Steffen BüffelJahresrückblick 2007, Teil 2: Von Telefonen und Plattformen

iPhone Time Cover mit iPhoneAlte Technik mit Knebelvertrag sagen die Kritiker. Neuerfindung und Revolution des Telefonierens jubeln die Fans und das Chef-Apfelmännchen Steve Jobs. Für das Time Magazine war Apples iPhone gar die “Invention of the Year 2007“, für die Konkurrenz war es ein Schlag ins Gesicht. Denn Apple hat allen (mal wieder) gezeigt, wie man durch die geschickte Kombination aus Basistechnologien, Design, User Interface und Markenkult einen eigentlich als gesättigt geltenden und eh schon hart umkämpften Markt erfolgreich aufmischt. Wer dem Kult folgen will, legt als T-Mobile Kunde in Deutschland 399 Euro plus Vertragskosten hin. Vodafone ist mit einer Klage gegen die Exklusivvermarktung nach anfänglichem Erfolg dann doch gescheitert. Nun boomt der iPhone-Import durch eBay und befreundete USA-Urlauber. Nicht gerade zimperlich mit dem iPhone umgegangen sind übrigens auch die Tester von Will it Blend: Android Android Fast noch wilder als die Gerüchte im Vorfeld des iPhone-Launches waren 2007 die Spekulationen zu einem möglichen Engagement von Google im Mobilfunkbereich mit einem eigenen Endgerät. Schlussendlich war es nicht das vermutete Google-Handy, sondern viel mehr als das: Unter dem Namen Android firmiert die nach Googles Angaben erste komplett offene und kostenlose Plattform für Mobiltelefone, die Google mit einer Reihe von Partnern ins Leben gerufen hat. Dass dieser Schritt ein weitreichendes Potenzial hat wird allenthalben vermutet, ob und wie genau Android am Ende den Mobilfunkmarkt revolutionieren wird, wird sich zeigen. OpenSocial OpenSocialDass Microsoft 240 Millionen US-Dollar für einen 1,6 Prozent-Mini-Anteil an Facebook ausgibt, war ja eigentlich schon die Knüllermeldung im Oktober 2007. Eine Woche später toppte Google den vermeintlichen Coup von Microsoft-CEO Steve Balmer aber mit der Ankündigung von OpenSocial. Dabei handelt es sich um ein Set von Standards und Schnittstellen (im Techniksprech: APIs), die es ermöglichen, die teilnehmenden Social Networking Sites miteinander zu verzahnen. Von Anfang an mit dabei werden sein: Ning, LinkedIn, Hi5, Friendster, orkut, bebo, Xing und – ach ja – auch noch MySpace. Microsoft steht mit seinem Facebook-Deal seither etwas alleine da. Natürlich bleibt abzuwarten, was genau mit OpenSocial passieren wird und wo sich – wenn überhaupt – der Mehrwert für die Nutzer zeigen wird. Es riecht ein wenig nach dem Austausch nutzerspezifischer Daten zu Zwecken der Bespaßung mit Werbung, aber wir wollen mal (noch) nicht unken. Ein genialer Zug im Kampf Google vs. Microsoft war es allemal. Man fragt sich nur, wo Yahoo bei dem Spielchen bleibt? Second Life Second LifeKaum ein Thema wurde 2007 so kontrovers (und dennoch oft oberflächlich) diskutiert wie der Sinn und Zweck von Second Life. Kaum ein Dienst wurde binnen eines Jahres so hoch gelobt und dann doch wieder so runtergeschrieben wie die virtuelle Parallelwelt. Namhafte Großunternehmen landeten 2006 zu Jahresbeginn immer wieder PR-Scoops durch den Launch einer eigenen SL-Dépendance. Den Machern von Linden-Lab konnte all der Buzz eigentlich nur recht sein. Man spricht über das zweite Leben, sucht weiter eifrig nach Geschäftsmodellen. Fakt ist: Second Life hat einen harten Kern an Nutzern gefunden und wird wie so manch anderer Dienst seine Nische finden. Von dort ausgehend ist im Long Tail alles möglich… Betriebssysteme VistaUbuntuOS X Leopard2007 war auch das Jahr der Betriebssysteme: Microsoft brachte bereits im Januar das lang ersehnte und danach viel gescholtene Vista auf den Markt. Doch während man als Windows-User durchaus Erfahrung hat mit Sicherheitslücken, Patches und Service-Packs mussten Apple-Fans nach dem offiziellen Start von Leopard im Oktober erstmals auch in diesen sauren Apfel beißen. Mit über 300 neuen Features unter und über der Haube ist OS X 10.5 zwar das größte Betriebssystem-Update in der Apple-Geschichte, gleichzeitig wohl aber auch das holprigste. Dennoch: Die Fangemeinde sowohl bei Microsoft als auch bei Apple scheint im Großen und Ganzen den Neulingen eine Chance zu geben. Der nicht mehr ganz so heimliche Newcomer bei den Betriebssystemen ist Ubuntu. Die vielversprechende Open-Source Linux-Distribution ist wie OS X im Oktober in Version 7.10 auf den Markt gekommen und sieht – durchaus nicht ganz selbstverständlich in diesem Markt – sogar schick aus. Ubuntu rollt in Siebenmeilenstiefeln das Feld der Linux-Distributionen auf. So liefert der Computerhersteller Dell seine Rechner inzwischen wahlweise mit dem Open-Source System aus, wenn der Kunde dies wünscht.

Thomas Gigold“Wir leiden unter einem chronischen NDA-Syndrom”

Frank Westphal ist Software-Entwickler und -Coach. Mit seinem kleinen Dienst Rivva, der vor wenigen Wochen startete, schuf er einen kleinen “Blogmonitor” als Pulsmesser für die deutsche Blogwelt. Die Blogpiloten sprachen mit ihm über diesen Service, die Eigenheiten des Web 2.0 in Deutschland und die Zukunft des Internet.

Stell Dich bitte doch kurz vor: Wer bist Du, was machst Du?

Ich bin eigentlich freier Softwareentwicklungscoach, gönne mir jedoch gerade ein Sabbatical und arbeite nebenher an ein paar eigenen Geschichten.

Was ist Rivva?

Rivva möchte so etwas wie Techmeme für die deutschsprachige Blogosphäre werden. Mein Ziel ist es, den Zeitgeist und die Themen, die in den Weblogs ein größeres Echo finden, automatisch einzufangen und zu einer Top-News-Seite zu aggregieren. Die Idee ist vergleichbar mit Google News, nur dass wir Blogger Redakteure des Ganzen sind.

Was ist Dein persönlicher Antrieb für das Projekt Rivva?

Rein egoistische Gründe: Ich möchte mehr Zeit fürs Wesentliche haben, insbesondere um die Dinge und Ideen, die ich im Netz lese und lerne, auch ausprobieren und umsetzen zu können. Ich könnte ja den lieben langen Tag durchs Web stöbern, allerdings täte ich so nichts anderes mehr geregelt bekommen: Getting Nix Done. Mit Rivva möchte ich, im Gegenteil, in die Lage kommen, in kürzerer Zeit einen möglichst umfassenden Ausschnitt der aktuellen Diskussion im Netz verfolgen zu können, und darüber hinaus hin und wieder auch über den persönlichen Tellerrand geführt werden.

Ist das Projekt als kommerzielles Unternehmen gedacht, oder betreibst Du es “aus Spaß”?

John Lennon sagte mal: Leben ist, was Dir passiert, während Du eifrig andere Pläne machst. Momentan genieße ich hauptsächlich meine Freiheit und nebenher meine kleinen Projekte. Vor mir türmt sich ein Berg cooler Ideen auf, könnte also noch richtig spannend werden. Ich will mich jedoch auf nichts festlegen und einfach mal überraschen lassen, wohin Rivva wohl treibt.

Was wird uns bei Rivva noch erwarten, wie sieht die nahe Zukunft des Projektes aus?

Da ich die Seite zu einem extrem frühen Zeitpunkt geöffnet habe, fehlen einige Basics. Dieser Tage wird eine News-River-Seite hinzukommen, Ende März Monats- und Wochenarchive, im April vielleicht schon das erste Gimmick. Mein größtes Interesse steckt im Moment in experimentellen Features, die ich zum Testfahren nach und nach veröffentlichen möchte. So ähnlich, wie sich bei Google über die Jahre kaum etwas an der Oberfläche getan hat und fortlaufend, für uns aber fast unsichtbar an den Suchfunktionen gefeilt wird, hänge auch ich mit dem Kopf hauptsächlich unterhalb der Motorhaube. Jedes noch so coole Feature wird von Relevanz gestochen, das ist mein Fokus.

Rivva setzt auf das Framework “Ruby on Rails” auf, ähnlich wie viele andere Web 2.0-Website wie bspw. QYPE, an dessen Entstehung Du beteiligt warst. Wieso ist das so? Was macht “RoR” so besonders?

Zum einen hat Ruby on Rails die Weichen neu gestellt in puncto Produktivität, Agilität und Einfachheit. Zum anderen ist RoR momentan der wahre Innovationsmotor im neuen Web: AJAX, REST, diese Dinge sind Teil des Frameworks. Oder nehmen wir Tagging, das ist in Ruby ein Einzeiler: acts_as_taggable. Aus vielen Projekten sind mittlerweile so viele gute Ideen zurück ins Framework geflossen oder dem Plugin-Marktplatz zugute gekommen, dass wir uns praktisch nicht mehr um Technologiekrimskrams kümmern müssen, sondern sofort auf die Umsetzung der Ideen stürzen können, die unsere Web-App von anderen unterscheidet. Time to Market wird immer wichtiger, schließlich will jeder seine neue Site nach Wochen launchen, nicht Monaten. Zu guter Letzt, glaube ich, dass man mit der Entscheidung für Ruby auch bessere Softwareleute anzieht.

Kommen wir einmal auf das “Web 2.0″ im Allgemeinen zu sprechen: Was zeichnet für Dich das neue “Web 2.0″ aus?

Für mich ist das neue Web vor allem das alte Web: Es wird langsam erwachsen und so, wie es immer sein wollte: beschreibbar (Blogs, Wikis), mit reichen Interaktionsmöglichkeiten (AJAX, DHTML, Javascript, das endlich funktioniert), partizipativ (Social Networks, Weblogs, Audio/Video Podcasts, Screencasts), skalierbar (Torrents), annotierbar (Tagging), remixbar und offen über Web-APIs (Mashups, REST), mit referenzierbaren Inhalten (Micro Content), über hübsche stabile URLs (Permalinks), auch rückwärts (Trackbacks), mit semantischen Datenformaten (Microformats, JSON, Webstandards) und über Änderungshistorien verfolgbar (RSS, Atom, SSE, Ping). *hol Luft*

Neben all den sozialen Implikationen, die wir gerade aus den neuen Möglichkeiten entstehen sehen, fasziniert mich vor allem die Echtzeit- und ortsbezogene Komponente: Das Web wird immer schneller, zum Live Web. Ebenso kennt die Ausbreitung des Netzes in die reale Welt keine Grenzen mehr: neue Geo-Dienste, mobiles Web und Ubiquitous Devices; diese Themen finde ich ziemlich spannend. Im Thema Mashups steckt auch noch viel Potenzial.

Wie siehst Du die Web 2.0-Szene hier in Deutschland? Ich habe den Eindruck, in den letzten Monaten entstehen auch hierzulande einige sehr gute Ideen.

Meine ich auch, vor allem im Social-Commerce-Sektor: Dawanda, Dealjäger, Spreadshirt, Yieeha. Gute Ideen gut umgesetzt. Allerdings finde ich auch, dass hierzulande viel zu sehr über den großen Teich geschielt wird. Dieser gebannte Blick führt zu Lähmung. Außerdem reden und analysieren wir die Dinge in Deutschland klein und kaputt. Hype, Klon, Bubble sind Vokabeln, die wir mal wieder bewusster einsetzen könnten. Und überhaupt wird aus meiner Sicht zu viel geredet und zu wenig gemacht. Wir leiden unter einem chronischen NDA-Syndrom: Not Doing Anything.

Doch genug gejammert, nach Sandwich-Technik muss meine Antwort ja auf einem positiven Aspekt enden. Daher ein Minibuchtipp: “Who moved my Cheese?” Mein Lieblingssatz: “What would you do, if you weren’t afraid?” Einfach mal machen, wäre mein Tipp. Überhaupt einmal anzufangen, ist der wichtigste Schritt.

Was fehlt im Web 2.0? Außer den meisten Unternehmen offenbar ein Business-Plan?

Den fehlenden Businessplan sehe ich, ehrlich gesagt, als Stärke. Bestes Beispiel ist das gerade ausführlichst diskutierte Twitter. Obwohl die Jungs mit Odeo eine der ersten und besten Podcasting-Plattformen am Start hatten, haben sie auf dem Weg ihren Drive und Fokus verloren und sich von PodShow, PodTech und Konsorten überrunden lassen. Evan Williams hat darauf den meiner Meinung nach mutigsten Schritt im Jahr 2006 gemacht: seine VCs rauszukaufen, somit wieder frei zu sein und sich auf vielversprechendere Ideen stürzen zu können als die ursprünglich im Businessplan anvisierten Ziele: Odeo.com steht seit Februar zum Verkauf, alle Kraft voraus auf Twitter.com! Was fehlt meines Erachtens im Web 2.0? Ich glaube, ein schlagkräftiger Herausforderer zur Datenkrake Google wäre ganz dufte.

Wo wird sich das Web Deines Erachtens hin entwickeln? Werden wir alle bald im “Second Life” stehen?

Nein, glaube nicht. Ich denke vielmehr, dass das Pendel schon bald wieder in die andere Richtung ausschlagen könnte: Von Always-On und hemmungsloser Mitteilsamkeit zu einer gesunden Balance aus Offenheit und Privatsphäre. Ich glaube, dass wir unsere lokalen Communities wieder entdecken werden und dass das Web ziemlich schnell unsichtbar werden wird durch die vielen kleinen Gerätschaften, die darüber miteinander verbunden sind. Der Witz, nach seinen verlegten Schlüsseln zu googeln, wird dann keiner mehr sein.


Thomas GigoldSecond Life

Spreeblick beschreibt “Second Life” in einem Eintrag als “virtuellen Swingerclub für Journalisten“. Denn es scheint, als hätte sich ein jeder Redakteur damit vereinbart, das es sich bei “Second Life” nicht nur um ein formidables Freizeitvergnügen handele, sondern dies auch für das Business das Eden der Zukunft scheint. In Folge dessen gehen immer mehr Firmen dazu über, nicht nur im ersten Leben, sondern auch im zweiten präsent zu sein. Die neue deutsche Ausgabe der Vanity Fair hat es jetzt gar geschafft, vor einer ordentlichen Website erst einmal ein Haus in Second Life zu erbauen. Für alle – trotzdem – Interessierten am derzeitigen Hype-Thema haben Markus Breuer und Sebastian Küpers für Pixelpark ein White Paper für Second Life zusammengestellt und gehen der Attraktivität der virtuellen Welt dort nach. [tags]second life[/tags]

Thomas GigoldFahren in virtuellen Welten

Nach Toyota, Nissan, Mazda und anderen Auto-Herstellern wie Pontiac entdeckt jetzt auch Mercedes-Benz die virtuelle Welt Second Life. Der Autokonzern eröffnet seine neue “Filiale” am 20. Februar mit einem Konzert seiner “Mixed Tape“-Künstler und Geschenken an die Community in Form von virtuellen Renn-Overalls. Begleitet wird der Eintritt in die neue Welt mit einem kleinen Blog. [tags]second life,mercedes benz[/tags]

Thomas GigoldF.A.Q. zu Second Life

Markus Breuer stellt in seinem Weblog eine F.A.Q.-Liste zur Online-Welt Second Life zusammen. Bisher hat der Business Consultant und SE-Fan sieben häufige Fragen zum Spiel beantwortet: #1: Dazu haben Sie Zeit? #2: Sind da wirklich schon 3 Millionen Menschen unterwegs? #3: In Second Life dreht sich doch alles um Geld, oder? #4: Wie kann man nur virtuelle Dinge mit ECHTEM Geld bezahlen? #5: Ist Second Life nicht voller Sex und Pornographie? #6: Sind virtuelle Welten nicht suchtgefährdend? #7: Kann man in Second Life wirklich einfach echtes Geld verdienen? Über das Leben im Netz und in Second Life hat Markus Breuer im November für die Blogpiloten einen Gastbeitrag geschrieben. [tags]second life,faq[/tags]

Thomas GigoldThe Third Life

Mit einer neuen 3D-Welt will die Wiener Firma Avaloop der beliebten Online-Welt “Second Life” entgegen treten. “Papermint” ist eine Welt ganz nach dem großen Vorbild, welche man jedoch ohne Einschränkungen kostenlos nutzen darf. Das Projekt will sich zukünftig über kostenpflichtige Inhalte – etwa Gebrauchsgegenstände, die man für seinen Avatar erwerben kann – und Werbung großer Firmen finanzieren. Direkt vom Start weg ist Coca-Cola als Hauptkooperationspartner mit an Bord. Bis zum 25. 2. ist “Papermint” noch in einem stark begrenzten Beta-Test zu begehen. Die Server für die neue Welt sind werktags nur zwischen 16:00 und 22:00, am Wochenende von 10:00 bis 22:00 Uhr geöffnet. Dazu gibt es in Wien ab Samstag eine Ausstellung zum Launch des Spiels. [tags]3d,social,second life,papermint[/tags]

Thomas GigoldDas zweite Leben

Die Online-Welt von ‘Second Life’ zieht Millionen Menschen in ihren Bann, die in der neuen virtuellen Welt siedeln und ihre eigene Identität neu erschaffen. Ein Markt, den zunehmend auch Unternehmen entdecken und in das zweite Leben eindringen. [Mehr]