Check-Up Ireland: Im Nordwesten was Neues

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diesmal geht es nach Sligo.

Auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle gab es mal ein Lied „Wissenswertes über Erlangen“ von Foyer des Arts. Die Hitsingle fand sich auf dem Album mit dem tollen Namen „Von Bullerbü nach Babylon“. Fakt! So manch ein Leser fragt sich jetzt natürlich: „Ist der nun vollkommen durchgeknallt? Zu viel Guinness, oder was?“ Kein Grund zur Panik – der Song ist mir nur in den Sinn gekommen, als ich angefangen habe, mich mit dem Thema (oder der Stadt) für die neueste Ausgabe meiner Kolumne zu beschäftigen. Was gibt es also Wissenswertes über Sligo? Ich könnte mit meinem Wissen „protzen“, dass der Torwart des abstiegsbedrohten Fußballclubs Sligo Rovers den irischen Vornamen Michéal und den deutschen Nachnamen Schlingermann (Opa aus Duisburg) trägt, was aber nur wieder zu Fragen über Guinness führen würde. Stattdessen möchte ich davon berichten, dass nach Jahrzehnten, in denen Sligo von schmutzigen Fabriken und von der Pharmaindustrie geprägt wurde, es nun etwas Neues im Nordwesten gibt – digitale Startups.

Selten hat ein Coworking-Space so einen treffenden Namen gehabt wie diesen: „Building Block“. Und auch das Motto passt: „Move in. Move up.“ Firmen, die an einem Tisch im Erdgeschoss begonnen haben, setzen ihr Wachstum in den oberen Stockwerken fort. Zur Zeit beherbergt das Erdgeschoss 32 (demnächst 38) Fulltime-Desks und 7 Hotdesks. Im ersten Stock stehen 60 Desks und im zweiten Stock finden bis zu 80 Leute Platz. Noch wird der zweite Stock zwar nicht genutzt, was aber nur noch eine Frage der Zeit ist, denn Sligo hat Momentum. Viele junge, gut ausgebildete Fachkräfte, stemmen sich gegen den zuvor Jahrzehnte anhaltenden Trend der Auswanderung und versuchen ihr Glück in der Heimat.

Ein Beispiel ist Noel Dykes und sein Startup „Frankli“, das Software für das Personalwesen entwickelt. Nach Jahren, die er als Software Consultant in Neuseeland verbracht hatte, entschied sich Noel für die Heimat als Standort für sein eigenes Unternehmen. Und das aus mehreren Gründen: Niedrige Kosten (etwa im Vergleich zu Dublin, Cork oder Galway), kurze Wege, aber auch schöne Wege – die Stadt Sligo ist hübsch wenn es darum geht, sich mal kurz die Füße zu vertreten und eine kurze Autofahrt führt in malerische Landschaften in der umliegenden Grafschaft mit gleichem Namen.

Dass Noel nicht allein mit seinem Denken und Enthusiasmus ist, zeigen auch die monatlichen Startup Meetups in Sligo. Die Organisatoren der Meetups hatten festgestellt, dass es zwar eine gute Anzahl von Startups in Sligo gibt, es aber an Struktur und Networking mangelte. Mittlerweile tauscht man sich aus und lernt von Fehlern oder Errungenschaften – entweder von Nachbarn oder von Gästen, die nach Sligo kommen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und Tipps zu geben. Im Durchschnitt versammeln sich jetzt 30 Gründer bei den Meetups.

Auch das „North West Regional Assembly“ – kurz NWRA, das staatliche und EU-Fördergelder koordiniert – ist voll des Lobes über Institutionen wie den „Building Block“ oder Veranstaltungen wie die „Startup Meetups“. Die Region Sligo hat gerade den begehrten „Entrepreneurial Region Award“ der EU für 2018 gewonnen und man ist beim NWRA fest entschlossen, dies als weiteren Schub zu nutzen, um Innovation in der Region voranzutreiben. Die Infrastruktur der Region kann sich sehen lassen: Neben den privatwirtschaftlichen Elementen, die ich oben genannt habe, gibt es auch noch die Fachhochschule „IT Sligo“ und der von der staatlichen Wirtschaftsförderung IDA betriebenen Business Park in Finisklin und Ballina – wo das transatlantische Glasfaser-Kabel aus den USA irisches Licht erblickt – ist auch nicht weit.

Die besten Voraussetzungen sind also gegeben, um Tech-Startups, die nach dem Motto „Think globally, act locally“ handeln, eine Basis für eine Zukunft mit stetem Wachstum zu ermöglichen. Und wer weiß? Vielleicht wächst eines dieser digitalen Startups zum globalen Tech-Giganten, wird die Sligo Rovers finanziell unterstützen und am Ende dem „Moving up“ im „Building Block“ auch sportliche Höhenflüge in Sligo folgen lassen. Und beim Champions League Spiel gegen die Bayern lassen wir dann „Foyer des Arts“ singen.


Image (adapted) „CliffofMoher“ by weareaway (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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