sich um Bahnfahrer, die bei Bahnverspätungen ein Recht auf Erstattung haben.

Die dritte Kategorie von Unternehmen im Legal Tech wiederum entwickelt smarte Tools für Anwälte selbst.„Lexalgo“ aus Darmstadt etwa hat Softwareprogramme entwickelt, sogenannte „Rule Engines“, die Anwälten dabei hilft, Daten zu organisieren, kategorisieren und Regelwerke zu erstellen. Diese Software soll Anwälten oder Kanzleien „helfen, eine juristische oder stark regelbezogene Entscheidung schneller, einfacher und verlässlicher treffen zu können“, behauptet das Start-up auf seiner Webseite. Ebenfalls aus Hessen kommt das Frankfurter Start-up „BusyLamp“, das von Unternehmen aus mehr als 100 Ländern, wie etwa der New York Times oder der Holtzbrinck Verlagsgruppe, genutzt wird. BusyLamp hat sich darauf spezialisiert, Managementtools für Rechtsfirmen zu erstellen, die ihnen dabei helfen, die Zusammenarbeit mit selbstständigen Anwälten sowie die eigenen Ausgaben zu organisieren.

Doch das ist wahrscheinlich nur der Anfang. Der nächste große technische Wandel für Juristen ist schon absehbar: Legal Chatbots. Auf DoNotPay, Visabot oder Robotlawyerlisa können Bots jetzt schon Nutzern in Rechtsfragen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Legal Tech: Chance oder Bedrohung?

So unterschiedlich diese Legal Tech-Unternehmen im Einzelnen arbeiten, eins haben sie alle gemeinsam: Von Algorithmen über künstliche Intelligenz bis hin zur Plattform-Ökonomie nutzen sie technische Möglichkeiten, um komplizierte rechtliche Prozesse zu automatisieren. Damit wollen sie einfacher und im Endeffekt auch kostengünstiger werden. Justice-as-a-Service nennt sich das Prinzip dahinter und sorgt unter Experten sowohl für Bewunderung als auch für Kritik.

Einer der größten Befürworter von Legal Tech in Deutschland ist Stephan Breidenbach. Er hat den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina inne. Breidenbach sieht große Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit von Juristen und Algorithmen. Schließlich tauchen gerade beim Recht wiederkehrende Prüfungen und Lösungsstränge auf. Vom Lernen von unzähligen Paragraphen mal ganz abgesehen. Auch Juristen arbeiten also – genau wie Algorithmen – sehr formelhaft. „Recht ist Code“, sagt daher Breidenbach. Um den hiesigen Juristen die Chancen hinter Legal Tech zu zeigen, hat Stephan Breidenbach deshalb „Berlin Legal Tech“ ins Leben gerufen. Eine Mischung aus Rechtskonferenz und Hackathon, auf der Programmierer und Anwälte zusammenkommen können.

Die Fans von Legal Tech sehen die technischen Möglichkeiten also ganz klar als große Hilfe. Ihrer Meinung nach können nicht nur Verbraucher, sondern auch Anwälte von der technischen Unterstützung durch Legal Tech-Unternehmen profitieren.

Doch bisher sehen viele Anwälte in Deutschland die Entwicklung im Bereich Legal Tech eher skeptisch. Einige kritisieren, dass die Digitalisierung des Rechts, die Arbeit der Anwälte allein auf Auswendiglernen und Herunterbeten von Paragraphen reduziere. Andere wiederum heben hervor, dass kein Computerprogramm die Kreativität von Anwälten ersetzen könne. Und natürlich fühlen sich auch viele in ihrer beruflichen Existenz bedroht. Denn wenn ein Chatbot oder ein Algorithmus ihre Arbeit besser machen kann – wer braucht dann noch einen Anwalt?

Ist Legal Tech also eine Bedrohung oder eine Chance? Patrick Prior, Jurist und Legal Tech-Berater beantwortet das so: „Im Rückblick hat jede industrielle Revolution zunächst Arbeitsplätze gekostet, bis sich der Arbeitsmarkt auf die neue Situation eingestellt hat und neue Berufe oder Berufsfelder geschaffen wurden. Dies wird wohl auch bei Legal Tech langfristig nicht anders sein.“


Image (adapted) „Anwalt“ by energepic.com (CC0 Public Domain)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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