Time is Money? Über Achtsamkeit und #digitaldetox in Zeiten der Selbstoptimierung

Neues Jahr, neues Glück: Alljährlich nehmen wir uns vor, im neuen Jahr jetzt aber wirklich mal all die guten Vorsätze auszuführen, um die wir uns im Vorjahr schon so erfolgreich herumgemogelt haben: Mehr Sport, bessere Ernährung, endlich mehr Lesen, weniger Zeit im Internet verplempern.

Aber Hand aufs Herz: Im stressigen Alltag fällt es nicht leicht, diese Vorsätze auch wirklich einzuhalten. Die Fitnessstudios sind zwar im Januar noch gut besetzt, doch bis Mitte Februar dünnt sich die Besucherzahl erfahrungsgemäß aus und der Schweinehund übernimmt wieder das Ruder. Der Bücherstapel der ungelesenen Werke auf dem Nachttisch wächst, und dass die Feiertage im vergangenen Jahr ausgerechnet an den Wochenenden stattfanden, hat auch nicht unbedingt zur Entspannung beigetragen, seufzen wir.

Es gibt für alles eine App

Denn nicht nur Gründer leiden zunehmend unter Stresssymptomen und Burnout, sondern eigentlich leidet jeder, den ich kenne, derzeit – oder eigentlich immer – unter Stress. Und Stress macht krank, egal, was der Neoliberalismus und der protestantische Arbeitsethos versuchen, uns einzuhämmern. Daher passt es perfekt in den Zeitgeist, dass wir uns dem neuesten Trend der Achtsamkeit zuwenden. Endlich den Stress hinter sich lassen und die Welt bewusster wahrnehmen, endlich sich und seinem Körper geben, was ihm gut tut – das klingt doch wirklich vielversprechend! Und natürlich gibt es auch hier jede Menge (natürlich käuflicher) Möglichkeiten, zu sich selbst zu finden: Es gibt jede Menge personalisierte und teamorientierte Organisations-Tools. Mit Apps wie Headspace haben wir unsere tägliche Dosis Meditation in der Tasche, Youtube-Channel erklären uns, wie wir noch schneller noch fitter, schlauer, schöner und entspannter werden können.

Wenn uns die ganze Bildschirmzeit auf den Wecker fällt, können wir mit einer automatischen Abschalt-App für mehr Offline-Zeit für uns sorgen (Die Ironie ist uns dabei natürlich bewusst) und endlich den #digitaldetox durchführen, den wir schon so lange planen. Die Tatsache, dass es einen Hashtag über dieses angeblich so analoge Thema gibt, sollte uns da allerdings etwas misstrauisch machen

Soll es doch mal analoger zugehen, helfen uns aufwendig gestaltete Planer dabei, den Tag in seiner bestmöglichen Weise Revue passieren zu lassen, oder wir versinken in Malbüchern für Erwachsene, während wir Motto-Tees (‚Ruhe und Entspannung‘) trinken und auf Entspannung hinarbeiten. Und eben das ist das Problem.

Wir müssen wieder Zeit haben lernen

Vielleicht tue ich den vielen Achtsamkeits-Projekten Unrecht, vielleicht wollen sie wirklich nur unser Bestes. Aber in Zeiten der Selbstoptimierung bleibt das Offensichtliche, das eigentlich eine Binsenweisheit ist, im Raum bestehen: Durch Erledigungs-Apps und To-Do-Listen haben wir am Ende nicht mehr Zeit als vorher, sondern packen sie uns einfach noch mehr mit Aufgaben voll. Aber was können wir tun? Einfach den Computer auslassen geht schließlich auch nicht, es warten Termine, Aufgaben, Mails. Und schon ist man wieder drin im Hamsterrad.

Vielleicht können wir ein wenig Achtsamkeit walten lassen, wenn wir in Zukunft lieber zwei Mal hinschauen und überdenken, für wen und was wir uns da gerade optimieren wollen, und zu welchem Preis. Denn jenseits von den pseudophilosophischen Instagram-Sprüchen und YOLO-Späßchen stimmt es ja leider doch: Jeder Tag ist ein Tag weniger vom Rest unseres Lebens – und den sollten wir nutzen, indem wir möglichst zufrieden durch unser Leben gehen.

Ein diktatorisches Zeitmanagement ist hier nicht die Lösung, da es uns nur wieder unter Stress setzt, möglichst viel davon ’sinnvoll‘ zu nutzen. Der Zeitforscher Karlheinz Geißler betont immer wieder die „Diktatur der Uhr“, denn die Uhr ist – im Gegensatz zur Zeit an sich – das eigentliche Problem.

Wir sollten versuchen, zu verlernen, alles messen, tracken und effizient ausüben zu wollen, das ist vielleicht die ehrlichste Form der Achtsamkeit. Wie man das macht, erkläert Geißler im nachfolgenden Video. Ein kleiner Aufruf an dieser Stelle: Nehmt euch die Zeit, dieses Video in Ruhe anzuschauen. Ich verspreche euch: Es lohnt sich! Und zwar ganz ohne Mehrwert, sondern nur für euch.


Image (adapted) „Stress“ by bottled_void (CC BY 2.0)


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hörspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen möglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt bei Die Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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