Ein schweizer Verlag zieht seine Leserschaft jetzt mit 12-App an

Die schweizerische Mediengruppe Tamedia veröffentlicht mehr als 20 verschiedene Titel. Diese reichen von großformatigen Zeitungen bis hin zu einem alle drei Wochen erscheinenden Frauenmagazin. Auch wenn diese Publikationen über eine sehr unterschiedliche Leserschaft verfügen, versucht Tamedia jetzt, diese Leser in ihrer 12-App zusammenzuführen. Es handelt sich hierbei um eine deutschsprachige App, die gedruckte Geschichten aus den Publikationen der Firma sammelt und neu verpackt.

Die App stellt einen Versuch dar, eine jüngere Leserschaft, die dazu bereit ist, für digitale Inhalte zu bezahlen, aufzubauen. Sie bietet außerdem die Möglichkeit, mit Daten experimentieren zu können: Tamedia arbeitet derzeit an der Entwicklung eines Algorithmus, mit dem getestet und vorhergesagt werden soll, welche der Geschichten die erfolgreichste in 12-App sein wird.

„Wir haben zahlreiche hochwertige Inhalte zu bieten”, sagt Michael Marti, Leiter der Digitalabteilung des Tages-Anzeiger, in einem Interview in seinem Büro im Hauptsitz von Tamedia. Marti überwacht die Entwicklung der App und leitet das Team von 12-App. „Die eigentliche Idee war, dass wir eine Plattform für den Verkauf der Inhalte in einer neuen Fassung und mit neuem Titel aufbauen wollten.“

Marti ergänzt, dass die App bereits circa 40.000 Mal heruntergeladen wurde und über 15.000 Nutzer pro Tag verfügt. Die Nutzer haben jeden Monat Zugang zu zwölf kostenfreien Geschichten – erst dann müssen sie für die Inhalte bezahlen. Ungefähr 1.500 Nutzer zahlen monatlich sechs Schweizer Franken (etwa 6 US-Dollar) für ein einfaches Abonnement. Dabei erhalten 40 Prozent der Abonnenten einen vollen Zugriff auf die App durch bereits bestehende Abonnements für andere Veröffentlichungen von Tamedia.

Möglicherweise gibt es nicht allzu viele Menschen, die bereit sind, für eine digitale Tageszeitung jährlich 300 oder 400 Franken zu bezahlen. Um ehrlich zu sein, verstehe ich das, sagt Marti. Aber das bedeutet nicht, dass es niemanden gibt, der dazu bereit wäre fünf, sechs oder sieben Franken [monatlich] zu bezahlen.

Die App wird täglich zur Mittagszeit aktualisiert und Nutzer erhalten dann eine Push-Mitteilung, die sie auf die zwölf neuen Geschichten hinweist. Ungefähr 5.000 Nutzer öffnen die App direkt, wenn eine neue Ausgabe bereit liegt und sie wischen durch durchschnittlich sechseinhalb Geschichten.

Tamedia bewirbt die App dabei nicht als eine Möglichkeit, stets auf dem neusten Stand der Nachrichten zu sein – vielmehr soll die App eine Chance für die Leser darstellen, den Kontext um die einzelnen Geschichten herum mit zusätzlichen interessanten Geschichten zu erhalten.

Tamedia startete die Entwicklung der App Ende 2014 nach einem internen Erfinderwettbewerb. Bei diesem waren Teams dazu aufgefordert worden, ihre Ideen bei der Firma mit der Prämie einer finanziellen Förderung einzureichen. Die App erschien im letzten Oktober für iOS und im Februar für Android.

Nachrichtenagenturen wie The Economist mit seiner „Espresso App” und die New York Times mit ihrer „NYT Now App” haben auf ähnliche Weise Nachrichtenprodukte konzipiert. The Economist bietet dabei die Espresso App zu einem günstigeren Preis als ein reguläres Abonnement an. NYT Now wurde ursprünglich als ein zu abonnierendes Produkt konzipiert. Nachdem die App allerdings keine angemessene Menge zahlender Abonnenten gewinnen konnte, bot die Times sie kostenlos an.

Das Ziel von Tamedia mit seiner 12-App ist es, 60.000 Downloads und 2.200 zahlende Abonnenten zu erreichen. In einem deutschsprachigen schweizerischen Markt mit nur fünf Millionen Menschen ist die Anzahl der Personen, die die App erreichen kann, jedoch begrenzt. Die Firma versucht aber ihre Attraktivität für die Leser zu erhöhen, indem sie bestimmte Daten in ihren Entscheidungsprozess mit einbezieht.

Am Ende einer jeden Geschichte werden die Leser gefragt: „War dieser Artikel lesenswert?”. Ungefähr 20 Prozent der Leser beantworten diese Frage und von diesen sagen mehr als 80 Prozent, dass die Artikel lesenswert waren. Durch die Verbindung dieser Informationen mit der Anzahl der Klicks, die jede Geschichte erhält, hat 12-App ein System erstellen können, das es gestattet, zu bestimmen, welche Geschichten die Leser wirklich lesen möchten. Die Firma kann die Geschichten in Bezug auf die Veröffentlichung, das Thema und mehr rangieren und klassifizieren. Durch die Nutzung dieser Daten waren die Mitarbeiter dazu in der Lage, festzustellen, dass die Leser nicht an Lifestyle-Geschichten interessiert waren – sie hatten niedrige Ratings und nur eine geringe Reichweite – und daher wurden diese Geschichten aus der App genommen.

Die App ist am meisten daran interessiert, Geschichten anzubieten, die die Leser hoch einstufen. Dies liegt besonders daran, dass es sich um ein werbefreies Produkt handelt, das man abonnieren muss. Marti äußert sich dazu mit den Worten: „Wir verkaufen bezahlte Inhalte und versuchen daher auf der sicheren Seite sein. Wenn wir uns zwischen einer hohen Bewertung und einer hohen Reichweite entscheiden müssen, dann entscheiden wir uns für die hohe Bewertung.“

12-App hat zudem noch komplexere Dateneinheiten entwickelt. Zu diesen gehören der „Großartigkeitsfaktor“, der die positiven Bewertungen sowie die Reichweite der Geschichten miteinander kombiniert. Er misst zudem die Involvierung, indem die Gesamtanzahl der Bewertungen durch die Zahl der Seitenbesuche geteilt wird. 12-App hat all diese Daten zusammengeführt und sie dazu genutzt, um ein voraussagendes Werkzeug namens Roboeditor zu entwerfen. Dieser wurde als webbasierter Prototyp im April eingeführt.

Redakteure geben den Text, den Autor und die ursprüngliche Veröffentlichung sowie die Kategorie in Roboeditor ein. Unter Zuhilfenahme, der zuvor in 12-App veröffentlichten Geschichten, sagt das Tool die Reichweite, Bewertungen, den „Großartigkeitsfaktor“ sowie die Involvierung voraus.

Der Gedanke dahinter ist, dass Redakteure dazu in der Lage sein sollen, unter Zuhilfenahme dieser Daten Geschichten auswählen zu können, die in der App am erfolgreichsten sein werden. Marti sagte dazu, dass Roboeditor über eine Erfolgsrate von 83 Prozent verfügt. Während er sich weiterhin in der Testphase befindet, würde er ihn letztendlich gern in das CMS von 12-App integrieren.

„Die Idee ist es nicht, die Redakteure, also die Menschen zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen. Sie müssen 300 Artikel lesen und das beansprucht viel Zeit”, sagt er dazu. Er stellt sich vor, dass Redakteure jeden Morgen eine Liste mit 50 Geschichten erhalten und dass sie von dieser zwölf aussuchen müssen.

Die ersten drei oder vier Geschichten in jeder Ausgabe von 12-App beziehen sich normalerweise auf die Tagesnachrichten. Bei den übrigen Inhalten, die in die App aufgenommen werden, handelt es sich um solche, die die Redakteure zu den besten Geschichten des Tages zählen. Tamedia weist seine Verleger jedoch weiterhin dazu an nicht mehr als drei Geschichten einer einzelnen Veröffentlichung auszuwählen. Dies geschieht aus der Angst heraus, dass wenn noch mehr mit einbezogen würde, Abonnenten sich von diesen Ausgaben zurückziehen könnten.

Ein Team von sechs Personen arbeitete an der Entwicklung der App, wobei es nun einen Redakteur gibt, der sich auf die Zusammenstellung der täglichen Ausgaben konzentriert. Sie überarbeiten Überschriften und wählen neue visuelle Unterstützung für die Geschichten aus, um die App noch ansprechender für mobile Nutzer zu machen. Beispielsweise wurde in einer Geschichte aus dem vergangenen Herbst über die Mafia in Neapel ein Foto von den Straßen Neapels gezeigt. Die Version der Geschichte in 12-App zeigte ein Foto einer blutüberzogenen Windschutzscheibe.

Marti sagt, dass die Redakteure der vielen verschiedenen Veröffentlichungen von Tamedia ihm häufig E-Mails zuschicken, in denen sie darum bitten, dass ihre Geschichten in die App aufgenommen werden. Und für einige Publikationen, wie das Frauenmagazin Annabelle, stellt 12-App die einzige mobile Präsenz dar.

Er fügt hinzu: „Dies ist das erste Mal, dass wir gezielt ein digitales Produkt herstellen.“ Für die Firma bedeutet 12-App, dass die verschiedenen Titel zum ersten Mal wirklich zusammengearbeitet haben. Marti erwartet weiterhin, dass die Kollaboration auch bei einer Veränderung der Digitallandschaft bestehen bleiben wird. „Dies ist der Anfang eines neuen Denkens. Unterschiedliche Titel können und müssen zusammenarbeiten.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image 12-App Screenshot by 12-app.ch


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Joseph Lichterman

Joseph Lichterman

schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit.

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