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Tinder: Die Flirt-App, die deinen Daten schöne Augen macht

Eine ziemlich simpel gestrickte Smartphone-Anwendung namens Tinder hilft Nutzern auch im deutschsprachigen Raum beim Aufreißen – und saugt Nutzerdaten Richtung USA. // von Jakob Steinschaden (aktualisiert am 23.01.2015)

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Dating, Flirten, Quickies – das Thema Sex ist auch nach tausend und einer Single-Plattform so heiß, dass man eine kleine App wie Tinder schnell groß machen kann. Reduziert aufs Wesentliche, kann man mit der kostenlosen Smartphone-Anwendung schnell und einfach Flirt-Willige in der eigenen Umgebung finden. Doch Tinder möchte nicht nur eine reine Dating-App bleiben, sondern feilt bereits daran sich zur „Social Discovery App“ zu entwickeln.


Warum ist das wichtig? Mit mehr als 50 Millionen Nutzern und einer Milliarde Swipes gehört Tinder zu den beliebtesten Dating-Apps. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht.

  • Die kostenlose App Tinder ist vor allem wegen der einfachen Handhabe beliebt und erlaubt die Flirt-Partner-Suche nach Geschlecht, Alter und Aufenthaltsort.

  • Tinder möchte nicht mehr nur eine reine Dating-App bleiben, sondern will sich zur „Social Discovery App“ entwickeln.

  • Tinder geht nicht sonderlich zimperlich mit den Nutzerdaten um. Mit dem ersten Login tritt man fast sämtliche Rechte ab.


Der digitale Flirt

„Googeln“, „twittern“ und „facebooken“ haben es sich schon länger im Deutschen gemütlich gemacht, und jetzt schickt sich ein neues Zeitwort an, sich in unserer Alltagssprache festzusetzen: “tindern”. Dieses Wort benutzen bereits einige junge Menschen in Deutschland und Österreich, wenn sie am Smartphone nach einem schnellen Flirt suchen. Die passende App dazu heißt logischerweise Tinder und ist kostenlos für iPhone und Android erhältlich. Sie funktioniert denkbar einfach und ist genau deswegen so raffiniert: Man loggt sich per Facebook ein (eine andere Möglichkeit gibt es nicht), überträgt damit Daten wie Name, Profilbild, Alter Geschlecht und Interessen („Likes“) in die App, gibt an, an welchem Geschlecht (ja, Tinder funktioniert anders als “Bang with Friends” auch für Homosexuelle), welcher Altersgruppe und welchem Aufenthaltsort (z.B. 22 bis 30-Jährige im Umkreis von 20 Kilometern) man interessiert ist, und los geht´s. Tinder präsentiert nach wenigen Sekunden das erste Mitgliederprofil, das den angegebenen Kriterien entspricht.

Tinder-Moments

Der digitale Flirt kann aber nur dann beginnen, wenn beide Tinder-Nutzer gegenseitiges Interesse bekunden. Und das geht so: Die App lässt den Nutzer durch eine schier endlose Reihe an Profilen blättern und diese positiv („Liked“) oder negativ („Nope“) bewerten, indem man das präsentierte Profilbild dazu am Touchscreen einfach nach links („Nope“) oder rechts („Liked“) wischt. Wenn Tinder nun zwei Nutzer findet, die sich gegenseitig liken (ein so genannter „double opt-in“), dann poppt ein „It´s a Match!“ am Bildschirm auf, und erst jetzt können sie ihren Flirt per Direktnachrichten beginnen. Was sich die User da so schreiben, kann man auf Tumblr-Blogs wie „Teach Me Hot To Tinder„, „How To Lose A Guy In One Tinder“ oder „Tinderlove“ nachlesen.

Das Raffinierte an Tinder ist, dass die Flirtpartner-Suche in wenigen Augenblicken startklar ist – langwieriges Ausfüllen von Interessensprofilen wie bei anderen Portalen gibt es hier nicht. Alles ist auf eine möglichst spartanische Mobile-Experience getrimmt. Wer unbedingt will, kann sein Profil noch mit bis zu sechs Fotos und einen maximal 500 Zeichen langen Text aufpolieren. Verboten ist es aus Sicherheitsgründen übrigens, Nachnamen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen oder Postadressen anzugeben. Interessen (= Facebook-Likes) bekommen die anderen Nutzer nur zu sehen, wenn sich die „Gefällt mir“-Angaben mit ihren eigenen decken. Insgesamt geht es bei Tinder somit sehr stark um Äußerlichkeiten – wenn das Profil nicht gefällt, wird es von den Nutzern sofort weggewischt.

Nicht nur eine Dating-Plattform

Dies soll sich nun aber ändern, wenn es nach den Entwicklern von Tinder geht, denn soll Tinder nicht länger eine reine Dating-Plattform bleiben, sondern zur „Social Discovery App“ werden. So sollen in Zukunft auch andere Nutzergruppen außerhalb des Datingbereichs angesprochen werden, die mit Tinder nur neue Leute kennenlernen möchten und nicht auf der Suche nach einem neuen Flirt sind. Dafür wurde erst vor wenigen Tagen das Unternehmen hinter der Foto-Messenger-App Tappy gekauft, welche ähnlich wie Snapchat funktioniert und die Verwendungsmöglichkeiten von Tinder erweitern könnte.

Auch wenn Tinder damit weg vom Image einer reinen Dating-Plattform möchte, hat das Unternehmen im November letzten Jahres mit dem „Tinder Plus„-  die Möglichkeit eingeführt, den letzten Swipe rückgängig zu machen. Des Weiteren kann man nun manuell nach „Matches“ suchen, sodass man nun auch aus dem Urlaub aus „tindern“ kann. Einziger Haken daran: Tinder Plus ist nicht kostenlos, denn Tinder möchte vorerst mit In-App Transaktionen sowie über andere unkonventionelle Wege Geld verdienen. Werbung scheint hingegen aktuell noch keine wichtige Rolle zu spielen, da der Fokus aktuell auf ein weiteres Wachstum liegt und erst später monetarisiert werden soll. Somit klingt Tinder klingt auf den ersten Blick wie eine benutzerfreundliche, im Trend liegende Dating-App mit noch einem großen Potenzial. 

Aus Liebe zu Nutzerdaten?

Liest man sich auf den zweiten Blick jedoch die Nutzungsbedingungen des App-Anbieters aus West Hollywood durch, wird schnell klar, dass Tinder bei weitem nicht so benutzerfreundlich ist, wie es vorgibt. Tinder behält sich vor, Background-Checks der Nutzer zu machen (z.B. Abgleich mit Datenbanken zu Sexualstraftätern) und sämtlichen Content (also auch die Direktnachrichten) überwachen zu können. Auch Copyright-Probleme (z.B. wenn Nutzer urheberrechtlich geschützte Fotos hochladen) schwanen dem Unternehmen, das deshalb sogar angibt, einen eigenen Copyright-Agenten zu beschäftigen. Die Macher weisen auch jegliche Verwantwortung von sich, sollte ein Nutzer im Zuge von Offline-Treffen zu Schaden kommen (physisch oder emotional). 

Selbst geht das Unternehmen nicht zimperlich mit den Nutzerdaten um. Denn diese geben Tinder und seinen Mutter- und Tochterunternehmen (dazu unten mehr) mit dem ersten Login das weltweite, unbefristete, unwiderrufliche, nicht-exklusive und gebührenfreie Lizenzrecht, den eigenen Content (also in erster Linie die Fotos, aber auch persönliche Daten wie Alter, Name, Geschlecht und Wohnort) zu kopieren, zu übertragen, zu verbreiten, öffentlich aufzuführen und in künftigen Web-Diensten anzuzeigen und von den Inhalten Derivate erstellen zu dürfen. Tinder räumt sich also im Prinzip die gleichen Rechte für den Nutzer-Content ein wie die Facebook-Tochter Instagram, die genau dafür scharf kritisiert wurde, weil Nutzer Angst hatten, dass die Foto-App ihre Bilder verkaufen würde.

Außerdem erlaubt sich Tinder, die Nutzerdaten an Werbeunternehmen und Analyse-Firmen weiterzugeben. Erst vor kurzem hat sich dafür Gillette mit Tinder zusammengetan, um die Theory zu testen, ob ungepflegtes Haar weniger attraktiv ist, als gepflegtes Haar. Wer die App verwendet, muss sich außerdem darauf gefasst machen, dass die ID-Nummer des eigenen Smartphones, das Nutzungsverhalten (Zeit, Klicks etc.), GPS-Koordinaten und natürlich die persönlichen Informationen auf Servern in den USA gespeichert werden und damit bekannterweise einfach von der NSA durchsucht werden können.

Die eigenen Daten können aber nicht nur zur NSA, sondern auch zum Mehrheitseigentümer von Tinder fließen – die New Yorker Internet-Firma IAC/InterActiveCorp. Dieser gehören neben Vimeo und CollegeHumor vor allem die Daten-Portale Match.com, Meetic, OkCupid, Chemistry.com und PeopleMedia. Tinder ist also nicht unbedingt ein kleines, cooles Startup, sondern kann sich wohl mit Hilfe des Know-how des Eigentümers derzeit gegen Konkurrenten wie HotorNot oder Badoo durchsetzen. Dies bezeugt auch der steile Wachstumskurs des Unternehemens. Momentan nutzen mehr als 50 Millionen Nutzer Tinder, die jeden Tag mehr als eine Milliarde Swipes sowie 12 Milionen Matches generieren. 

Aktualisiert am 23.01.2015 von Lukas Menzel


Teaser & Image by Tinder


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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