Alle Beiträge zu Verhaltensökonomie

Wie technokratische Metaphern das Denken vernebeln

light-1365093_1920 (adapted) (Image by bykst [CC0 Public Domain] via pixabay)
Den Predigern des Managements sollte man mal die Frage stellen, was denn die ganzen Empfehlungen, erfundenen Modelle, Regeln und empirisch nicht nachprüfbaren Thesen wert sind, wenn es um die Rolle von Glück und Zufall geht? Malte Buhse widmete sich in der Wirtschaftswoche vor einigen Wochen dem neuen Buch von Michael [...]
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Warum die VWL reformiert werden muss

An den VWL-Fakultäten wird die plurale Ökonomik nicht gefördert. Ein Update mit Hilfe der Verhaltensökonomie wäre von Nöten. Warum verschiedene Ansätze so wichtig sind. Vor vier Jahren hat mich auf der Frankfurter Fachtagung “Ökonomie neu denken” der Verhaltensökonom Professor Armin Falk von der Uni Bonn am meisten überzeugt – und das schreibt das Notiz-Amt nicht aus Lokalpatriotismus. Die Verhaltensökonomik ist wohl die beste Antwort auf das Versagen der klassischen Ökonomie, wirtschaftliche Vorgänge zu beschreiben und wissenschaftlichen Rat für wirtschaftspolitisches Handeln zu erteilen. Schön die Bemerkungen über die “alten” VWL-Hochschullehrer, die im Brustton der Überzeugung ihre recht verstaubten Methoden verteidigten und häufig entgegnen: “Das ist einfach so.” Jo. Es ist eben doch nicht einfach so. Vielleicht ist es ganz anders, wenn man sich das Diktum des rationalen Verhaltens im Alltag mal genauer betrachtet. Etwa bei der Wahl der richtigen Form der Altersvorsorge.

Entscheidungshilfen

Wenn wir in vielen Entscheidungssituationen nicht in der Lage sind, uns rational zu verhalten, kann es durchaus Sinn machen, dem Modell des sanften Paternalismus zu folgen – generell reagiere ich ja bei paternalistischen Konzepten allergisch. Aber wenn wir die Wahlfreiheit haben, ein Angebot abzulehnen, ist das eine gute Lösung. Es gibt eben Menschen, denen man Entscheidungen abnehmen sollte. Am Beispiel der Organspende hat das Falk sehr gut skizziert. In so genannten Opt-in-Ländern wie Deutschland, die ausdrücklich eine Zustimmung für Organspenden verlangen, ist die Zahl der Organspender gering. In Ländern mit Opt-out-Regeln (hier muss explizit seinen Willen bekunden, seine Organe nicht zu spenden) liegt die Quote der Organspender um ein vielfaches höher. Das könnte man auch im Datenschutz so handhaben. Gibt es nun in der Volkswirtschaftslehre nach der Finanzkrise ein fundamentales Umdenken?

Mikroökonomie und der rationale Homo Oeconomicus

Nach Auffassung von Professor Justus Haucap dürfte zumindest in der Modernen Mikroökonomie, das Modell des stets rationalen Homo Oeconomicus von heute, schon nicht mehr der Mainstream sein.

“Mainstream ist vielmehr inzwischen die Verhaltensökonomie, die Menschen nur eine begrenzte Rationalität unterstellt und davon ausgeht, dass zumindest ein Teil der Menschen immer wieder Fehler macht und kognitiven Verzerrungen unterliegt. Die Psychologie ist somit schon längst mitten in der Volkswirtschaftslehre angekommen.”

Ernst Fehr, Reinhard Selten und Axel Ockenfels seien nur drei Namen aus einer ganzen Reihe von Verhaltensökonomen aus dem deutschsprachigen Raum.

Auf Basis dieser Einsichten beschäftigen sich Ökonomen heute daher zum Beispiel mit der Frage, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen auf welchem Markt gelten sollten, damit Wettbewerbsprozesse in solchen Bahnen verlaufen, dass Verbraucher davon profitieren und nicht durch Täuschen und Tricksen systematisch hereingelegt werden

, schreibt Haucap im Onlinemagazin Merton.

Macht und Informationsprobleme

Eine wichtige Aufgabe sieht er in der interdisziplinären Arbeit der VWL. Mikroökonomische Modelle, in denen Macht, Informationsprobleme und begrenzte kognitive Fähigkeiten eine Rolle spielen, sollten stärker mit der Makroökonomie vereint werden. Letztere Disziplin dominiert in den steuerfinanzierten Wirtschaftsforschungsinstituten als wichtigste Denkfabriken für die politischen Entscheider in Bund und Ländern. Genau hier gibt es zu viele Modellschreiner, die vor lauter Wald keine Bäume sehen und eine katastrophale Politikberatung leisten. Die ökonomische Lehre leidet jedenfalls an einer Fragmentierung, kritisierte Professor Nils Goldschmidt, Direktor des Zentrums für ökonomische Bildung an der Universität Siegen, auf der diesjährigen Ökonomie-neu-denken-Tagung.

Er fordert einen pluralen Diskurs in der VWL. Es könne doch nicht sein, dass man die politische Ökonomie in den Modellwelten ausblendet:

Wenn ich über Entwicklungsprobleme in Afrika sprechen will, dann muss ich über politisch-ökonomische Prozesse sprechen, dann muss ich entwicklungsökonomisch denken. Wir brauchen wirtschaftshistorische Forschung, wir brauchen in vielen Bereichen institutionen-ökonomische und verfassungsökonomische Forschung.

Diese unterschiedlichen Zugänge zur Ökonomie erwartet die Öffentlichkeit und erwarten die Studenten. Es geht um politische Ideen, um Ethik im Wirtschaftsleben, um die Gestaltung der Gesellschaft und um zivil-gesellschaftliches Engagement. Es geht immer stärker auch um netz-ökonomische Trends. Genau diese Fähigkeiten werden an vielen VWL-Fakultäten nicht gefördert – also plurale Ökonomik. Deshalb sinkt auch die Attraktivität der VWL, die die Studentinnen und Studenten mit überkommenden Theoriemodellen traktieren. Dabei ist es doch die Stärke einer wissenschaftlichen Disziplin, multiple Methodiken zu vermitteln und nicht von einem unumstößlichen Identitätskern zu sprechen. Unterschiedliche Erkenntniswege und Zugangswege sind in der Soziologie oder Politologie an der Tagesordnung.

 

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5 Lesetipps für den 27. August

In unseren Lesetipps geht es heute um das neue Design von Quartz, das Kill Switch-Gesetz, die NSA kopiert Google, Messanging und wissenschaftliche Politik. Ergänzungen erwünscht.

  • QUARTZ Katharina Brunners Blog: Das neue Design ist nicht das tolle an Quartz: Auf ihrem Blog schreibt unsere Autorin Katharina Brunner über das neue Webdesign von Quartz, eine meiner Lieblingsseiten in diesem Internet. Dabei setzt sich Katharina mit dem Mobile First-Design auseinander und die Darstellungen von Texten unter der Annahme, dass die Startseite tot ist.

  • KILL SWITCH ReadWrite: How California’s Smartphone Kill Switch Law Could Affect Everyone: In Kalifornien wird mit einem seltsamen Gesetz auf den verbreiteten Diebstahl von Smartphones reagiert. Ab dem 1. Juli 2015 dürfen in dem US-Bundesstaat nur noch Smartphones verkauft werden, deren Betriebssystem bei Diebstahl per Fernsteuerung gelöscht werden kann und somit unbrauchbar werden. Doch das Gesetz hat vielleicht negative Folgen für die Nutzter, wie Adriana Lee auf ReadWrite erklärt.

  • ÜBERWACHUNG Golem.de: NSA hat eigene Suchmaschine gebaut: Auf Golem berichtet Thorsten Schröder, dass die NSA offensichtlich seit Jahren eine Google-ähnliche Suchmaschine nutzt, um schnell und effizient auf die durch die Überwachung gesammelten Daten zugreifen zu können. Interessanter ist, dass die Informationen neu veröffentlichten Snowden-Dokumenten stammt, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen ist.

  • MESSANGING ReadWrite: Why We Need Messaging Apps: Im Zeitalter von sozialen Netzwerken ist das Teilen von Inhalten auf Facebook, Twitter & Co. schon Standard geworden, doch paradoxerweise teilen wir auf diese Weise viele Inhalte mit am Ende wenigen Leuten. Effizienter ist das direkte Teilen, ermöglicht durch Messenger-Apps. Auf ReadWrite schreibt Selena Larson, warum Messaging wichtig ist und nicht so schnell weggehen.

  • VERHALTENSÖKONOMIE F.A.Z.: Kanzlerin sucht Verhaltensforscher: Das Bild des wissenschaftlichen Regierens passt eigentlich ganz gut zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. So verwundert es eigentlich nicht, dass das Bundeskanzleramt drei Referenten mit tiefen Kenntnissen über Psychologie, Anthropologie und Verhaltensökonomik für den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben sucht. Ziel ist es, neue Methoden für „wirksames Regieren“ zu erproben. Dafür sollten Erkenntnisse der Verhaltensökonomie stärker genutzt werden. Denn Forscher hätten herausgefunden, „dass viele Menschen so handeln, dass es ihren eigenen Interessen widerspricht“. Ein wahrscheinlich altbekanntes Problem der Politik.

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