Touchscreens für Hunde, tragbare Geräte für Hühner: Willkommen in der Welt der Tier-Technologie

Stellen Sie sich vor, Sie lassen Ihren Hund zuhause und er schaltet den Smart-TV ein, um sich ein Programm auszusuchen. Währenddessen besuchen Sie den Zoo, wo Sie interaktive Touchscreen-Spiele mit Affen spielen und die Delfine dabei beobachten, wie sie via Sonar ihr Mittagessen bestellen. Auf dem Feld hinter Ihnen streichelt ein Landwirt seine Hühner-Herde virtuell und lässt Drohnen Schafswolle einsammeln, während sich die Kühe von selber melken. Willkommen in der ungewöhnlichen Welt der Tier-Technologie. Tiere nutzen Technologien schon seit längerer Zeit, von Tracking-Geräten zur Arterhaltungs-Forschung bis hin zu Zoos, die Touchscreen-Computer für die Tiere einsetzen. Doch in der letzten Zeit hat der Forschungsbereich der Tier-Computer-Interaktion (engl.: ACI, animal-computer interaction) begonnen, sich intensiver damit zu beschäftigen, wie Tiere diese Technologien benutzen. Die Hoffnung besteht darin, ein besseres Verständnis der Beziehung von Tieren zu Technologie zu entwickeln. Dies kann dazu führen, dass wir ihr Wohlergehen beobachten und verbessern können. Die Explosion des Forschungsbetriebs im Bereich ACI führte zur Entwicklung einer Vielzahl von Haustier-Produkten, die es den Besitzern erlauben, ihre Tiere zu beobachten, wenn sie außer Haus sind und sogar mit ihnen spielen zu können. Zum Beispiel gibt das PetCube-Spielzeug den Besitzern die Möglichkeit, einen Laserpunkt zu steuern, den die Tiere jagen können, und gleichzeitig via Video-App auf dem Smartphone mit den Tieren zu sprechen. Andere Apps überwachen für die Besitzer die Gesundheit, Fitness und Gewohnheiten ihrer Haustiere. So hat eine Studie gezeigt, dass die App CompanionViz den Besitzern anhand der Daten ein tiefergehendes Verständnis der Gesundheit ihrer Haustiere ermöglichte und ihre Gemeinschaft gestärkt hat. Meine eigene Forschung beschäftigt sich mit der Entwicklung eines intelligenten Tracking-Geräts für Hunde, das sie auf einem Bildschirm mit Medien interagieren lässt, sodass wir untersuchen können, wie sie Fernsehen nutzen und was sie dabei gerne schauen (falls sie überhaupt etwas schauen). Vielleicht nicht wenig überraschend, fand ich heraus, dass Hunde gerne Videos anderer Hunde schauen. Das brachte mich dazu, die Augenbewegungen der Hunde auf einzelnen und mehreren Bildschirmen zugleich zu verfolgen, um herauszufinden, wie Medien speziell für Hunde am besten gestaltet sein sollten. Schlussendlich hoffe ich, ein interaktives System zu entwickeln, mit dem sich Hunde aussuchen können, was sie schauen möchten, und das sich je nach ihren Vorlieben weiterentwickelt. Es geht mir nicht darum, ein Spielzeug für engagierte Haustierbesitzer zu entwickeln. Vielmehr ist es so, dass Hunde im Verlauf des Tages oft alleine zu Hause oder in Zwingern isoliert sind. Interaktive Medientechnologie kann das Wohlergehen der Tiere verbessern, indem Reize und eine Möglichkeit zur Unterhaltung geboten werden. Diese Forschung ist noch sehr neu und die Analyse der Effekte ist dementsprechend erst im Anfangsstadium. Doch wir hoffen, dass sie das Wohlbefinden der Hunde deutlich verbessern wird, indem diese davor bewahrt werden, sich durch Langeweile ausgelöste, gefährliche Verhaltensmuster anzugewöhnen.

Diese Art der Technologie kann die Menschen ebenfalls dazu ermutigen, sich noch mehr mit den Tieren und mit Arterhaltung zu beschäftigen. Orang-Utans beispielsweise sind hochintelligent. In Gefangenschaft ist es wichtig, dass sie mentale Reize geboten bekommen, damit sie nicht gelangweilt und depressiv werden. AppsForApes ist ein Projekt, das den Tieren Zugriff auf Touchscreen-Technologie gewährt, und es ihnen erlaubt, auf kognitive Spiele, Kunst und Zeichnen, Musikinstrumente sowie Fotos und Videos zuzugreifen – ganz ähnlich wie Menschen es auch tun. Dies ist nicht nur förderlich für ihre Gesundheit, sondern hilft auch dabei, die Zoobesucher über die Bedürfnisse und die Intelligenz der Tiere aufzuklären und schafft Möglichkeiten, mit ihnen zu interagieren und ein Bewusstsein für Arterhaltung zu fördern. Die Technologie kann auch jenen Tieren helfen, die mehr als visuelle Reize benötigen. Ein Projekt, das von Adrian Cheok vom Imagineering Institute in Malaysia geleitet wird, versucht, für das körperliche Wohlbefinden von Tieren zu sorgen, die oft in gesundheitlich schlechtem Zustand sind: Die Rede ist von Hühnern. Hühner sind kognitiv und emotional hochsensibel und profitieren damit sehr von körperlichem Kontakt, der in der modernen Großanlagen-Haltung nicht möglich ist.

Virtuelle Streicheleinheiten

Um künstlich die physische Interaktion zwischen Hühnern und ihren Züchtern nachzustellen, haben die Forscher eine Hühner-Jacke entworfen, die es dem Halter ermöglicht, dem Huhn, das die Jacke gerade trägt, eine virtuelle Streicheleinheit zu geben. Wenn der Halter ein berührungsempfindliches Hühner-Modell streichelt, dann wird via Internet ein Signal an die Hühnerjacke übertragen, die das Gefühl, gestreichelt zu werden, an das Huhn überträgt. Alle diese Geräte mögen wie komplette Neuerfindungen klingen. Oft lachen die Leute, wenn sie von Tier-Technologie hören und geben zu bedenken, dass Tiere ja gar nicht tippen können. Nun, viele Leute können das auch nicht – und trotzdem hält es sie nicht davon ab, die entsprechenden Technologien zu benutzen. Warum also sollten Tiere davon abgehalten werden? Diesen Technologien sind ein ernsthaftes Bestreben, das Wohlergehen der Tiere zu verbessern, die in einer Welt leben, in der sie oft in kleinen, begrenzten Räumen mit wenigen Reizen gehalten werden, anstatt sich frei in ihrem natürlichen Lebensraum bewegen zu können. Die Entwicklung von Technologien für Tiere ist ein Prozess, in dem die Technologie an die Kommunikation und Verhaltensreaktionen der Tiere angepasst wird. Auf diese Weise können auch neue Wege für die wissenschaftliche Erforschung des Verhaltens, der Intelligenz und Kognition der Tiere geebnet werden. Durch die Entwicklung digitaler Spiele für Tiere können wir beispielsweise ihren Verstand testen und so mehr darüber lernen, wie Einflüsse aus der Umgebung sich auf ihre Art zu denken auswirken. Durch Tier-Technologie können wir Tiere verstehen lernen, mit ihnen spielen, kommunizieren und uns ihres Daseins erfreuen – und zwar auf eine nie dagewesene Art und Weise. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Caught Surfin Flickr” by Derek Gavey (CC BY 2.0)


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Ilyena Hirskyj-Douglas

Ilyena Hirskyj-Douglas

ist Computer-Interaktions- Forscherin für Hunde an der Universität Central Lancashire in Preston. Ihre aktuelle Forschung hat eine neue Studie eingeführt, die Bilderkennungs-Algorithmen nutzt, um die Blicke eines Hundes über den Bildschirm zu untersuchen. Regelmäßig bloggt sie über die Hund-Computer-Interaktion und gibt zudem Workshops und Infoveranstaltungen im Bereich des Tierverhaltens.

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