Warum Tablet seine Kommentare zu Facebook auslagerte

Anstatt 180 US-Dolllar pro Jahr zu zahlen, um auf Tablet zu kommentieren, sahen sich die Leser in den sozialen Netzwerken um. “Eigentlich wollten wir nur die Kommentare von unserer Seite verschwinden lassen“, so das Magazin. Nach der Veröffentlichung des Artikels von Tablet-Autor Yair Rosenberg über jüdische Themen am 19. Mai, führte dieser fast eine Woche lang die Top-Listen des Online-Magazins an. Er schrieb über eine Rede, die Peter Salovey, Rektor der Universität von Yale, zu einer Absolventenfeier vortrug. Der Post wurde über 200 mal retweetet, schlug aber erst bei Facebook so richtig ein. Hier erreichte der Beitrag mehr als 3.100 Likes und wurde über 13.500 mal geteilt. Der Post bei Facebook zog zudem Dutzende Kommentare nach sich, die die Menschen als Reaktion auf die Rede von Salovey hinterließen.

Der einzige Ort, an dem nicht darüber gesprochen wurde, war auf der Webseite von Tablet selbst. Hier erreichte der Artikel genau null Kommentare. Und das war genau das, was das Magazin erreichen wollte.

Seit Februar nimmt Tablet als Teil der Bemühungen, den Kundenkontakt rund um die Artikel zu verbessern, Gebühren für Kommentare auf der Seite. Diese Entscheidung, und natürlich der Preis selbst, hat damals für ziemlichen Wirbel gesorgt, doch Redakteurin Alana Newhouse sagte mir, dass man damit den gewollten Effekt erreicht hätte: Die Qualität der Kommentare wurde besser, ohne dass der Traffic von Tablet eingebrochen sei.

“Manche Leute haben gradeheraus gesagt, dass sie das Format auf Tablet vermissen, auf dem sie bisher immer kommentiert haben“, sagt sie. “Aber die meisten, vor allem unsere aktiven Leser, teilten mir mit, dass es für sie kaum einen Unterschied macht.“ Vor der Umstellung nutzte Tablet ebenfalls Facebook als Kommentarplattform. Seither habe sich die Kommentare einfach zu Facebook verlagert, so Newhouse, und merkt an, dass Facebook und andere soziale Plattformen schon vorher viele der Kundenkontakte gehostet hatten.

Die Nutzer können sich einen Zugang zur Kommentarfunktion der Artikel von Tablet kaufen, das kostet 2 US-Dollar für 24 Stunden. Im Monat macht das 18 Dollar und für ein ganzes Jahr schon 180 US-Dollar. Etwa 100 Menschen haben für dieses Modell gezahlt, teilte mir Newhouse mit. Sie sagt aber auch, dass sie nicht genau weiß, wie viele Nutzer sich für welchen der Service angemeldet haben. In einer späteren Email meinte sie noch sie hätte “nie erwartet, dass sich so viele Menschen dafür eintragen würden!“

Von Anfang an hat Newhouse darauf bestanden, dass diese Entwicklung nicht beabsichtigt war, um Einnahmen zu generieren. “Es war ein Messaging-Versuch“, sagt sie. “Es geht darum, den Lesern mitzuteilen, dass wir im selben Boot sitzen. Wir geben euch kostenlosen Inhalt, und wir bekommen eure Leidenschaft, euren Respekt und euren Willen, das zu diskutieren, was wir hier auf den Tisch legen.“

Und trotzdem, sagt Newhouse, könne sie noch immer nicht mit “wissenschaftlicher Sicherheit“ sagen, ob sich der Inhalt der Kommentare nun verbessert habe, ob nun auf ihrer Seite oder bei Facebook. Sie sagt, sie hat nichts von “einer Riesenmenge leidenschaftlicher Schrecklichkeit“ mitbekommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass es die nicht gibt – ein Teil der Kommentare über den Artikel von Saloveys Rede hat sich mittlerweile in einen rhetorischen Brandherd des Israel-Palästina-Konfliktes verwandelt. Der einzige Unterschied dabei ist, dass dies nicht mehr auf der Seite von Tablet passiert. “Tatsächlich ging es uns darum, diese Art Kommentare von unserer Seite zu verbannen“, schrieb sie in einer Mail. Die Autoren der Seite, sagt sie weiter, waren die größten Unterstützer der Umstellung. Die vorherigen Umstände haben “demoralisierend“ auf die Mitarbeiter gewirkt.

Das Lustige daran war, dass bestimmte Menschen dieses Thema verfolgt haben. Sie haben mir danach Mails geschrieben, die wirklich lustig waren, denn sie schrieben Sachen wie ‚Wie läuft’s denn mit eurem neuen Kommentarsystem, du Schwachkopf?‘ Und man dachte sich nur: ‚Naja, es verschont mich zumindest davor, mit Leuten wie dir umgehen zu müssen, also funktioniert es doch ganz gut.‘ Ich finde es immer noch erstaunlich, dass die Leute nicht kapiert haben, dass sie selbst das Problem waren. Die fehlende Selbsterkenntnis mancher User ist wirklich erstaunlich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Niemanlab. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) “Facebook Beachfront“ by mkhmarketing (CC BY 2.0)

 


 

 

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Joseph Lichterman

Joseph Lichterman

schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit.

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