tilojung_teaser

Tilo Jung ganz unnaiv: „Man kann mit Journalismus Geld verdienen!“

Im Interview mit den Netzpiloten spricht der Creator von Jung&Naiv – Tilo Jung – über die Motivation für sein zweites Crowdfunding-Projekt: Eine Reise durch Europa. // von Gina Schad

tilojung_image

Der Journalist Tilo Jung ist mit seinem Interview-Format Jung&Naiv bereits seit einem Jahr erfolgreich. Erst in den letzten Wochen hat er aus der Ukraine berichtet und möchte nun im Rahmen der Wahlen zum Europäischen Parlament verschiedene Länder in Europa bereisen. Die Sicht auf Europa nur durch die deutsche Brille erscheint ihm zu eng und zu einseitig. Um seine journalistische Unabhängigkeit zu wahren, wagt er ein weiteres Crowdfunding-Projekt. Wird er sein angepeiltes Budget erreichen und auch diesmal erfolgreich sein?

Gina Schad: Wir sprechen über dein 2. Crowdfunding-Projekt. Was ist bei diesem Projekt anders, was ist neu?

Tilo Jung: In diesem Jahr ist eine Menge passiert. Das kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken. Bei unserem ersten Projekt hatten wir schon einige Folgen gedreht, bevor wir mit dem Crowdfunding gestartet sind. Die Folgen sind dann nach und nach deutlich besser geworden. Irgendwann wurden auch die Medien auf unser Format aufmerksam, und wir sind im Fernsehen gelandet. Aktuell sind wir bei dem kleinen Sender joiz und können von „Jung & Naiv“ leben. Unser wichtiges Ziel dabei: Wir wollen mit unserem Projekt unabhängig bleiben. Das ist eine unserer wichtigsten Prioritäten: die redaktionelle Hoheit. Ansonsten haben wir gute Erfahrungen gemacht, mit unserem minimalistischen Stil.

Das neue Crowdfunding hat im Vergleich zum letzten wirklich „Projektcharakter“. Wir wollen durch Europa reisen und die Welt der EU erkunden. Mal gucken, was dabei herauskommt.

Du hast dich für eine Crowdfunding-Summe von 15.000 Euro entschieden. Macht ihr den Trip auch, wenn 5.000 Euro fehlen?

Nee. Also wir waren vor drei Wochen in der Ukraine. Das war quasi ein Test für die geplante Tour. Den Road Trip durch die Ukraine haben wir aus eigener Tasche bezahlt, das können wir jedoch nicht auf Europa ausweiten. Die einzige Möglichkeit ist für uns daher Crowdfunding. (Und ich fand die Idee, ein Jahr nach dem ersten Projekt wieder die Crowd um Unterstützung zu bitten, irgendwie richtig. Ich bin überzeugt: Das bringt auch die Sendung weiter.)

Zudem bräuchten wir eigentlich noch mehr Geld. Die 15.000 Euro gehen ja schon alleine dafür drauf, dass wir durch die Gegend fahren wollen. Für Unterkunft, für Verpflegung, für Benzin, für Fixer und Übersetzer. Wahrscheinlich bräuchten wir eher 30.000 Euro, um die komplette Reise problemlos zu finanzieren. Das wäre deutlich stressfreier. Wir müssten dann nicht auf jeden Cent achten; so bleibt am Ende nichts übrig. Aber beim Crowdfunding braucht man eben eine Mindestsumme, die man erreichen möchte. Die Summe, die wir angegeben haben, ist auch keine utopische Summe. Es macht leider keinen Sinn, mit ein paar Tausend Euro weniger loszufahren.

Warum muss es gleich eine Reise durch ganz Europa sein?

Die Länder Europas sind sehr unterschiedlich. Wir werden natürlich nicht überall hinreisen können, klar. Aber wir wollen z.B. herausfinden, wie das damals in Griechenland war und es heute ist. Ich möchte auf jeden Fall die Länder, die in den letzten Jahren die europäische Politik bestimmt haben, bereisen. Ich möchte mir das vor Ort angucken. Ich möchte die Länder besuchen, die in den letzten Jahren von Deutschland in gewisser Weise abhängig waren.

Wir haben ja einen ziemlich verqueren Blick auf Europa. Auf einmal sind die Deutschen die Starken. Dazu kommt: Die Leute können teilweise auch mit dem Europabegriff nichts anfangen. Das möchte ich ändern.

Auf deiner Crowdfunding-Seite schreibst du darüber, dass ausländische Medien dich, anders als bei uns in Deutschland, nicht ignorieren. Warum sollte das so sein?

Ich bin erst einmal happy, dass es internationales Interesse an Jung & Naiv gibt. Am Ende haben wir Material und Filme aus der Ukraine mitgebracht, die anders sind als die üblichen Berichterstattungen, finde ich. Das Desinteresse hierzulande ärgert mich daher ein wenig. Aber gleichzeitig war es auch schön zu sehen, dass unser Projekt internationale Aufmerksamkeit gefunden hat. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass fast alle Videos aus der Ukraine nicht auf Deutsch waren.

Wie soll es mit Jung&Naiv weitergehen?

Ich möchte das Projekt weniger auf die politische Stimmungslage in Deutschland ausrichten. Ich finde, das Format hat eine internationale Komponente. Ich möchte gerne öfter um die Welt reisen, wenn es sich ergibt: Spontan z.B. nach Istanbul, wenn es dort brennt, oder spontan nach Brasilien. Warum nicht einfach zur WM fahren und den Fußball komplett ignorieren und sich mit dem Land befassen. Mit den Menschen reden. Wir leben schließlich in einer revolutionären Welt. Es brodelt gerade. Vielleicht müssen wir verstehen, wie die anderen fühlen, um zu verstehen, was passiert.

Am Anfang unseres Interviews hast du gefragt, was in diesem Jahr passiert ist. Wir haben es geschafft, keinen Einfluss zuzulassen. Mit dieser Freiheit ist die Sendung so gut geworden wie sie jetzt ist. Das war eigentlich das Wichtigste im letzten Jahr für uns: Dass man erfolgreich sein kann, ohne seine journalistische Hoheit abzugeben.
Und überhaupt: Man kann mit Journalismus kein Geld verdienen? Einfach mal die Augen öffnen! Es geht durchaus. Dieses branchenübergreifende Lamentieren, dass man kein Geld damit verdienen kann, ist meines Erachtens übertrieben. Man kann mit Journalismus Geld verdienen. Wir haben es ja geschafft, eine eigene Idee hochzuziehen. Und ich kann mir als Journalist keine besseren Arbeitsbedingungen vorstellen.


Teaser & Image by Tilo Jung (privat)


Schlagwörter: , , , , ,
Gina Schad

Gina Schad

hat Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin studiert. Ihre Masterarbeit hat sie zum Thema „Risiken und Chancen der Digitalisierung für Gesellschaft und Kultur“ verfasst. Derzeit forscht sie weiter zu den Themen Privatsphäre und Öffentlichkeit in der Digitalen Welt. Auf ihrem Blog medienfische bloggt sie über Menschen, Ideen und Netzkulturdings. Privat schreibt sie mit einem Stift auf Blätter, bei Twitter ist sie unter @achwieschade zu finden.

More Posts - Twitter - Google Plus