Chris Barton über die Vergangenheit und Zukunft von Shazam

Auf dem Berliner Tech Open Air (TOA) sprach Shazam-Mitgründer Chris Barton mit den Netzpiloten über die Vergangenheit und Zukunft der beliebten App.

Shazam-Mitgründer Chris Barton auf dem TOA Berlin (Image: Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

Nur wenige Wochen nachdem ich Shazam-Mitgründer Philip Inghelbrecht zu einem Interview auf der Heureka getroffen habe, sitzt mir mit Chris Barton auf dem diesjährigen Tech Open Air Berlin der nächste aus dem Gründerteam gegenüber (Avery Wang und Dhiraj Mukherjee, Ihr seid die nächsten!) und spricht mit mir beim Spaziergang am Stralauer Spreeufer über die Anfänge des Unternehmen, das Potential von Shazam und wohin seiner Meinung nach die Reise noch gehen kann. Besonders interessant sind die doch sehr unterschiedlichen Antworten auf die Fragen, die ich beiden Mitgründern gestellt habe.

Tobias Schwarz (TS): Eine Sache interessiert mich ganz besonders: Wer nutzt Shazam? Ich denke nämlich, dass ich ein Vielnutzer bin, aber als ich meine Freunde und meine Familie gefragt habe, kannten sie die App gar nicht. Das hat mich überrascht. Wer ist der typische Shazam-Nutzer?

Chris Barton (CB): Das ist ein weites Spektrum, aber eines haben sie alle gemeinsam: sie mögen Musik. Viele Leute mögen Musik, besitzen Smartphones und wollen neue Musik entdecken. Ich denke, das sind die drei Gemeinsamkeiten. Die Leute, die Shazam nicht brauchen sind die, die bereits eine Musiksammlung haben. Sie suchen nicht nach neuer Musik, vielleicht mögen sie nur Klassik und hören das auch nicht so oft in der Öffentlichkeit. Das wäre ein Beispiel für jemanden, der Shazam nicht so oft nutzt.

Aber die Leute, die neue Musik entdecken wollen, nutzen Shazam sehr gern. Die App ist weit verbreitet und erreicht viele Leute. Ich glaube, mittlerweile sind es über 600 Millionen Downloads. Sicherlich sind es nicht 100 Prozent der Leute, die Shazam nutzen, sogar Twitter wird nur von einem Drittel der Smartphone-Nutzer genutzt. Vielleicht befinden wir uns in der Nähe von Twitter, was die Nutzerzahlen angeht. Und die Nutzer sind alle möglichen Leute jeden Alters aus den verschiedensten Ländern.

TS: Ich habe vor Kurzem Ihrem Mitgründer Philip Inghelbrecht eine Sache gefragt: Wie war das vor 15 Jahren, als Sie mit Shazam angefangen haben, und wie kann man das mit heute vergleichen? Was würden Sie anders machen? Bevor das iPhone erfunden wurde, konnten Sie ja noch nicht wissen, dass man sich auf mobiles Internet verlagern würde. Das gab es da noch gar nicht. Wie war es so als Startup im Jahr 2000?

CB: Das war eine ziemliche Herausforderung damals. Wir mussten Geld heran bekommen und unsere Bank hat im August 2001 seine Pforten geschlossen. Die Welt damals brach zusammen, die Internetblase war geplatzt, Investoren wollten nicht mehr investieren. Da war alles ziemlich schwierig. Man musste viel härter arbeiten, um seinen Traum zu verwirklichen. Die Welt der Mobiltelefone war auch noch ziemlich unterentwickelt. Es gab keine Apps und die Leute haben noch nicht einmal das Konzept verstanden, dass man daraus ein Geschäftsmodell machen kann. Es gab damals nicht den Anspruch auf “mobile first”.

Interessanterweise war Shazam vom ersten Tag an “mobile first”, weil es von Beginn an auf Handys ausgelegt war. Interessant war, wie sich die Industrie dazu positionierte, welche Telefone die Leute nutzen, und auch die finanzielle Umgebung. Wir hatten eine Vision, einen Traum und wir haben darauf beharrt, dass er wahr werden kann, egal, wie groß die Herausforderungen sein mochten.

TS: Startups haben oft Probleme, gute Mitarbeiter zu finden. Wie war das um 2000 herum? Haben Sie nach einem App-Entwickler gesucht?

CB: Nein, haben wir nicht. Wir wussten gar nicht, was das sein könnte. Wir haben Ingenieure angestellt und ich weiß noch, dass einer davon sich mit Sprachsteuerung auskannte. Wir haben unser eigenes kleines Google gebaut, eine Reihe von PCs, die sich durch jede Menge Datenspeicher wühlten, um ein bestimmtes Lied an seinen Merkmalen zu erkennen. Wir haben also Leute angestellt, die diese Software bauen konnten. Die Infrastruktur dazu wurde von Hardware-Ingenieuren erstellt. Wir hatten auch schon ein paar Marketingleute.

Wir waren ein kleines Team, vielleicht insgesamt 30 Arbeiter. Wir mussten auch erst einmal herausfinden, wie man in London am besten Leute finden kann. Was uns zugute kam, war das Ende all der anderen Dot-Com-Unternehmen. Auf einmal waren die Leute wieder frei. Es war kein besonders umkämpftes Feld damals für so kleine Firmen wie unsere. Damals gab es keine Zeiten des Booms.

TS: Vor fünf oder sechs Jahren wurde es normal, dass jeder ein Smartphone hatte. Da ging es bei Shazam um Musik. Jetzt sehe ich aber sehr oft Ihr Logo im Fernsehen, wenn ich Werbung sehe. Es bezieht sich auf die Musik, aber eher darauf, Sound zu erkennen. Wie verändert dies das Unternehmen? Bewegen Sie sich weg von der Musik und eher in die Richtung, alle möglichen Geräusche einer Umgebung zu speichern?

CB: Das ist eine gute Zusammenfassung unserer Arbeit. Wir haben verstanden, dass unser Kerngeschäft die Musik ist und wir werden davon nicht abweichen. Die meisten Menschen setzen noch immer auf Musik und identifizieren sich mit ihr. Für unsere Nutzer ist das sehr wichtig. Aber als wir weiter gewachsen sind, konnten wir in neue Bereiche investieren und uns dort umschauen. Wir versuchen, das grundlegende Kapital, welches Shazam hat, auszunutzen: Wiedererkennung. Viele Leute verstehen, was Shazam ist, aber noch nicht alle. Manche Leute haben schon die App auf ihrem Telefon, sie wissen, wie man damit umgeht, wie man was findet und verstehen, was passiert.

Wenn man auf den Knopf drückt, findet es etwas für einen. Also nehmen wir diesen Wert und sagen “Wow, was wäre, wenn man damit auch Leute mit anderen Dingen als Musik verbinden kann? Wie wäre es mit verschiedenen Arten von Werbung?“ Das ist natürlich kein Vorschlag der Kunden, sie sagen nicht “Ja, ich will sehr gern mehr Werbung bekommen“, aber es ist ein ganz gutes Anwendungsbeispiel. Das wird wahrscheinlich nur zu wenigen Zeitpunkten stattfinden, kann aber wichtig für die Einnahmen sein.

Ich vergleiche das mal mit Google. Ich treffe oft Leute, die sagen: “Was ist mit der ganzen Google-Werbung? Ich klicke nie drauf, sondern nutze Google nur als Suchmaschine.” Und ich sage “Toll! Aber jemand klickt durchaus darauf, denn Google verdient 40 Milliarden US-Dollar im Jahr.” Das ist nur ein kleiner Teil von Menschen, die nur selten darauf klicken, aber manche Leute klicken auf eine Werbung, weil sie wirklich etwas kaufen wollen.

Ich glaube, bei Shazam werden die meisten Leute das nicht tun, aber manchmal reagieren sie vielleicht auf eine Werbung oder verknüpfen sich mit ihr, vielleicht auch offline, als Printanzeige in der Zeitung, als TV-Werbung oder im Radio. Und Sie denken: “Oh, das interessiert mich, ich shazamme es mal.” Und Sie kriegen Ihre Infos auch direkt aufs Handy. Also hat man eine Werbung, die offline war, in ein mobilgesteuertes Erlebnis verwandelt.

TS: Eine Sache die mich fasziniert ist, dass Ihnen der Schritt von der Telefon/Web-App zur Smartphone-App gelungen ist. Im App-Store ist die App immer ganz weit oben. War das schwer, mussten Sie besonders weit denken, um so erfolgreich zu sein? Oder war es ganz natürlich, so weiterzumachen? Ich meine, ich habe es schon vorher angesprochen, es gab kein mobiles Internet, aber Sie haben daran mitgewirkt, dass es ein nichtmobiles Ökosystem gibt.

CB: Es gab durchaus Telefone, aber keine Apps.

TS: Aber war das einfach eine alltägliche Idee, die man im Jahr 2000 hatte?

CB: Nein, absolut nicht.

TS: Und das ist genau meine Frage: Was macht Ihre Entscheidungen so besonders? Wieso hatten Sie die Idee und nicht jemand anders?

CB: In den frühen Tagen von Shazam habe ich ein Brainstorming veranstaltet, das war so um 1999 herum. Es gab keine Smartphone-App und man ahnte nicht einmal, dass es sie eines Tages geben würde. Das iPhone war noch sieben Jahre entfernt. Ich wusste, dass jeder ein Handy hatte, ich wusste, dass das Internet sehr beliebt war, sich damit ein Geschäft aufbauen ließ, wie bei Firmen wie Amazon, Verizon und so weiter.

Ich dachte mir, es muss einen Weg geben, um mit all diesen Handybesitzern in Kontakt zu treten. Im Moment telefonieren sie nur damit und schicken SMS. Da muss es eine Geschäftsidee geben, also, was wollen wir machen? Die Leute kommunizieren. Es gab nur wenige Informationen, man kennt vielleicht den Nachrichtenservice in England unter der 102, in Amerika ist es glaube ich 411. Meistens nannten es alle aber nur Auskunft. Man zahlt ungefähr einen Dollar und findet jemandes Telefonnummer heraus, solche Beispiele waren das. Es gab nur wenige Services für SMS-Verkehr, zum Beispiel für Fußballspiele. Ich habe jedes Mal eine SMS bekommen, wenn mein Team ein Tor gemacht hat.

Diese Konzepte gab es also schon früher, und ich dachte mir, es wäre eine unglaubliche Fülle an Möglichkeiten, die einen zwingt, es jedem mit Handy anzubieten, sogar in einer Welt ohne Apps. Und ich dachte, was kann das sein? Und das Konzept von Shazam ergab sich daraus, das Konzept der Wiedererkennung. Ich dachte, wenn ich einen Song nur durch den Sound identifizieren kann, der durch das Telefon mit dem Mikrofon ausgegeben wird, dann kann das richtig nützlich sein und gleichzeitig sehr beliebt werden.

TS: Ähnliche Dienste des mobilen Internets, wie beispielsweise Messenger, kooperieren immer mehr mit den Medien, die hier neue Distributionskanäle vermuten. Haben die Verleger schon mit Ihnen über neue Ideen gesprochen, Shazam zu nutzen?

CS: Shazam baut gerade eine Plattform, die alle möglichen Offlinemedien erlaubt – das schließt Werbung mit ein, aber auch Inhalte –, eine Verbindung zu den Leuten über ihre Telefone aufzubauen. Das funktioniert so: Wenn zum Beispiel ein Magazin mit Shazam arbeiten möchte und seine Artikel für Shazam bereitstellen will, kann jeder, der Shazam nutzt, den Artikel finden, denn es gibt auch eine Funktion bei Shazam, mit der man Artikel erkennen kann.

TS: Sie haben jetzt auch einen QR-Code-Scanner, richtig?

CB: Wir nutzen QR, könnten aber auch sichtbare Wasserzeichen benutzen. Wir erkennen die wieder, man hat sofort ein mobiles Erlebnis und der Ersteller der Inhalte und der Werbende können es dann kuratieren und verwalten. Besonders bei der Webseite von Shazam können sie dann sagen: “Wir wollen, dass die Nutzer die Seite sehen, sie sollen diese Formulare ausfüllen, und so weiter, und hier kaufen.”

TS: Als Medienunternehmen kann ich also einfach mein Unternehmen auf der Shazam-Plattform eintragen, um Ihre Technik zu nutzen?

CB: Ja. Man muss seine Inhalte shazambar machen, also für Shazam bereitstellen, wie beispielsweise Shazam-Logos auf Ihr Material bringen und so weiter. Man muss es wiedererkennen können, es wird auch für andere Sachen verwendet. Die Geschäfte haben ihre Etiketten an ihrer Ware und haben sie shazambar gemacht, man kann im Geschäft bleiben und das Geschäft shazammen, um die Infos zu bekommen, die Shazam auch über das Geschäft hat und Shazam benutzt die Etiketten zur Identifikation.

Die Werbung und die Inhalte im Radio können auch shazambar gemacht werden. Jetzt haben diese Unternehmen ziemlich viel Erfahrung gesammelt und sie können sagen, wenn jemand ihr Produkt mit ihrem Etikett shazamt, das sichtbare Wasserzeichen hat, egal worum es sich handelt, dann ist es das, von dem ich möchte, dass die Nutzer es sehen, wenn sie Shazam nutzen. Sie müssen es selbst aufrufen. Man würde beispielsweise in der Fernsehwerbung oder im Radio aufgefordert werden, etwas mit Shazam zu suchen, um mehr Informationen zu bekommen, oder in der Zeitung, um an bestimmte Studien heranzukommen. Dann gibt es eine Landingpage, auf die man geleitet wird. Das sind noch die ersten Schritte, es ist noch kein eigenständiges System wie Google.

Eines Tages wird es bei Google möglich sein, eine Werbung zu bauen, ohne dass man überhaupt zu seinem Telefon greifen muss. So ist es bei uns nicht. Shazam arbeitet mehr auf der Basis der gegenseitigen Absprache. All diese Werber und Verantwortlichen aus Radio, Fernsehen, Print und so weiter sind Partner von Shazam. Später wollen wir unsere Reichweite vergrößern und ein selbständiges System erstellen. Dann kann man sagen: “Ich werde dieses und jenes für Shazam bereitstellen und ich nehme entweder ein Etikett, ein Wasserzeichen, oder irgendetwas anderes und das ergibt dann das, was die Leute sehen wollen.”

TS: Last but not least: Was habe ich vergessen zu fragen? Worüber möchten Sie gern einmal sprechen?

CB: Witzig, dass Sie das sagen. Mein Mitbegründer Philip Inghelbrecht sagte, das wäre seine liebste Frage gewesen. Er beendet jedes Meeting mit dieser Frage. Das ist eine tolle Möglichkeit, um herauszufinden, an was man nicht gedacht hat, und jemand möchte unbedingt davon erzählen.

Shazam macht den Leuten Spaß. Ich denke, Shazam kann noch viel mehr, es kann Musik wiedererkennen und dies kann man nutzen, beispielsweise kann man dies in Playlists einbauen. Bei Spotify wird das bereits gemacht, man kann einen Song über Shazam suchen und auf seine Spotify-Playlist stellen. Ich fände es toll, wenn Shazam das bei jeder Playlist kann, völlig egal, ob sie nun bei Spotify, Deezer oder Apple Music ist. Eines Tages wird es einen derart großen Servicebereich geben und in den verschiedenen Ländern wird das alles unterschiedlich laufen, dass Shazam dafür genutzt werden sollte, wie man seine Playlists ordnet. Man nutzt dann einfach Shazam für alles.

Das Management der Playlists ist etwas, das ich mir für Shazam gut vorstellen kann. Das ist sehr nützlich für die Nutzer, vor allem in einer Welt, in der unsere gesamte Musik in der Cloud ist. Wie mache ich es also mit meiner Musik? Ich kann natürlich nicht alle 30 Millionen Songs hören, ich muss irgendwie auswählen. Eine offensichtliche Möglichkeit ist die, dass jemand für mich aussucht, welche Playlist ich benutze. Spotify empfiehlt mir ein paar Playlists, das ist aber eher wie beim Radio, wo man nur das hört, was andere für einen bestimmt haben.

Das Interessante ist, dass es auf Abruf geschehen kann, wo man selbst aussuchen kann, was man sich anhört. Man muss sich nur irgendwie entscheiden. Man muss dann sagen können “Ich will diesen und jenen Song hören”, das klappt am besten mit Shazam, wo man zusätzlich inspiriert wird, einen Song immer und immer wieder zu hören. Ich würde gern erleben, dass sich Shazam in solch eine Richtung entwickelt.

TS: Vielen Dank für das Interview!


Teaser & Image by Tobias Schwarz/Netzpiloten (CC BY 4.0)


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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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