Tratschen ist eine soziale Kompetenz – kein schlechter Charakterzug

Vor Leuten, die gerne tratschen, schrecken wir oftmals zurück. Dabei kann gerade erfolgreiches Tratschen der Beweis dafür sein, dass man ein guter Teamplayer ist. Seien wir ehrlich: Tratschen hat einen schlechten Ruf. Wir sehen selbstgefällig aus einer moralisch höhergestellten Perspektive auf andere herab, und mit der Sicherheit, dass wir diesen schlechten Charakterzug nicht teilen, weisen wir diejenigen als oberflächlich von uns, die von den Angelegenheiten anderer besessen sind.

Und in der Tat ist Gossip in seiner rauesten Form eine Strategie, die von einzelnen genutzt wird, um das eigene Image und die eigenen Interessen auf Kosten anderer zu stärken. Meine durchgeführten Studien zeigen, dass Gossip auf brutale Art und Weise für egozentrische Zwecke genutzt werden kann.

Andererseits: Wie viele schaffen es, sich von einer pikanten Story zu lösen und sie für sich zu behalten? Sicherlich hat jeder von uns schon einmal selbst erfahren, wie schwer es ist, über spektakuläre Neuigkeiten, die sich auf jemand anderes beziehen, zu schweigen. Bei aller Herabsetzung übersehen wir die Tatsache, dass dies ein essentieller Bestandteil unserer sozialen Welt ist. Diese fiese Eigenschaft überschattet die gutartige Seite, die es bewirkt.

Tatsächliche kann Tratsch nicht etwa als schlechter Charakterzug, sondern als hochentwickelte soziale Fähigkeit betrachtet werden. Diejenigen, die das nicht beherrschen, sind oft nicht in der Lage, Beziehung aufrecht zu erhalten, und finden sich häufig als Betrachter von außen wieder.

Als soziale Wesen sind wir mit dem Tratschen fest verbunden

Ob es einem gefällt oder nicht: Wir sind die Nachkommen von Wichtigtuern. Evolutionäre Psychologen sind der Meinung, dass unsere Voreingenommenheit mit dem Leben anderer ein Nebenprodukt des prähistorischen Gehirns ist.

Laut Wissenschaftlern kannten sich unsere prähistorischen Vorfahren sehr genau, da sie in relativ kleinen Gruppen lebten. Um Feinde abzuwehren und in einer unwirtlichen Umgebung zu überleben, mussten sie innerhalb der Gruppe zusammenarbeiten. Sie nahmen jedoch auch wahr, dass die gleichen Gruppenmitglieder die Hauptkonkurrenten um Gefährten und begrenzte Ressourcen waren. Unter solchen Lebensbedingungen hatten unsere Vorfahren zahlreiche Probleme, sich sozial anzupassen: Wer ist zuverlässig und vertrauenswürdig? Wer ist ein Betrüger? Wer ist der beste Gefährte? Wie können Freundschaften, Allianzen und familiäre Verpflichtungen abgestimmt werden?

In solchen Umgebungen ist ein ausgeprägtes Interesse an den privaten Angelegenheiten anderer praktisch – und wird stark von der natürlichen Selektion bevorzugt. Menschen, die sich ihre soziale Intelligenz zu Nutze machen konnten, um das Verhalten anderer zu interpretieren, vorherzusagen und zu beeinflussen, waren erfolgreicher als diejenigen, die das nicht getan haben. Die Gene dieser Individuen wurden von Generation zu Generation weitergegeben.

Tratsch vermeiden: Die Eintrittskarte in die soziale Isolation

Heutzutage sind Schwätzer einflussreiche und populäre Mitglieder sozialer Gruppen. Geheimnisse miteinander zu teilen, ist eine Möglichkeit, zwischenmenschliche Verbindungen aufzubauen, und Lästereien sind ein starkes Zeichen von Vertrauen: Man signalisiert, dass man der Person gegenüber glaubt, dass sie die sensible Information nicht gegen einen selbst verwenden wird.

Daher wird jemand, der gut lästern kann, auch über ein großes Netzwerk an Leuten verfügen. Gleichzeitig wird er diskret Kenntnis darüber erlangen, was sich innerhalb der Gruppe abspielt.

Andererseits wird jemand, der beispielsweise nicht Teil des Tratsch-Netzwerks im Büro ist, zum Außenseiter – jemand, der weder Vertrauen noch Akzeptanz seitens der Gruppe erfährt. Sich als selbstgerechtes Gemüt zu präsentieren, das nicht am Klatsch und Tratsch teilnimmt, bedeutet also den ersten Schritt in die soziale Isolation. Studien haben gezeigt, dass harmloser Gossip im Arbeitsumfeld die Gruppenbindung und die Moral fördert.

Tratschen hilft zudem den Neuen der Gruppe, die Mehrdeutigkeit bezüglich der Gruppennormen und -werte zu überwinden. In anderen Worten: Dem Urteil anderer Menschen über das Verhalten anderer zu lauschen, hilft dem Neuling herauszufinden, was akzeptiert wird und was nicht.

Angst vor Lästerern hält uns wachsam

Andererseits kann der Umstand, dass uns die Lästerfreudigkeit der Anderen bewusst ist, uns durchaus wachsam halten. Innerhalb einer Gruppe von Freunden und Kollegen kann die Gefahr, das Ziel des Tratsches zu werden, eine positive Kraft sein: Es kann Trittbrettfahrer und Betrüger abhalten, die zur Nachlässigkeit neigen oder Ihren Vorteil auf Kosten anderer suchen.

Klatsch-Mädchen-Gruppe (Image by Baruska(CC0)via Pixabay)
Klatsch-Mädchen-Gruppe (Image: Baruska, CC0 Public Domain)

Der Biologe Robert Trivers hat die evolutionäre Bedeutung der Entlarvung von plumpen Betrügern (diejenigen, die sich auf selbstlose Taten hin nicht erkenntlich zeigen) und subtilen Betrügern (diejenigen, die sich erkenntlich zeigen, jedoch weniger geben als sie bekommen) diskutiert. Tratsch kann das Schamgefühl dieser Trittbrettfahrer wecken und sie zügeln.

Studien über kalifornische Viehzüchter, Hummerfänger aus Maine und College-Ruderteams bestätigen, dass Tratsch in einer Vielzahl von Situationen genutzt wird, um Individuen zur Rechenschaft zu verpflichten. In jeder dieser Gruppen wurden Individuen, die die Erwartungen bezüglich des Teilens von Ressourcen nicht erfüllten und ihren Verantwortlichkeiten nicht nachkamen, Ziel von Tratsch und Ausgrenzung. Dies drängte Sie wiederum dazu, bessere Teammitglieder zu werden.

Zum Beispiel wurden Hummerfischer, die die etablierten Gruppennormen und Regelungen, wann und wie Hummer geerntet werden, nicht respektiert, schnell von den Kollegen bloßgestellt. Die Hummerfischerkollegen mieden sie und weigerten sich zeitweise, mit ihnen zu arbeiten.

Tratschen über Berühmtheiten hilft uns tatsächlich in vielerlei Hinsicht

Die belgische Psychologin Charlotte de Backer unterscheidet zwischen strategischem Lerntratsch und Reputationstratsch. Wenn sich Tratsch um eine bestimmte Person dreht, sind wir nur daran interessiert, wenn wir die Person kennen. Einiger Gossip ist jedoch interessant, egal, um wen es sich dreht. Diese Art von Gossip kann Geschichten von Situationen um Leben oder Tod oder besonderen Leistungen beinhalten. Wir schenken ihnen Aufmerksamkeit, weil wir von ihnen Strategien ableiten können, die wir in unserem Leben anwenden können.

In der Tat entdeckte de Backer, dass unser Interesse an Promis diesen Durst, Lebensstrategien zu lernen, stillt. Wir schauen wohl oder übel auf die gleiche Art und Weise auf Berühmtheiten, wie unsere Vorfahren auf Vorbilder innerhalb ihres Stammes blickten. Unsere Fixierung auf Promis ist im Kern die Reflexion eines angeborenen Interesses am Leben anderer Menschen.

Von einem evolutionären Standpunkt betrachtet ist ein “Promi” ein neues Phänomen, das vor allem auf die Explosion der Massenmedien im 20. Jahrhundert zurückgeführt werden kann. Unsere Vorfahren jedoch entdeckten die soziale Bedeutung in den intimen Details des Privatlebens jedes anderen, da jeder in ihrer kleinen sozialen Welt von Bedeutung wahr.

Celebrity News (Image by Daniel Oines(CC BY 2.0)via Flickr)
Celebrity News (Image by: Daniel Oines (CC BY 2.0)

Anthropologe Jerome Barkow führt jedoch an, dass uns die Evolution nicht darauf vorbereitet hat, zwischen den Mitgliedern unserer Gemeinschaft, die einen wirklichen Einfluss auf uns haben, und denen, die in Bildern, Filmen und Liedern existieren, die unser tägliches Leben begleiten, zu unterscheiden.

Von TMZ bis hin zu US Weekly, die Medien befeuert die Maschinerie aus Klatsch und Tratsch, die den Klatsch in unseren Arbeitsumgebungen und Freundesgruppen nachahmen. Unserem Gehirn wird ein Gefühl der Freundschaft oder zumindest der Intimität mit diesen Berühmtheiten vorgetäuscht – was uns wiederum dazu veranlasst, sogar noch mehr davon zu wollen. Letztendlich muss jeder, den wir so häufig sehen und von dem wir so viel wissen, sozial wichtig für uns sein.

Mit Hilfe des Gefühls der Intimität, das wir bei Berühmtheiten verspüren, können diese eine wichtige soziale Funktion erfüllen: Sie sind vielleicht die einzigen “Freunde”, die wir mit unseren Nachbarn und Kollegen gemein haben. Sie sind gemeinsame kulturelle Berührungspunkte, die die Art informeller Interaktionen erleichtern, die den Menschen dabei hilft, uns in neuen Umgebungen zurechtzufinden. Auf dem aktuellen Stand der Leben von Schauspielern, Politikern, und Athleten zu bleiben, macht eine Person zum sozialen Experten im Umgang mit Unbekannten und kann sogar den Weg in neue Beziehungen bereiten.

Die Quintessenz des Ganzen ist, dass wir die Rolle des Tratschens in unserem alltäglichen Leben überdenken müssen. Es gibt keinen Grund, davor zurückzuschrecken oder beschämt zu sein. Erfolgreiches Tratschen bedeutet, ein guter Teamplayer zu sein und die Schlüsselinformationen auf eine Art und Weise zu teilen, die nicht als selbstsüchtig angesehen wird. Es geht darum zu wissen, wann es angebracht ist, über etwas zu reden, und wann es besser ist, den Mund zu halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Freunde-Flüstern” by gerryimages (CC0)


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Frank T. McAndrew

Frank T. McAndrew

ist Psychologieprofessor am Knox College und ein Blogger für Psychology Today Magazine. Im Jahr 2005 wurde er als eine "Schlüsselperson" in der Geschichte der Umweltpsychologie durch eine Befragung von über 300 Forschern in seinem Bereich bezeichnet.

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